Kurztrip nach Bella Italia
Mit der Ankunft in Champsec hatte ich die letzten Tage doch einiges an Strecke gemacht, und war jetzt schon recht nah am Mont Blanc. Geografisch wurde es allmählich Zeit von der...

Veröffentlicht: 17.08.2020
Aosta war also erreicht. Und so schnell wollte ich von hier auch erstmal nicht wieder weg. Dazu passend fand ich einen netten und günstigen Campingplatz in unmittelbarer Nähe zum Supermarkt, zwei Pizzerien und einer Bar. Was braucht’s denn schon mehr zum Glücklich sein? Außerdem war ich nach sechs anstrengenden Tagesetappen am Stück ziemlich ausgelaugt und absolut in Stimmung mich mal wieder auf die faule Haut zu legen. Leider spielte dafür aber das Wetter nicht mit. Vor den nächsten Gewittern stand noch ein Tag Sonnenschein an. Ich entschied mich also für die Tagestour nach Punta Chaligne. Die lächerlichen 2243 Höhenmeter krieg ich bestimmt auch noch hin. Das wäre doch gelacht.
Das Dilemma an Aosta ist, dass es auf nur noch 550 Meter Meereshöhe liegt, aber trotzdem von den Höchsten der Alpen umrundet ist. Per Definition gibt es da also so gut wie keine kurzen Feierabendtouren, sondern nur epische Gewalttouren. Der Punta Chaligne ist gewissermaßen der Hausberg, und liegt von der Tourenlänge her grade mal irgendwo so im Mittelfeld. Da ich aber dachte, etwas schummeln hätte ich mir inzwischen schon verdient, fragte ich am Campingplatz mal nach passenden Busverbindungen. Und tatsächlich, neun Uhr morgens fuhr Bus 211 hoch zum Großen St Bernhard, und hatte sogar Platz für zwei Radel. Ist jetzt nicht der ganz Velo-freundliche öffentliche Verkehr wie in der Schweiz, hatte aber einen anderen unschlagbaren Vorteil - die Busfahrt war komplett kostenlos.
Am nächsten Morgen wartete tatsächlich nur noch ein weiterer Biker vor dem Bus, und mit etwas kreativer Bastelei bekamen wir die beiden Radel in das doch etwas enge Gepäckfach rein. Los ging‘s also. Die ersten 700 Höhenmeter waren somit zwar gespart, aber die restlichen 1600 galt es natürlich immer noch zu pedalieren. Aber es lohnte sich. Alles was Rang und Namen hat versammelte sich rund um den Gipfel - links der Gran Paradiso, rechts der Dent d‘Herens, und mittendrin Mont Blanc und Grand Combin. Das Matterhorn zierte sich etwas und versteckte sich hinter Wolken, aber das hatte ich ja eh schon zur Genüge von Zermatt aus begutachten können.
Dann folgte der wohl längste Singletrail den ich je gefahren bin. Selbst der Brasilianer muss hier vor Neid erblassen. Erst ging es etwas ausgesetzt ewig lang am Grat entlang, dann in eine sehr technische Passage mit zumindest für mich hohem Schiebeanteil. Und danach warteten immer noch 2000 Höhenmeter S1 Flowtrail, den man mit einigen Querungen und bis auf einen Gegenanstieg einfach so durchballern kann bis man sich irgendwann mitten im Stadtzentrum von Aosta wiederfindet und total irritiert feststellt - das Ding ist gar keine Penrose Treppe sondern endet physikalisch korrekt doch noch irgendwann im Tal.
Jetzt war ich wirklich durch. Zum Glück regnete es endlich, und der Ruhetag stand an. Mein Körper bekam seine wohlverdiente Pause. Bisher hält sich da übrigens auch alles ganz gut. Klar, die Hand macht noch Theater, aber das wird immerhin langsam besser. Leidvoll komme ich auch immer wieder zu der Erkenntnis, dass sich am Po trotz aller inzwischen wochenlangen Versuche einfach keine Hornhaut bilden will. Der rot geschwollene Pavianhintern ist also das unvermeidliche Leid des Langstrecken-Bikers. Sollte übrigens einer der Leser dieser Zeilen dieses Problem gelöst haben, bitte ich um Kontaktaufnahme! Davon abgesehen macht sich alles andere - Wadeln, Muskeln, Sehnen und was es da sonst noch gibt, aber tadellos. Toitoitoi, das soll hoffentlich auch weiterhin so bleiben.
