Veröffentlicht: 28.10.2016

































































Nach dem Partystrandort Máncora wollten wir auf jeden Fall wieder schnell in einen untouristischeren Teil des Landes und so entschieden wir uns für Chachapoyas, ein total charmantes Städtchen im Norden Perus, im Amazonashochland. Chachapoyas wird sich wahrscheinlich in einigen Monat vor Touris kaum noch retten können, und die ganze Stadt bereitet sich auch schon darauf vor, weshalb wir dann auch mitten in einer riesigen Baustelle gelandet sind. In der ganzen Stadt sind sämtliche Straßendecken aufgerissen weil neue Leitungen und Rohre gelegt werden. Bei uns würde man so ein Projekt wahrscheinlich Straße für Straße erledigen, hier wird einfach mal die ganze Stadt vom Teer befreit, in ein rostrotes Schlammchaos gestürzt und dann gemütlich mal an der einen und mal an der anderen Ecke ein bisschen gearbeitet. Die Hausfrauen sind rund um die Uhr am Putzen, damit der lehmartige Schlamm nicht das ganze Haus rot färbt. Die neuen Fußgängerzonen sind aber schon fertiggestellt und führen zu einem netten Hauptplatz mit Kirche, Cafés, Eisverkäufern und zig Tourveranstaltern, die einem alle Kueláp zeigen wollen. Ja dieses Kueláp ist auch der Grund, warum wahrscheinlich bald genau so viele Touris nach Chachapoyas strömen werden, wie zum Machu Picchu. Kueláp ist eine toll erhaltene Ruinenstadt der sogenannten Wolkenmenschen, oder Wolkenkrieger, die momentan noch 3 beschwerliche Autotostunden entfernt von Chachapoyas im Amazonasgebirge liegt. Doch schon im Februar soll die Seilbahn fertig sein, die einen dann ratzfatz über die Täler zu den Ruinen bringen wird. Wir hoffen jedoch für Chachapoyas, dass es seinen Charm behalten kann und nicht so endet wie Aguas Calientes.
Wir durften uns jetzt Kueláp aber noch auf die „anstrengende“ Tour erarbeiten und es war fantastisch. Die Festung wurde in den Jahren 800 bis 1300 n. Chr. gebaut und konnte bis zu 2000 Menschen der Chachapoya beherbergen. An den Stellen, an welchen es sowieso schon einen sehr steilen Abhang gibt, ist sie mit einer bis zu 21 Meter hohen Mauer gesichert. Durch dieses Mauer kommt man nur durch 3 sehr schmale Eingänge, die man super gegen Feinde verteidigen konnte. An einem Eingang kann man sogar noch Lama-Fußabdrücke erkennen, die sich in den weichen Kalkstein eingetreten haben. Von oben hat man einen fantastischen Ausblick und unser Guide Jeffrey hat uns die damalige Kultur sehr eindrücklich näher gebracht.
Am nächsten Tag gings dann nochmal steil bergauf zum angeblich dritthöchsten Wasserfall der Welt, dem Gocta. In den 90ern ist einem berechnungswütigen Deutschen, der wahrscheinlich schon seeehr viele Wasserfälle gesehen hat, aufgefallen, dass er da vor einem sehr hohen Exemplar steht. Er hat den Wasserfall ausgemessen und voilá, 771 Meter Fallhöhe … wenn er sich da mal nicht vermessen hat ;) Ich fand den Wasserfall schon imposant und man wird auch so richtig schön nass, ich bin aber der Meinung, dass ich schon vor höheren gestanden bin ;)
Anmerkung von Tömmi: Am letzten Tag nutzten wir die Stunden vor unserer Busfahrt noch für einen kleinen Ausflug zum Canon del Sonche, einem riesenhaften Canyon direkt hinter Chachapoyas. Hierfür mussten wir am kleinen Busbahnhof ein Collectivo nehmen. Collectivos sind kleine Minivans, die die Einheimischen von der Stadt in die kleinen Dörfchen bringen. Charakteristisch für die Collectivos ist, dass sie ausser einem Motor, ein wenig verrostetem Blech darum und ein paar ausgesessenen Sitzen aus einem Hauch von nichts bestehen. Stoßdämpfer wurden vermutlich nie verbaut und so wurden wir auf der Fahrt ordentlich durchgeschüttelt und zusammengestaucht, zumal diese Schotterstraßen ausschließlich aus Schlaglöcher zu bestehen scheinen. Allerdings ist der Service der Collectivos unschlagbar: sie halten an wo man will, warten einige Minuten bis man Verwandte und Bekannte, die auf dem Weg wohnen, begrüßt und wieder verabschiedet hat, transportieren sämtliche Waren, sind gleichzeitig Lieferservice fürs Mittagessen, wenn die Mama für den arbeitenden Sohn gekocht hat und damit man sich auch sicher fühlt, überprüft der Fahrer auf der Strecke noch 3 mal den Druck der Reifen, die vermutlich seit Jahren kein Profil mehr haben. Nach ca. 30 Minuten und 5km Wegstrecke kamen wir in einem kleinen Dörfchen an, das so gar nicht nach Canyon aussah, liefen ca. 200m den Berg zum versprochenen Aussichtstürmchen hoch und wurden dort von einem grandiosen Blick in den Canon del Sonche überrascht, der trotz einsetzendem Regen, halben Schlammlawinen und durchziehenden Wolken sämtliche Strapazen entschädigte.
Von Chachapoyas gings dann über Nacht weiter nach Trujillo, um in Huanchaco wieder ein bisschen das Meer zu genießen. Huanchaco kennt vielleicht der eine oder die andere aus Frank Schätzings „Der Schwarm“, das mit dem Verschwinden des paruanischen Caballito-Fischers beginnt. Diese traditionellen Fischerstrohpakete, Boote kann man das kaum nennen, gibt es da heute noch zu sehen. Caballito heißt übersetz Pferdchen, weil die Fischer auf den Strohbötchen wie auf einem Pferd über die Wellen reiten, und die Beine links und rechts ins Meer hängen. Mit diesen Caballitos haben schon die Moche und die Chimú gefischt, die die Region vom 1. bis 8. Jahrhundert nach Christus beherrschten. Diese zwei hoch entwickelten Kulturen haben auch wieder schöne Tempel und Kunst hinterlassen, die wir uns natürlich nicht entgehen lassen konnten. Die Tempelpyramiden Huaca del Sol y de la Luna, Sonnen- und Mondtempel, wurden von den Moche aus Lehmziegeln erbaut und zählen zu den höchsten antiken Bauten Südamerikas.
Auch die Chimú-Stadt Chan Chan mit 28 km2 und Platz für 60000 Einwohner war sehr beeindruckend, vor allem die Bildsymbolik hat es mir angetan. Gruselig fanden wir die Tradition der Menschenopfer, die auch vor Kindern nicht halt machte, um die Götter gnädig zu stimmen.
Leider hat Peru nicht sehr viel Geld für die Erforschung und vor allem den Erhalt dieser tollen Königreiche über, und so zerfallen beide Wüstenstädte nach und nach, sehr schade!
Kurios fanden wir die peruanischen Nackthunde. Wir gingen zuerst davon aus, dass diese armen Tierchen eine schreckliche Krankheit haben, bei der das Fell ausfällt, wir wurden aber von unserem Guide Gaby aufgeklärt, dass diese Hunde sehr wertvoll und die Peruaner wahnsinnig stolz auf diese schwarzen Viecher sind.Von Trujillo aus ging es dann wieder hoch hinaus in die Abenteurer- und Bergsteigerhauptstadt Huaraz. Huaraz liegt zwar selbst "nur" auf 3100 Meter, ist jedoch umgeben von mehr als 60 über 6000er-Gipfeln, den sogenannten Cordilleras. Es gibt die Cordillera Blanca, mit Schnee, und die Cordillera Negra, ohne Schnee. Insgesamt sind die Cordilleras eine atemberaubende Gebirgskette, die wohl auch das Logo von Paramount-Pictures inspiriert hat. Einfach drauf los wandern hat auf dieser Höhe wenig Sinn, man muss sich auf jeden Fall akklimatisieren. Wir nutzten dazu die Wilcacocha-Lagune, von der aus man einen tollen Panoramablick auf die Cordilleras hat. Auf dem Weg zum Wilcacocha begegneten uns einige Einheimische, die alle total interessiert an uns waren und gerne ein Pläuschchen gehalten hätten. Da wir aber kein Quechua sprechen und der eine Herr noch nichtmal wusste, dass die Deutschen überhaupt eine eigene Sprache haben (er dachte wir sprächen Englisch), waren die Begegnungen leider sehr kurz, aber intensiv ;) Es wurde auf Fotos bestanden und wir wurden mit Segen und Küsschen verabschiedet! Die Einheimischen hier faszinieren uns sehr: Die Menschen hier scheinen mit dem wenigen, das sie haben, einfach zufrieden und glücklich zu sein. So zufrieden, dass sie den Gringos, die mit Klamotten in solch hohem Wert, wie die Einheimischen wahrscheinlich in einem Jahr nicht verdienen, durch die Dörfchen latschen und nichts außer Müll da lassen, mit purer Herzlichkeit und Aufgeschlossenheit begegnen. Auch das so einfache Leben hier bringt uns viel zum Nachdenken: Einfache Lehmhütten, viele Tiere (bis auf die frechen Schweinchen alle freilaufend), von klein auf den ganzen Tag auf den Feldern um grad so den Lebensunterhalt zu verdienen … das bietet zwar tolle Fotomotive und eine wildromantische Vorstellung vom Leben ohne Konsum, ist aber augenscheinlich richtig hart. Und trotzdem sind die Menschen hier glücklich, so macht es jedenfalls auf uns den Eindruck. Was uns allerdings auch nachdrücklich beschäftigt hat ist der allgegenwärtige Müll, der hier auf den Feldern, auf den Wegen und sogar in die Pflanzen eingewachsen das schöne Naturbild extrem stört. Man blickt hier keinen Meter, ohne eine Plastikflasche, -tüte oder Süßigkeitenverpackung zu sehen, traurig!! Mülltonnen scheint es nicht zu geben, es gibt zwar Müllabfuhren, aber aufgrund der vielen Tiere finden die nur von hungrigen Mäulern aufgerissene Plastiksäcke vor, deren Inhalt sich dann weit verstreut erstreckt. Tömmi hat eine Dorfputzete vorgeschlagen, die aus unserer Sicht wirklich Sinn machen würde, aber wahrscheinlich würden die Einheimischen uns nen Vogel zeigen, wenn wir das vorschlagen würden! Vielleicht hat der neue peruanische Präsident das auch auf seiner Agenda, wäre wünschenswert.
Zwei Tage später trauten wir uns dann an die 6-stüngige Wanderung zur Laguna-69, mitten im Nationalpark Huascarán. Die Laguna liegt am Fuß des 6112 Meter hohen Chacraraju und war jeden beschwerlichen Meter wert, das türkise Wasser und überwältigende Bergspektakel entschädigen einen sofort. Tömmi gings allerdings auf der Höhe gar nicht gut und so haben wir nach trotzdem ausgiebiger Fotopause rasch den Abstieg in Angriff genommen.
Zur Erholung zwischen dem Bergsteigen nutzen wir die sympathisch-chaotische Stadt Huaraz zum Shoppen: neues Handy für Tömmi (1. wurde in Quito geklaut, 2. hat den Display-Kampf mit dem schweren Hotelschlüssel in der engen Hosentasche nicht überlebt), neues Campingsbesteck für Tömmi (war beim Galapagosflug im Handgepäck), neue Regenjacke für Tina (Vaude kann gaaaaar nix) und warme Alpakahandschuhe für uns beide für die Gletscherbesteigung am nächsten Tag. Da gings nämlich zum Pastoruri- Gletscher auf 5000 Meter, eingepackt in Merino- und Alpakakomplettausstattung war das ein eimaliges Erlebnis! Schon die Fahrt durch eine Landschaft mit bunten Mineralquellen, 15 Meter hohen Riesenbromelien, sowie Schaf- und Kuhherden war atemberaubend und schließlich das erste Mal vor einem Eisblauen Gletscher zu stehen und in tropischen Breitengraden im Schneegestöber zu wandern ist schlicht phantastisch. Allerdings wurden wir dann beide vom Kopfweh geplagt, was uns dann auch zu der Entscheidung bewogen hat, den berühmten Santa-Cruz-Trek (4 Tage, 50km) nicht zu laufen. Das war wohl auch die richtige Entscheidung, denn sogar die hardcore Outdoorbären aus unserem Hostel kamen fix und alle von dem Trek zurück und meinten, dass es einfach nur anstrengend sei! Wir sagten also „Tschüss“ zu Huaraz und den Cordilleras und machten uns auf den Weg nach Lima, der Hauptstadt Perus.
