Fahrrad inkognito
Luft kurz anhalten, das Gepäckband für Schwergepäck setzt sich in Bewegung. Puhhh Glück gehabt, die zwei riesigen Kartons fahren uns langsam entgegen. Fahrräder sind da, Taschen...


Veröffentlicht: 06.07.2025
Der Tag startet mit einem Irish Breakfast, na gut, nur halb. An Blackpudding und weissen Bohnen haben wir uns nicht versucht, schliesslich ist ja heute unser 1. Tag auf dem Fahrrad.
Gegen 10 Uhr starten wir in Richtung Cork. Wir brauchen noch eine Gaskartusche für den Kocher und (peinlich weil in der Schweiz vergessen) einen Traveladapter für Stecker. In Irland gibt's utopisch aussehende dreipolige Stecker. Die erste Challenge nach der Hotelausfahrt: LINKSVERKEHR. Intuitiv fahren: Fehlanzeige. Man muss sich die ganze Zeit konzentrieren, dass man links bleibt. Jede Kreuzung ist eine Herausforderung. Links in den zweispurigen Kreisverkehr hineinfahren, kein leichtes Unterfangen! Cork schauen wir nur kurz an. Es ist verstopft mit Leuten, Baustellen und Autos. Wir wollen nur weg, Richtung Westen ans Meer. Aber auch das gestaltet sich nicht so einfach, die Stadt hält uns gefangen. Es erinnert an San Francisco, es geht rauf, also richtig steil bergauf, so dass man sich weitere Gänge wünscht zum kleiner schalten - alles drücken nützt nichts und die Hitze brennt bei 22 Grad. Endlich ein erster Blick Richtung Atlantik. Wie man es sich vorstellt, grüne Wiesen und steile Klippen. Ein erstes zartes Wohlgefühl kommt auf. Aber so leicht macht es uns Irland nicht, immer noch steile Anstiege, die Autofahrer fahren, naja ziemlich gelinde gesagt, wie die Schweine und vor allem immer auf der falschen Seite ;)
Wir fahren Richtung Crosshaven entlang gelber Weizenfelder, aber auch sehr viel durch tunnelartige Wälder. Die Strassen sind nicht besonders, vor allem eng. Überall greifen Brombeerranken nach uns, um unten in die Reifen zu stechen und oben das Gesicht zu zerkratzen. Wir kommen gefühlt nicht gut voran und ehe wir uns am 1. Tag die Augen auskratzen á la Brombeere landen wir in einem Städtchen namens Kinsale. Wir schlafen bei James in einem Loft mitten in der Stadt. Jetzt die Anstrengung hinter uns lassen und auf Futtersuche begeben. Wir sind am Meer und in Irland, klar es gibt Fish'n Chips. Kein kulinarischer Höhenflug, aber sehr lecker und passend zu dieser netten kleinen Stadt mit den bunten Häusern. Gegen neun landen wir noch in einem Pub, was uns da erwartet, ist fast nicht zum Glauben, nein es sind nicht die vielen lärmenden und ziemlich betrunken Iren, auch nicht der dicke Baarkeeper mit Glatze und Hawaihemd, es sind 15 grölende, tanzende, singende, fröhliche Ladys, die den Geburtstag einer der ihren feiern. Das Girl ist heute 85 geworden und die anderen sind es bereits auch schon, oder stehen kurz davor. Happy Birthday von uns und dem ganzen Pub. Der Sänger singt Lieder von Jonny Cash und den Beatles und wir singen und tanzen mit ihnen, bis wir heisser sind und unser Guinness leer ist. Wenn es am schönsten ist, sollte man aufhören - gilt aber nur für uns. 85 - noch lange nicht! Was für ein wahnsinnig schöner Abend, voller gelebter Freude, Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Es ist morgens 1 Uhr und wir liegen im Bett und blicken in Gedanken in die Zukunft, die nahe (Peter auf dem Garmin zur Routenplanung) und die Ferne Zukunft, die mit 85. Und wir wissen beide genau, wie die aussehen wird....
Gefahrene Kilometer: 65
Höhenmeter: 880