Goethe in Seoul
Shin Kyuk-ho gründete vor vielen Jahrzehnten die Süßwarenfabrik „Lotte Confectionery“. Der Name „Lotte“ leitet sich von der Figur der Charlotte aus Johann Wolfgang von Goethes...

Veröffentlicht: 09.09.2025















Warum ist die koreanische Kultur so interessant? Weil eine über 500jährige Herrscherdynastie diese Kultur entscheidend prägte. König Taejo gründete die Dynastie im Jahr 1392. Er erklärte den Konfuzianismus zur offiziellen Staatsphilosophie und prägte damit die Gesellschaft, Politik und Kultur tiefgehend. Der Buddhismus wurde zurückgedrängt, da die Klöster zuvor eine korrupte Herrscherelite entwickelt hatten. Zu dieser bedeutenden koreanischen Entwicklung trugen besonders zwei Herrscher während der Joseon-Zeit bei, deren Grabanlagen wir besuchen. Wir beginnen unseren Besuch bei dem ersten Herrscher im Stadtteil Gangnam (siehe auch Gangnam-Style) mit der Grabanlage von König Seongjong, der von 1469 bis 1494 regierte. Wir fahren mit der Metro bis zur Station Seolleung (so auch die Grabbezeichnung) und laufen Richtung Eingang. Dort stärken wir uns mit einem Mittagessen, natürlich Bibimbap, allerdings ohne Algen, weshalb nicht so schmackhaft. Dafür gab es ein sehr gutes hausgemachtes Kimchi, dem traditionellen koreanischen Gericht, welches immer als Beilage zu jedem Essen serviert wird. Die Köchin spricht chinesisch, was uns die Bestellung erleichtert. Mit vollen Bauch können wir nun die Wanderung im Seonjeongneung Park antreten. Der Eintrittspreis von 2000 Won für zwei Personen ist wohl nur symbolisch gemeint, da es umgerechnet nur 1,24 Euro sind. Wir gehen nach links und beschleunigen in der bewaldeten Anlage unsere Schritte, da wir von zahlreichen Insekten heimgesucht werden. An der kurzen Ausstellung halten wir uns nicht lange auf, weil ich geschichtliche Informationen zum König schon während der Besuchszielauswahl gelesen habe. Auf den Grabhügel gelangen wir über einen kleinen Weg an der Ostseite des Hügels, weshalb wir auch am Schrein vorbeigehen. Alle Grabhügel sind mit der steinernen Umzäunung und den Steinfiguren ähnlich gestaltet. Mitten im Stadtgebiet von Gangnam hat König Seongjong einen belebten Platz für seine letzte Ruhestätte bekommen. Als er allerdings hier eingezogen ist, war es noch eine ruhige ländliche Gegend. Seongjongs größte Leistung war die Veröffentlichung des Gyeongguk daejeon (경국대전), des „Großen Gesetzbuches zur Landesverwaltung“. Dies war die vollständige und endgültige Kodifizierung aller Gesetze, Verwaltungsvorschriften und sozialen Normen des Joseon-Reiches und war tief durchdrungen von konfuzianischen Prinzipien. Es regelte das Prüfungssystem für Beamte (Gwageo), die Hierarchie der Verwaltung, die Landverteilung, die Steuern und die sozialen Rituale, alles basierend auf konfuzianischen Werten wie Pflicht, Hierarchie und Moral. Der Gyeongguk daejeon wurde zur Verfassung von Joseon und blieb für die nächsten 400 Jahre im Kern unverändert. Er institutionalisierte den Konfuzianismus endgültig als das operative System des Staates. Wir wandern den Park an der Nordseite entlang zum Grab seiner Frau, der Königin Jeonghyeon. Sie überlebte ihren Mann um 36 Jahre und war eine starke intrigante Frau, die im Machtpoker schließlich ihren unfähigen Sohn König Jungjong in einem Putsch an die Spitze des Staates hob. Zu dessen Grab führt uns nun unser Weg. Diesen Grabhügel können wir nicht besteigen, umso mehr besichtigen wir den Schrein und die Stele zu seinem Grab. Seine Regierungszeit war eine Phase der Stagnation und inneren Zerrissenheit, wobei man fairerweise sagen muss, dass die intriganten Machtstrukturen ja von seiner Mutter initiiert wurden. Die Putschisten, die ihn an die Macht brachten, bildeten eine neue mächtige Aristokratie und übernahmen die Schlüsselpositionen in der Regierung. Jungjong war oft kaum mehr als eine Marionette dieser Fraktion. Eine der größten Tragödien seiner Herrschaft war der Machtkampf der Gimyo Sahwa (기묘사화) von 1519. Der Gelehrte Jo Gwang-jo initiierte ehrgeizige Programme gegen Korruption und zur Förderung von Talenten. Die etablierte Elite fühlte sich bedroht und hetzte den König gegen Jo Gwang-jo auf, indem sie falsche Beweise für einen angeblichen Verrat fabrizierten. König Jungjong, unsicher und von Furcht getrieben, gab nach und ließ Jo Gwang-jo hinrichten und seine Anhänger verbannen. Diese Säuberung war ein riesiger Rückschlag für die Reformbemühungen und lähmte die Politik für Jahre. Wir lassen uns nicht lähmen und beenden unseren Rundgang in der ruhigen Parkanlage und treten wieder in den quirligen Teil des Stadtteils Gangnam ein.
