Schopenhauer in Frankfurt/M.
Wenn Schopenhauer ruft, dann muss ich unbedingt kommen. Leider gibt es keine angemessene Würdigung des herausragenden Philosophen Arthur Schopenhauer in ganz Deutschland, kein...

Veröffentlicht: 19.06.2026


















Nach dem Besuch im Geburtshaus von Goethe und der kleinen Schopenhauer-Ausstellung (Schopenhauer in Frankfurt/M.) fahren wir mit der Straßenbahn zur Obermainanlage und spazieren im Park am Rechneigrabenweiher vorbei zum Schopenhauer-Denkmal, einer Büste des Philosophen auf einem Sockel. Bei den vielen Graffiti-Schmierereien in der Parkanlage, auch auf dem Kinderspielplatz, Sitzbänken und Mülleimern, muss man fast schon dankbar sein, dass das Denkmal nicht verunstaltet wurde. Dann spazieren wir am Fluss Main zum letzten Schopenhauer Gedenkort: seinem langjährigen Wohnhaus in der Straße "Schöne Aussicht" mit direktem Blick auf dem Main und der "Alten Brücke". Als ich noch in Frankfurt gewohnt habe, gab es an dieser Stelle nur eine Baulücke und ein 1950er Jahre Neubau, denn das Haus wurde, wie so viele Häuser in Frankfurt am 22. März 1944 bei einem britischen Bombenangriff zerstört. Heute steht an dieser Stelle ein schickes Hotel mit dem Namen "Haus Schopenhauer", eine schöne Würdigung, wie ich meine.
Damit sind alle Schopenhauer-bezogenen Orte besucht und wir spazieren Richtung Dom an meinem alten Stammcafe "Metropol" vorbei. In diesem Cafe habe ich vor über 20 Jahren so manche Stunden gesessen, mit einem Riesenpott voll mit Getreidekaffee (habe früher Bohnenkaffee nur schlecht vertragen) und habe gelesen, mit Freunden gequatscht oder auch nur die illustren Gäste beobachtet.
Doch nun schreiten wir zum sportlichen Teil des Ausflugstages: Wir erklimmen die 328 (!) Stufen des Domturms. In der engen Wendeltreppe hört man oben und unten das Schnaufen der anderen Besucher. Steinstufe um Steinstufe will erkämpft werden. Aber schließlich werden wir von einem herrlichen Blick in 66 Meter Höhe über der Innenstadt belohnt. Der Abstieg ist zwar leichter und geht schneller, aber die enge Wendeltreppe lässt jetzt den Kopf schwindlig werden. Unten auf dem Vorplatz kommentiert ein Passant unsere erschöpften Gesichter: "Na, ein kardiologisches Training absolviert!" Frankfurter scheinen Humor zu haben.
Jetzt besuchen wir noch die Ruinen der alten Kaiserpfalz Franconofurd und den römischen Mauerresten. Die archäologischen Funde wurde sehr schön in die überbauten Häuser integriert, was im Übrigen auch nach meinem Wohnaufenthalt in der Stadt geschehen ist. Dann schlendern wir zum Römer, dem zentralen Marktplatz von Frankfurt, mit seinen beeindruckenden Häuserensemble.
Wir haben noch etwas Zeit und spazieren zur Zeil, der berühmten Haupteinkaufsstraße. Hier (und übrigens auch massenhaft am Bahnhof) lungern Gestalten rum, die man getrost einer psychiatrischen Anstalt oder Drogenklinik zuordnen kann. Sie schreien unkontrolliert, tanzen, stinken, tragen allen möglich Müll mit sich rum, reden mit Unsichtbaren und sind bei hochsommerlichen Temperaturen wie im Winter gekleidet oder eben halbnackt. Dazwischen huschen aufgemotzte Shopping-Ladies und telefonierende Banker aus den umliegenden Finanzinstituten umher, es ergibt ein surreales Bild. Erst am vergangenen Samstag gab es hier einen Macheten-Kampf, wie ich in den News lesen konnte und auch bei unserem Bummel fuhr Polizei mit Blaulicht und Sirene die Zeil hinunter, wahrscheinlich zu einem neuen Konfliktherd. Ein solch widriges Umfeld der Innenstadt ist mir schon in Hannover und Leipzig aufgefallen. Dazu passt noch, dass ich dann nur mit Mühe und Unfreundlichkeit eine Bettlerin am Hauptbahnhof abwimmeln kann. Gab es solche Zustände schon früher in deutschen Städten und mir fiel das nur nicht so eindrücklich auf?
In einem solchem Wohn- und Lebensumfeld könnte ich mich nicht wohlfühlen und bin froh, dass wir nun die Rückreise mit der Deutschen Bahn in unsere niederbayerische Provinz antreten. Mit einem Umstiegssprint auf dem Bahnhof in München bügeln wir die Verspätung unseres ICE's aus und erreichen gerade noch den Anschlusszug.
Als Fazit bleibt ein gelungener und erlebnisreicher Tag mit geistigen Begegnungen von großen deutschen Denkern aus einer besseren Zeit.
