Einfach gehen!
Tag 1 / 11.Mai 2026 Neckar-Baar-Jakobsweg (Beggingen – Hemmental) Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit dem Jakobsweg. Das erste Mal kam ich mit dem Thema 2006 in Berühru


Veröffentlicht: 29.06.2026













Tag 2 / 7.Juni 2026 Neckar-Baar-Jakobsweg + Zürcherweg (Hemmental – Dachsen)
Tag 2: 3 Wochen später zieht es mich wieder auf den Pilgerweg. Pipa und ich ziehen also ein zweites Mal wieder spontan und spät los. Der Weg heute war ein Traum! Das meiste ging dem Rhein entlang. Natürlich war wieder Sonntag, und das Tourist Office in Schaffhausen hatte geschlossen. Ich hätte noch beim Pfarramt klingeln können um den Pilgerstempel abzuholen, aber das traute ich mich dann doch nicht. Später erfuhr ich von einem Chorgspänli, dass im Kloster Allerheiligen ein Stempel aufliegt. Das nächste Mal, wenn ich in Schaffhausen bin, werde ich ihn mir abholen. Unvorbereitet wie ich war, war ich völlig unpassend gekleidet. Enge schwarze Jeans, keine Sonnencreme dabei, geschweige denn Proviant. Weil ich nie frühstücke, nahm ich einen winzigen Getreideriegel mit. Ich hatte ja eigentlich gar nicht geplant weit zu gehen. Ein kurzer Spaziergang, vielleicht eine Stunde nahm ich mir vor. Aber ich kam in den Flow und Pipa und ich tappten immer weiter. Die Hosen machten mir das Leben schwer, denn am Nachmittag wurde es so richtig heiss. Ich fühlte mich unbeweglich und behindert.
Als ich über die Feuerthaler Brücke ging, beschlich mich ein sehr eigenartiger Schmerz. Ich lief von Schaffhausen weg, von Schaffhausen, das bei mir Heimatgefühle auslöst. Gleichzeitig fand ich meinen Schmerz lächerlich. Ich werde gerade mal einen Tag etwas wandern und am Abend zurück in Schleitheim sein. Ich muss die Perspektive wechseln, dachte ich. Ich laufe Santiago de Compostela entgegen, nicht von Schaffhausen weg. Kaum war ich auf der Zürcherseite in Feuerthalen angelangt, waren diese Gedanken wieder verflogen. Von nun an ging es auf dem Schaffhauser-Zürcherweg weiter. Vorbei an einer brütenden Schwänin und verschiedenen Wasservögeln, dem wunderschönen Rhein entlang. Und wie am ersten Tag im unberührten Wald Beggingens dachte ich: «Was, wenn das Schönste auf dem Weg genau diese Teilstrecke ist? Was soll da noch kommen?» Jaja die innere Reise und so…ich weiss schon! 😉
Auch Flurlingen war schön zu laufen, so süss habe ich dieses Dorf noch nie wahrgenommen. Wieder ging es über eine Brücke nach Neuhausen, um auf der anderen Rheinseite weiterzulaufen. Es ist seltsam, das Strassenschild «Rheinfall» zu lesen. Ich weiss doch wo’s langgeht. Hier bin ich aufgewachsen und sofort fallen mir viele schöne Kindheitserinnerungen ein. Die Neuhauser Seite ist gnadenlos, die Sonne knallt so richtig von oben herunter, und man läuft auf Asphalt. Bevor ich den Rheinfall erreichte, setzte ich mich auf eine Bank zu einem älteren Herrn, der ins Handy schaute. Ich mochte nicht reden, fragte nicht mal ob noch frei sei und setzte mich einfach mit dem Rücken gedreht zu ihm hin. Nun kam der Getreideriegel zum Einsatz und ich merkte, dass ich für Pipa gar nichts zu essen dabei hatte. Mein Kopf musste glutrot gewesen sein, so eine Hitze trug ich in mir. Irgendwann stand der Herr wortlos auf und zog von Dannen. Als auch ich aufbrechen wollte, fragte ich mich, was das gerade war? Ich bin normalerweise ein sehr offener, freundlicher Mensch! Ich fühlte mich kurz schlecht. Ich muss auf dem Weg offener werden dachte ich. Am ersten Tag begegnete ich keiner Menschenseele, da stellte sich diese Frage gar nicht.
Das Gefühl der Wut kenne ich nur höchst selten. Bei Ungerechtigkeiten höchstens. Aber auch da sehr selten so, dass ich innerlich koche. Beim Rheinfall aber kroch eine unerklärliche Wut in mir hoch. Es hatte eine Menge Touristen. Alle dümpelten sie ausgerechnet in den Engpässen vor sich hin. Das Kleinkind, der Opi mit Gehhilfe und die faszinierte Chinesin. Natürlich, sie geniessen ihren Ausflug! Sie schlendern, Fotografieren und plaudern. Ich bin aber beim Wandern gerne zackig unterwegs und es machte mich wirklich kirre und ich hätte gerne laut ausgerufen! Ich wusste um die Unverhältnismässigkeit, also schimpfte ich in mich rein. Dann musste ich wieder innerlich lachen, was dachten sich wohl die Menschen, wenn sie mich mit Hund vorbeihetzen sahen, ab und zu schnell ein Foto knipsend? «Eine Influencerin, die einfach sagen möchte, dass sie mal da war, ohne es wirklich zu geniessen!» lästerte es in meinem Kopf über mich selbst.
Beim Rheinfallbecken teilte ich mit Pipa ein riesiges Softeis. Weiter gings übers Nohl in Richtung Dachsen. Ich war froh, dass sich die Menschenmenge verflüchtigte. Wir liefen noch bis zur Dachsemer Badi, wo wir uns Wienerli und Pommes Frittes gönnten. Wienerli für Pipa, die Frites für mich. Für heute reichte es uns und wir liefen zurück nach Neuhausen zum Bahnhof, wo wir den Zug über Schaffhausen nahmen, um nachhause zukommen. Obwohl es heute nur um die 15km waren, waren wir richtig fertig. Mit 20'000 Schritten in den Beinen, legten wir uns früh schlafen.
Erkenntnis des Tages:
1: «Ich muss offener werden!»
2: «Geduld! Es geht nicht schneller, wenn man hetzt!»
3: Wetterangepasste Kleidung ist wichtig, Vorbereitung ist alles!
