Vorbereitung ist alles!
3 Wochen später zieht es mich wieder auf den Pilgerweg. Pipa und ich ziehen also ein zweites Mal wieder spontan und spät los. Der Weg heute war ein Traum! Das meiste ging dem...


Veröffentlicht: 29.06.2026











Tag 3 / 14.Juni 2026 Schaffhauser-Zürcherweg (Dachsen – Flaach)
Tag 3: Eine Woche später machen sich Pipa und ich uns auf in Richtung Flaach. Diesmal sind wir besser vorbereitet. Die wasserfesten On-Schuhe sind zwar sehr eng, haben mir aber nie Blasen beschert. Aber sie sind nicht atmungsaktiv, weswegen meine Füsse sehr schwitzten. Gut habe ich das noch bemerkt, bevor ich für mehrere Tage losziehe. Diesmal kramte ich meine sehr selten gebrauchten Wanderschuhe hervor, minimal zu gross, aber bequem. Ausserdem montierte ich das erste Mal meinen neuen Pilgerrucksack auf den Rücken, die selbstbemalte Jackobsmuschel baumelnd am Rückteil befestigt. Wieder starten wir erst um ca. 12.00Uhr. Wir sind einfach keine Frühaufsteher. Wie soll das später bloss klappen, wenn wir gezwungen sind, die Herbergen früh zu verlassen? Mit einem Getreideriegel und ein paar Nüssen legen wir gutgelaunt los.
Der Weg ist unfassbar schön. Es geht alles dem Rhein entlang, und trotzdem sind wir gut beschattet vom Wald. Von Rheinau nach Ellikon am Rhein geht es über sehr wurzelige Wege. Ein Velofahrer hat den Weg wohl so nicht erwartet und trägt sein Bike. Etwas in der Höhe setzen wir uns auf eine Bank. Aus dem Nichts erscheint ein Mann mittleren Alters und beginnt mit mir zu reden. Er war sehr mitteilungsbedürftig. Es hätte hier sogar Bunker am Rhein und Leute grillieren darauf, wusste er zu berichten. «Wie in Dachsen» dachte ich und fühlte mich gleich wie eine Klugscheisserin. Ein bisschen war es nett mit ihm zu plaudern, ein bisschen war es aber auch seltsam. Als wir weiterwollten, drehte er sich mit uns um und lief mit uns mit. «Na bravo!» dachte ich, «jetzt haben wir ihn an der Backe!» Ich bin eigentlich kein Angsthase, aber wir waren alleine auf weiter Flur und er sah mir manchmal etwas zu lange in die Augen für meinen Geschmack. Irgendwann kamen wir zu seinem Fahrrad, das an einem Baum lehnte und er brauste allein davon. Seltsam, aber irgendwie auch nett dachte ich. Die zwischenmenschlichen Kontakte werden auf meinem Weg sanft gesteigert. Am ersten Tag gab es keinen, am zweiten Tag einen schweigenden und jetzt heute einen flüchtigen. Ich sehe mich vor dem geistigen Auge schon kurz vor Santiago de Compostela umringt von hunderten von Menschen angeregt tiefgründige Gespräche führen.
In Ellikon am Rhein kehren wir im Restaurant Schiff kurz ein. Es gibt ein kleines Bier und eine Pipipause für mich. Pipa trinkt währenddessen den halben Rhein leer. Zwischen Ellikon am Rhein und Flach kommen wir über eine Thurbrücke. Eine grössere Familie steht im niedrigen Wasser. Sie plantschen und gehen ein wenig darin und ich erinnere mich ein bisschen wehmütig an die Zeit, als die Kinder noch klein waren und unsere Familie vollständig. Es hätten wir sein können, so ein harmonischer und zufriedener Moment in unberührter Natur. Je näher wir Flach kommen, desdo brutaler nehmen wir die Hitze wahr. Die Spargelfelder sind abgeräumt und es gibt genau einen Baum weit und breit dem Weg entlang. Unter ihn setzen wir uns, erschöpft von der Hitze. Ich packe meinen Getreideriegel aus und bemerke, dass ich wieder kein Futter für Pipa dabeihabe. Somit trete ich den Riegel an sie ab und knabbere ein paar wenige Nüsse. In weiser Voraussicht bin ich diesmal kurzärmelig los und schmiere mir erneut meine Porzellanstelzen mit Sonnencreme ein. In Flach nahmen wir dann den Bus nach Andelfingen und von Andelfingen den Zug zurück zum Auto.
Im Auto wurmte es mich, dass ich mich in Rheinau nicht um einen Pilgerstempel bemüht hatte. So fuhren wir die kurze Strecke zurück nach Rheinau zur Klosterinsel. Die Klosterkirche hätte bis 18.00Uhr geöffnet hiess es im Internet, und dort befände sich ein Stempel. Es war 17.30Uhr, das passt gerade noch, dachte ich mir. Es gab mehrere kleinere Türen bei der imposanten Kirche. Wir entschieden uns für die Mittlere und tappten volle Kanone in eine gut besuchte Messe rein. Gefühlt drehten sich alle Köpfe zum Eingang, um die verschwitzte Wanderin und den Hund empört zu begutachten. Ganz so schlimm war es dann aber auch nicht. Ich nahm den Hut ab und wir stellten uns zuhinterst in die Ecke, um den Gesängen stehend zu lauschen. Es war wohl eine italienische Messe und die grosse Kirche war bis fast auf den letzten Platz besetzt. Alle sangen aus voller Kehle temperamentvoll mit. Ein wahrlich magischer Moment in dieser wunderschönen Klosterkirche! Ich kriegte Gänsehaut und ich, die nie, wirklich so gut wie nie weint, hatte das Bedürfnis hemmungslos loszuweinen. Ich verkniff es mir, aber feuchte Augen konnte ich nicht verhindern. Ich hatte vergessen, wie stimmungsvoll, katholische Messen sein können. Abgesehen von einer Firmung, war ich sicherlich fast 20 Jahre nicht mehr in einer katholischen Messe. Wie hingebungsvoll die Menschen waren, sie füllten den Raum mit Magie. Auch Kardinäle und Nonnen waren da, es muss irgendetwas besonderes los gewesen sein und ich hatte das Glück, diesen besonderen Vibe mitzuerleben. Sogar Pipa sass regungslos, fast ehrfürchtig neben mir und lauschte denn Klängen. Wir schauten uns an, es war einfach schön, diesen Moment mit ihr zu teilen. Einen kurzen Moment später sah ich ein Schild «Hunde verboten»! Stimmt, ich habe noch nie einen Hund in der Kirche gesehen! Aber es war mir egal. Am Ende entdeckte ich eine winzige Schublade, auf der «Pilgerstempel» stand. Und so druckte ich meinen allerersten Stempel bedeutungsschwanger in meinen Pilgerpass. Es mag lächerlich und nach einer Kleinigkeit klingen. Aber es sind oft die kleinen Dinge im Leben, die wirklich zählen!
Erkenntnis des Tages: Manchmal gehören auch Hunde in die Kirche!
