Erster Pilgerstempel
Tag 3 / 14.Juni 2026 Schaffhauser-Zürcherweg Dachsen – Flaach Eine Woche später machen sich Pipa und ich uns auf in Richtung Flaach. Diesmal sind wir besser vorbereitet.


Veröffentlicht: 29.06.2026
Tag 4 / 27.Juni 2026 Schaffhauser-Zürcherweg (Neftenbach – Kyburg)
Um 5 Uhr klingelte mein Wecker. Eigentlich wäre ich gerne früher wieder pilgern gegangen. Aber dieser Juni ist wirklich ein Backofen. Genau mein Wetter, aber fürs Pilgern eher ungeeignet. Heute aber hielt ich es nicht mehr aus und wollte unbedingt los. Ausgerechnet am heissesten Tag der Woche. Dann gehe ich eben früh, dachte ich mir. 38 Grad wurden erwartet. Am Vorabend studierte ich meine Route. Anfangs führt vieles über Asphalt oder lichte Waldränder. Im späteren Verlauf geht es in den Wald, allerdings vor Kyburg mit starker Steigung. Ich wollte vor 12.00Uhr da sein, um der Hitze zu entgehen und Pipa nicht mitnehmen. Sie hätte sich die Pfoten kläglich verbrannt und hätte in der Hitze gelitten.
Ich kam erstaunlich gut aus den Federn, obwohl ich nur 3 bis 4 Stunden geschlafen hatte. So parkierte ich um 6.30Uhr bei der reformierten Kirche in Neftenbach. Natürlich war die Kirche noch geschlossen. Mit 1,5 Liter Getränk und Nüssen im Gepäck machte ich mich auf den Weg. Diesmal nur in leichten Turnschuhen, die bevorstehende Hitze bereitete mir etwas Sorgen. «Wenn das nur eine gute Idee ist», dachte ich, denn die Schuhe sind abgelaufen und haben kaum noch Profil. Dafür sind sie leicht und bequem wie Finken. So lief ich frühmorgens um 6.30Uhr schon bei 20Grad los durch Wohngebiete. Es war eine gute Idee so früh zu starten, denn die Sonne lag noch tief, und deswegen lag der Weg oft im Schatten. Trotzdem schwitzte ich von Beginn an. Aber ich fühlte mich supergut heute, als könnte ich Bäume ausreissen.
Eine sehr liebe Frau sprach mich um 7.00Uhr am Wegesrand an. «Ich hoffe sie bekommen in der Höhe heute auch noch etwas Kühle!», sagte sie im Verlauf des Gespräches. Ich sagte ihr: «Ich glaube eher nicht, ich laufe bis zur Kyburg, das wird zu wenig hoch sein.» In ihrem Blick konnte ich erkennen, wie verdattert sie war. Sie dachte ich gehe wandern, und wandern ist in den Bergen, «nämli»! Ich erklärte ihr, dass genau bei ihrem schönen Haus der Jakobsweg hindurchführe und ich auf ebendiesem wandere. Das erheiterte sie ebenso wie mich und wünschte mir gutes Gelingen. Was für eine herzerwärmende Begegnung so früh am Morgen um sieben. Und wie schön, dass es Menschen gibt, die einem einfach ansprechen. Überhaupt empfand ich die Menschen zwischen Neftenbach und Winterthur als äusserst freundlich. Jeder grüsste nett und lächelnd. Bis auf die Jogger, aber davon später mehr.
Das Hoch und runter nimmt bald ein Ende und nach Wülflingen beginnt ein langer, schöner, flacher Schotterweg und ab Blumenau geht es der Eulach entlang. An diesem Tag bin ich wirklich erstaunt, wie viele Menschen allein unterwegs sind. Auch im weiteren Verlauf des Tages, aber hier war es ja noch sehr früh und für die meisten wohl ein freies Wochenende. Hündeler, Spaziergänger, Jogger, Mama mit Babywagen usw. Es ist mir unbegreiflich, weil ich leider eine Nachteule bin und mir nie in den Sinn käme einfach so früh spazieren gehen zu wollen. Gleichzeitig finde ich es wunderschön. Was für eine friedliche Stimmung!
Etwas vom Eigenartigsten an diesem Tag war, dass ich urplötzlich – zackzeragg- mitten in Winterthur stand. Quasi aus dem Nichts! Ich merkte es erst, als ich eine grosse Kirche vor mir «googeln» wollte. «Aha! Winterthur also!» dachte ich und musste grinsen. Es handelte sich um die katholische St.Peter und Paul Kirche. »Nichts wie rein dachte ich! Vielleicht habe ich Glück, und drinnen ists kühl, denn mittlerweile rann der Schweiss nur noch so von der Stirn. War sie nicht, dafür aber wirklich sehr schön! Ich schaute mich nach einem Pilgerstempel um und fand – nichts! Vorn in der Kirche werkelte ein (wahrscheinlich) Messmer. Ich sprach den gutaussehenden Mann, geschätzt ein Portugiese an und fragte nach dem Pilgerstempel. Es hätte sein erster Arbeitstag sein können, denn er wusste gar nichts. Aber er war unglaublich freundlich und wir kamen ins Plaudern.
Er schlug vor, ob er bei der Pfarrei wegen des Stempels fragen soll, vielleicht sei ja einer da. Aber ich wollte keine Umstände machen. Natürlich hätte ich den Stempel gerne gehabt, und mit Sicherheit hat so eine grosse Kirche direkt am Jakobsweg einen Pilgerstempel, aber im Moment war es mir auch nicht sooo wichtig. Ich war so im Pilgerflow, ich wollte weiter, bevor die noch grössere Hitze kommt. Irgendwann muss er wohl mein knallrotes schwitzendes Gesicht bemerkt haben und fragte, ob ich etwas Kaltes trinken möchte, oder einen Kaffee! Ich solle doch gerne mitkommen! Wie süss dachte ich. Die erste selbstlose Geste auf meinem Weg. Aber wie gesagt, ich wollte keine Umstände machen und war auch neugierig auf meinen weiteren Weg. Wir sprachen über den Jakobsweg und «Daniel» war begeistert. Noch eine herzerwärmende Begegnung. Wie lieb bis jetzt alle waren! In der Kirche war es schwül, weswegen ich mich bald wieder auf den Weg machte.
Sofort fragte ich mich beim Austreten der Kirche, warum ich wohl abgelehnt habe. Einmal beim Stempel, und einmal beim Getränk. Keine Umstände machen… was ein Blödsinn, wenn es doch jemand anbietet! Ich nehme mir vor, die nächste nette Geste anzunehmen, egal was es ist! Es freut doch auch den Gebenden!
Ich stellte mir Winterthur immer so vor, dass ich ewig auf Trottoirs gehen muss. Aber so war es überhaupt nicht. Sehr kurz ging es durch die Altstatt, bevor es sehr steil nach oben in den Eschenbergwald ging. Mittlerweile war es 9Uhr und 26Grad. Bei Ursulas Bänkli machte ich eine Rast. Jede Stunde gab es etwas zu trinken, ein Zigarettchen und ein paar Nüsse aus dem Rucksack, bevor es weiterging. Auf der Bank stand «Ursula, du bist so gerne im Wald spaziert». Sie muss sehr geliebt worden- und bekannt in der Umgebung gewesen sein, wenn ihr eine so schöne Widmung gemacht wurde. Mit Ursula stiess ich mit meinem Magnesiumdrink an. Ich habe ihre Seele sofort in mein Herz geschlossen, auch wenn ich sie nicht kannte. Aber ich fühlte mich gerade sehr mit ihr verbunden. Ich konnte sie spüren!
Und als wir so auf der Bank sassen, joggte eine Joggerin ums Eck. Ich grüsste wie immer freundlich. Es kam wie bei allen Joggern heute- nichts! Wie eigenartig! Ich meine, mir käme es nie in den Sinn joggen zu gehen, und schon gar nicht dabei sprechen zu müssen, aber ein Nicken ist zu viel? Ich verstehe es nicht. Lustigerweise kreuzte ich schon sehr früh am Morgen ab und zu Jogger oder überholte sie. Ich bin eine zackige Wanderin. Und alle die ich getroffen habe, waren langsame Jogger, die nicht mal nicken konnten. Ich musste lachen, sie könnten doch gleich auch einfach wandern wie ich und wären sogar schneller? «Aber hey,» massregle ich mich selbst, «Ich bin auf dem Jakobsweg, es wird nicht geurteilt!» Und Ursula lacht wohl gerade mit und stimmt mir zu!
Nach dem Besuch bei Ursula geht es weiter in diesem wunderschönen Wald und sie geht ein Stückchen mit. Seltsamerweise begleiten mich auf dem Weg seit Ursulas Bank plötzlich Schmetterlinge. Vielleicht begleiten sie Ursula und mich ein Stückchen, eine schöne Vorstellung. Irgendwann verabschiedete ich mich von Ursula und ab da waren die Schmetterlinge wie durch Zauberhand verschwunden. Manchmal passieren während des Weges spannende Dinge. Zufälle, Hinweise, Erkenntnisse oder Antworten? Einmal lief ich z.B. ewig durch diesen wunderschönen trockenen Wald. Ich fragte mich, wie Tiere hier bei tagelanger Dürre mit Höchsttemperaturen überleben. Es gibt absolut nichts, kein Fluss, kein Tümpel. Kaum hatte ich die Frage zu Ende gedacht, biege ich 5 Sekunden später ums Eck und entdecke einen Waldbrunnen. Da also feiern die Tiere ihre Trinkpartys. Und hier wird der Fuchs lauern, wenn Mausi, Hasi und Frau Vogel sich einen Drink genehmigen. Prompter geht’s nicht!
Auf diesem Weg bin ich 3-mal kurz falsch abgebogen. Einmal wars ärgerlich, weil ich an der prallen Sonne steil nach oben zurücklaufen musste. Es war nie weit, aber 5 Minuten falsch laufen, heisst auch 5 Minuten zurückmüssen. Drei mal 10 Minuten sind 30 Minuten zusätzlich. Naja, man biegt ja im wahren Leben wohl auch nicht immer zu 100% richtig ab. Die Hauptsache ist doch, dass man nicht allzu spät wieder auf den richtigen Pfad zurückfindet. Wenn nicht, dann gute Nacht, dann beginnt das grosse Leiden! Ich habe zum Glück jedes Mal wieder rechtzeitig zurück auf meinen Weg gefunden. Auf meinem Jakobs- sowie auf meinem Lebensweg.
Um 10.15Uhr überquerte ich die Kyburgbrücke und der finale, steile Treppenaufstieg hinauf zum Schloss begann. 420 Treppenstufen bei 13% Steigung warteten bei 31 Grad auf mich. Zum Glück spendeten Bäume meistens Schatten, aber dennoch kam ich sehr langsam voran. Schritt für Schritt. Ich schnaufte wie eine Dampflok und dachte an die Jogger in Zeitlupe. Nun bin ich eine Pilgerin in Zeitlupe. Ich habe gelesen, dass 13%Steigung so viel ist, wie wenn man das Laufband in den höchsten Neigungswinkel stellen würde, kein Wunder kam ich aus der Puste. Zu den 420Treppenstufen gab es auch steile Abschnitte ohne Treppen, man durfte nicht schwindelfrei sein, man will hier nicht stolpern.
In meinem Schneckentempo, dafür kontinuierlich zog ich durch. Schritt für Schritt ohne Pause! Ich war heute mental und körperlich einfach super drauf. Oben in der Kyburg wartete mein Stempel und ein kühles Bier! Auch da begegnete ich mehr Menschen, die alleine unterwegs waren, als Pärchen. Im Museum, auf der Burg oder im Restaurant, alle waren sie heute alleine unterwegs und sahen zufrieden aus. Wie schön! Die leichten Turnschuhe waren heute die richtige Wahl. Die Sonnencreme schwitzte ich fortlaufend weg, so dass ich einen leichten Sonnenbrand mit nach Hause nahm. Zuhause angekommen legte ich mich völlig überhitzt in die eiskalte Badewanne. Draussen herrschten mittlerweile 38Grad.
Erkenntnis des Tages:
Manchmal darf man «zur Last fallen!»
Ich brauche eine Trinkblase, damit ich bei extremem Wetter zwischendurch meine Kehle benetzen kann, ohne den Rucksack absetzen zu müssen und ohne aus dem Flow zu kommen.
Die Getränkekühltasche ist Gold wert. Danke Veiko!
Ich brauche dringend neue leichte Turnschuhe mit Profil, bei steilem, rutschigem Abwärtsgehen waren die sehr Abgelaufenen heute echt gefährlich.
Auch alleine ist man nie allein!
