Vorbereitung ist alles!
3 Wochen später zieht es mich wieder auf den Pilgerweg. Pipa und ich ziehen also ein zweites Mal wieder spontan und spät los. Der Weg heute war ein Traum! Das meiste ging dem...


Veröffentlicht: 29.06.2026
Tag 1 / 11.Mai 2026 Neckar-Baar-Jakobsweg (Beggingen – Hemmental)
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit dem Jakobsweg. Das erste Mal kam ich mit dem Thema 2006 in Berührung, als ich das Buch von Hape Kerkelin «Ich bin dann mal weg!» las und war sofort fasziniert. Ich war zu dieser Zeit nicht gläubig, im Gegenteil. Ich fand es naiv und weltfremd zu glauben. Aber mich faszinierte die absolute Freiheit, durch die Länder zu ziehen, zu rasten wann man möchte und das Leben einfach geschehen zu lassen. Auf dem Weg schauen was mit einem passiert oder eben nicht, Menschen und ihre Geschichte kennenzulernen oder eben nicht. Immer mal wieder dachte ich daran, den Weg gehen zu wollen. Aber durch Lebensumstände trat der Wunsch in den Hintergrund. Es war auch nicht dringend. Irgendwann später würde ich es in Angriff nehmen, es blieb im Hinterkopf.
20 Jahre später wurde der Ruf des Caminos plötzlich sehr laut. Ich wusste, dass ich diesen Weg gehen MUSS! Und zwar von zuhause aus. Ich wusste nur noch nicht genau wann. Mitten im Tag lag ich heute im Bett, ich hatte einfach keine Kraft. Ich war seelisch müde. Und mein Körper war es demensprechend auch. Ich wusste schon lange, dass sich in meinem Leben etwas ändern musste. Die Veränderung anzupacken, dafür hatte ich einfach nicht den Mumm, und ich wusste auch gar nicht mehr was richtig oder falsch war. Ich lag also über Mittag in meinem Bett, um mich zu erholen, aber die Gedanken kreisten, Gespräche wurden im Geiste immer wieder durchgespielt, wie eine Endlosschleife.
Da hörte ich ihn! Den Ruf des Camino! «Einfach gehen!» Dass es nicht regnete, war sicherlich auch eine Hilfe! Ich zog mich an, packte eine Flasche Wasser und ein Döslein Sekt-, meine Zigaretten und 2 Getreideriegel ein und stieg mit meiner betagten Pudeldame Pipa ins Auto. Den Weg von Schleitheim nach Beggingen lief ich schon viele Male. Deswegen wollte ich diesen Teil überspringen. Und allein diese 5-minütige Autofahrt liess mich sentimental werden. Ich fuhr vorbei am Radweg, auf dem wir früher zu fünft von Beggingen nach Schleitheim in die Badi fuhren. In der Pause rochen wir am blühenden Raps. Enja war noch kein Jahr alt und sass bei mir hinten auf dem Fahrrad in ihrer Sitzschale. Ronja und Ramona fuhren schon selbständig auf ihren Kindervelos. Ein Familienausflug, so einfach und normal. Es sind die kleinen Dinge im Leben, die glücklich machen. Verbundenheit, Schönheit und Liebe im Moment spüren können, darauf kommt es an. Weiter fuhr ich an unserem alten Zuhause vorbei. Sofort hatte ich die Bilder lebhaft vor meinem geistigen Auge, wie wir damals lebten und was sich in unser 5-köpfigen Familie alles so abspielte. Das Kinderlachen auf dem Trampolin, Thomas’ werkeln vor dem Haus und wie ich draussen Blumen pflanzte.
Da ich aber noch nie zu Fuss den Randen hochlief, musste ich das Auto (leider) im Dorf stehen lassen und nahm den Aufstieg auf der Strasse in Angriff. Ich kann ewig laufen, wenn der Weg nicht nach oben geht. Aber «obsi» laufen hasse ich wie die Pest. Das fängt schon gut an. Der Weg hinauf ging besser als gedacht, aber Spass machte er mir kein Bisschen und ich fragte mich jetzt schon, warum ich nicht einfach mit dem Auto hoch gefahren bin. Wenn jemand vorbeifuhr, war ich versucht den Daumen hochzuhalten, um per Anhalter mitzufahren. Aber erstens wollte ich ja meinen Lebensweg gehen, auch mit den ungeliebten Passagen und den Weg annehmen, so wie er eben ist. Zweitens war ich zu feige und hoffte, dass vielleicht einfach so jemand anhält und fragt, ob er uns mitnehmen kann. Zum Glück blieb mir diese Versuchung aber erspart. «Einfach gehen!» Oben angekommen liefen wir in Richtung Schwedenschanze. Der Weg war weiter als ich ihn in Erinnerung hatte. Oben wird man mit einer fantastischen Aussicht belohnt! Ich setzte mich kurz hin, und sog den magischen Moment des Augenblickes in mir auf, gönnte mir ein Zigarettchen und zog bereits nach 5 Minuten weiter in Richtung Hagenturm. Dieser war gar nicht so leicht zu finden. Bis jetzt hatte ich noch keine einzige Jakobsmuschel gesehen. Aber zum Glück gibt’s ja Google Maps. Der Weg war traumhaft, kein einziger Mensch begegnete mir an diesem Tag beim Laufen. Der Camino gibt dir, was du brauchst! Das erste Mal habe ich den Satz wirklich zu spüren gekriegt. Ich brauchte die Stille, keine Menschen um mich herum. Manchmal hatte ich richtig philosophische Gedanken wie: Viele Leute glauben an Wiedergeburt. Was wäre aber, wenn man in seinem Leben immer sich selbst begegnet? Vorausgesetzt dass Zeit und Raum keine Rolle spielt. Dass alles, was lebt «ich» bin? Dann hätte ich schon Millionen Male gelebt, so etwas kann man sich nicht vorstellen. Andererseits würde es Sinn machen. Denn wenn man immer nur ein «guter» Mensch ist/war, dann würde man ja nur guten Menschen begegnen. Es würde sich quasi «lohnen». Und «gut sein» predigt die Bibel und auch alle anderen Religionen. Es würde sich auch mit Nahtoderfahrungen decken, in denen berichtet wird, dass alles eins ist, oder dass sie in jedes Lebewesen schlüpfen konnten. Wirre Gedanken oder wurde ich gerade erleuchtet?
Beim Hagenturm rannte Pipa gleich mal auf den hohen Turm hinauf. Ich wollte nicht hoch, ich hatte die Aussicht von der Schwedenschanze derart genossen, die war eh nicht zu toppen! Pipa schaute mich von der Mitte des Turmes von oben herab an. Ich musste richtig deutlich werden, damit sie wieder herunterkam. Beim Hagenturm fand ich meine allererste Jakobsmuschel und freute mich wie blöde. Feierlich öffnete ich mir das Sektdöschen, sass mit Pipa in die Wiese und war glücklich. So eine innere Ruhe hatte ich nach all der Zeit schon lange nicht mehr gespürt.
Zurück ging es dann durch wunderschönen naturbelassenen Wald und magere Blumenwiesen. Konnte der Weg bis nach Santiago de Compostela überhaupt noch schöner werden? Ich bezweifelte es. Ich wohne in der schönsten Region der Welt! Während ich den Weg zurück zum Auto ging, merkte ich irgendwann, dass mein Hirn komplett ausgeschaltet war. Ich lief nur. So muss sich meditieren anfühlen, dachte ich. Nichts, rein nichts, kein einziger Gedanke durchstreifte mein Gehirn eine halbe Stunde lang. Was für ein Geschenk. Gerade für jemanden wie mich, dessen Hirn immer und ständig rattert, eine neue Erfahrung!
Erkenntnis des Tages: «Einfach gehen!»
