2017 VespamerikasuR 2019
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vakantio.de/vespaamerikasur

ab 18.12.: São Carlos / São Paulo

Veröffentlicht: 19.12.2018

18.12.:

são carlos, 24 grad, bewölkt!!

eine angenehme brise kommt durch das geöffnete fenster.

es gibt momente, in denen nur die erträglichen großstadtgeräusche von unten in den dritten stock meines hotels heraufschwappen, es gibt aber auch momente, da auf der vierspurigen straße frisierte motorräder vorbeiheizen, deren sound alles, aber auch alle anderen geräusche in den schatten stellt.

são carlos, eine universitätsstadt mit über 250 tsd einwohnern, mit großen arbeitgebern wie volkswagen, faber-castell, electrolux, mit einer landwirtschaft, in der zuckerrohr dominiert, mit weiteren hochschulen, die der stadt eine gewisse dynamik verleihen.
dank des damaligen kaffeebooms wurde sie erst in den fünfziger jahren des 19. jahrhunderts gegründet.


rückblende: der rio grande gibt an diesem frühen morgen alles! seine strömung, die mit für unsere verhältnisse gewaltiger geschwindigkeit flussabwärts "jagd", die lichtspiegelungen der morgensonne und die dschungelflora, die ihn in den verschiedensten grüntönen begleitet.

der benachbarte verkehr hat übernacht stark abgenommem, aber jetzt donnert wieder ein lkw nach dem anderen mit ungebremstem tempo über die brücke, die eine spannbreite von mindestens 50 m auszuhalten hat und den übergang zwischen minas gerais und dem bundesstaat sao paulo bildet.

um kurz nach neun befinde ich mich schon auf der BR 153 in südwestlicher richtung - dank der eskapaden des gestrigen tages, in deren folge ich von meiner ursprünglichen route weggedrängt wurde. ein relativ entspanntes fahren, wenig verkehr, unverbrauchte luft.

der genuss der gegenwart wird aber etwas durch die mäßigen beschilderungen hier geschmälert. ich weiss, dass ich nach wenigen km wieder auf südöstlichen kurs muss. mein blick wird immer wieder auf die anzeige des navi gelenkt, die jetzt besser zu lesen ist.

zwei dinge müssen aber noch erledigt werden:

der internetzugang des smarties muss auch ohne wifi funktionieren, und einen ausgabewilligen geldautomaten muss ich finden.

so lerne ich die ortschaft ipiguà kennen. eingebettet in eine hügellandschaft mit weidegebieten und beeindruckenden zufahrten zu den fazendas ("bauernhöfe") der großgrundbesitzer. weisse, schmiedeeiserne mit messingkrönchen geschmückte, bestimmt drei meter hohe einfahrtstore sagen wo es lang geht - in vielerlei hinsicht...

wenn ich dieses dorf früher kennengelernt hätte, hätte ich hier bestimmt auch mehrere tage zugebracht. hier sind die aussenbezirke mit gewerbe- und neubaugebieten eher abschreckend, weil hier auf kleinstem raum einfamilienhäuser zusammengepfercht werden, die ein friedlichen zusammenleben mit seinem nachbarn vor große herausforderungen stellt. ich habe dieses phänomen auch in chile festgestellt. südamerika und brasilien im besonderen ist ein so großes land - den menschen wird aber nur sehr wenig platz zum leben eingeräumt.

im stadtkern aber gibt es sogar eine plaza und eine kirche, eine enge, holprige hauptsstraße mit menschen, die das leben beobachten, mit tischen und stühlen, mit einzelhandel und dem in jeder stadt zu findenden lotto-laden. gesäumt von kühle und schattenspendenden bäumen.

ich suche nur eine bank. diese hält sich sehr bedeckt. ein youngster, der einen kiosk betreibt und dessen häuschen auch ein claro-aufkleber schmückt, zeigt mir den weg. der automat streikt.

ich habe noch 40 reais. reicht das für die straßengebühren, die hier in unregelmäßigen abständen eingefordert werden? zum glück werden hier für beträge aller größenordnungen auch kreditkarten akzeptiert. zwar nicht von den bezahlstationen, aber so kann ich das bargeld zusammenhalten.

wie überall -  so auch hier:

hilfsbereitschaft ohne ende! der kioskbetreiber weiss mittlerweile, dass ich ein guthaben von 50 reais auf meinem claro-account habe und ich dieses aus welchen gründen auch immer nicht abrufen kann. er vertieft sich in die materie. ein freund - david - ist mittlerweile eingetrudelt und schon abgefertigt. er hat aber zeit und ist neugierig.
ein zeuge jehova im blauen und frisch gebügelten kurzarmhemd mit einer ledertasche über seiner schulter ist kein kunde. er möchte nur seine botschaft loswerden.
als er hört, dass ich deutscher bin, schlägt er eine broschüre auf und zeigt mir einen text, der, so sagt es die überschrift, sofort gelesen werden müsse.

ein mann mittleren alters kommt dazu und wartet geduldig. ich habe schon ein schlechtes gewissen, weil ich kein umsatzbringer sein werde und ihm vielleicht seine kunden weglaufen. aber der mann hat zeit und wird dann doch zwischendurch drangenommen.

ich übe mich wieder in geduld. wenn ich nicht heute ain são carlos ankomme, dann halt einen tag später. ich habe zeit. ich werde nicht gehetzt. das thema regenzeit ist in weite ferne gerückt.

ich habe zeit und ich bin gesund! wer kann das schon von sich sagen? ich habe sie und bin es.
kein termin, der wahrgenommen werden will, keiner, der etwas von mir will, ich entscheide frei und unabängig darüber, was ich mit meinem zeitvermögen anstelle. das ist freiheit!

die beiden jungen brasilianer sind die ersten, die mir begegnen, die englisch sprechen können und WOLLEN!

sie lernen es an ihren schulen, haben aber kaum gelegenheit, es anzuwenden. und wenn ihnen dann so ein gringo in die quere kommt, dann legen sie los.

das smartie funktioniert mittlerweile. ich möchte noch wasser und hoffe, dass ich es bei ihm bekommen kann. stattdessen bietet er mir wasser aus seinem persönlichen bestand an. wieder keine chance für ein geschäft. david bringt mich zu einem laden, der wasser verkauft und erzählt dem verkäufer, dass ich aus deutschland käme. sofort entspinnt sich ein gespräch mit dem verkäufer, der auch englisch sprechen will und mir erzählt, dass er im feburar für 10 tage nach new york fahren wolle.

es ist eine so wohlwollende und schon fast freundschaftliche atmosphäre hier in dem dorf, dass ich sogar den zündschlüssel stecken lasse. später weist mich der kioskbesitzer mit ernster miene darauf hin...

mittlerweile ist es 11 uhr. die sonne hat schon mehr kraft. ich bin zwar weiter mit meinem smartie, aber noch weit entfernt von der antwort auf die frage, ob ich mich schon richtig eingefädelt habe, oder wann nun die ersten kreisel oder vielleicht sogar hinweisschilder kommen.

nichts dergleichen. stattdessen wird der verkehr immer stärker. ein ähnliches szenario wie in rondonopolis. baustellen, desolates straßenmaterial, hektische motorradfahrer und ausschilderungen, die entweder hinter zu hohem gras versteckt sind oder vor nicht allzulanger zeit von einem lkw-aufbau abgesägt wurden.

ich habe diese stadt são rosé do rio preto nicht auf dem programm. diese sollte schon längst viele kilometer westlich von mir liegen. wenn ich jetzt nicht ganz in die falsche richtung weg katapultiert werden möchte, dann geht es jetzt nur noch mit gesetzesbrechermethoden. erst mal zurück und ein plätzchen finden - wenn möglich unter einem baum - um die orientierung wieder zu finden. dank wachsamer autofahrer bin ich schnell auf der gegenspur und finde tatsächlich den gewünschten platz.

ich erkenne endlich meinen fahrfehler. schon heute morgen kurz nach dem losfahren hätte ich auf der 262 östlich einschwenken müssen. bleibt mir jetzt nur noch, meiner straße zu folgen, alle kleineren ortschaften, die auf meiner wunschrichtung liegen, im kopf zu behalten und konzentriertes schilderstudium zu betreiben. ich schummele mich wieder in meine ursprüngliche fahrtrichtung, habe die blassen konturen des navi im blick, die vorbei schneidenden motorradfahrer im rest des augenwinkels und sehe tatsächlich das schild cerda, dessen richtung ich folgen muss. ein kleines, unbedeutendes schild, das mich auf eine vierspurige autobahn führt!!! und nach wenigen kilometern wird mir auf einem grünen schild mit weisser schrift angekündigt, dass são paulo 465 km entfernt liegt.

das hat geklappt. der verkehr hat sich schnell  verteilt. es geht bergauf und bergab. viele wälder sind neu aufgeforstet. die dünnstämmigen bäume stehen in reih und glied. viel abstand gibt es nicht dazwischen. ich kann während des fahrens durch den wald hindurchgucken! kein wildwuchs, der den blick ablenkt.
ich komme gut voran und finde jetzt zeit für einen canthinabesuch.

die peage-stellen hier im bundesstaat sao paulo erlauben den motorradfahren, sich ohne gebühr an den bezahlhäuschen vorbeizuschlängeln.

an einer von diesen mache ich eine pause und stelle fest, dass es bis nach sao carlos nur noch 70 km sind. eigentlich möchte ich feierabend machen - die luft ist raus.

wie gerufen kommt ein mitarbeiter der straßenmeisterei, vor der ich geparkt habe und fragt mich, ob ich ein wasser haben wolle. erst, als er kaffee anbietet werde ich hellhörig. in der baracke ist es schön kühl. eine thermoskanne mit gesüstem kaffee steht auf dem tisch, eine smartiedaddelnde senorita am tisch, ein angeknabberter keks, im nebenzimmer höre ich tv-geräusche. eine gemütliche arbeitsatmosphäre. ich erfrische mich, beantworte die fragen, löse begeisterung aus, es werden fotos gemacht und mittlerweile erscheint ein weiterer motorradfahrer in dem raum, der  auf mich einredet, mir fotos auf seinem smartie zeigt, von einer jungen europäerin erzählt, die allein mit ihrem motorrad durch südamerika gefahren sei.

am schluss gibt es dann noch sprachunterricht: der nächste ort, der auch über 200 tsd einwohner zählt, heisst araraquara.
ich versuche mich in der richtigen sortierung der vielen buchstaben und verheddere mich jedesmal. die beiden straßenmeister haben ihren spaß dabei und geduldig wiederholen sie immer wieder den namen, bis meine sortierung endlich klappt.

125cc? alemao louco! (verrückter deutscher!)

fotos und verabschiedung.

ich bin wieder fit und erreiche nach einer stunde sao carlos. das durchfahren der außenbezirke ist mühsam, holprige straßen, eine dunkle wolke gibt ein paar wassertröpfchen ab, ich fahre ohne plan in die stadt, hoffend darauf, ein hotel zu finden. der plan geht nicht auf. dank booking.com und funktionierendem smartie, aber auch mit viel geduld und wasser, das in den helminnenwänden seinen weg sucht, finde ich nach einer halben stunde das hotel.

es ist mittlerweile 17:30 uhr.

auf jeden fall werden es hier zwei nächte.

soll ich mir sao paulo tatsächlich antun?, geht mir vor dem einschlafen durch den kopf.

oder direkt nach curitiba? mit 1,5 mio einwohnern doch wesentlich überschaubarer. mit theater und einer prunkvollen oper?

ich bin in der zivilisation angekommen...

19.12. und 20.12.

im mittelpunkt der beiden tage steht die weitere reiseplanung.

ich bin ausgeschlafen und sao paulo tritt wieder in den vordergrund meiner überlegungen.

die hostelsuche gestaltet sich recht langatmig. das cafe hostel und das zen hostel - beide kenne ich von unserem besuch mit gabi, nora und tillmann - sind während der feiertage nicht geöffnet. ich habe eher mit dem gegenteil und mit feiertagstarifen gerechnet. aber scheinbar beginnt die ferienreisewelle erst nach neujahr...

jetzt habe ich das hostel alice gefunden, das mir sogar einen abstellplatz für die vepse anbieten kann. die wifi-qualität sei gut, so dass das skypen am samstag wohl klappen wird.

der hochsommer hier kennt keine gnade. heute sind es wieder 6 grad mehr. das klima wird hier als "mild" angegeben, weil sao carlos ca. 800 m hoch liegt. keine frische brise. an einen spaziergang durch die umliegenden stadtviertel ist erst am spätnachmittag zu denken.

in einer nebenstraße entdeckt...

das straßenbild wird von weissen jungen leuten dominiert. der dienstleistungssektor obliegt bis auf wenige ausnahmen den nicht-gringos. ob es der türsteher vor dem restaurant ist, die mädels an der kasse des gegenüberliegenden supermarktes, die verkäuferinnen in der bäckerei oder das servicepersonal hier im hotel - ich kann nicht erkennen, ob es sich um braslianer oder um venezuelaner oder kolumbianer handelt, die sich hier eine neue existenz aufbauen wollen.

sind sie gerade angekommen oder im begriff das land zu verlassen?

auch hier merke ich, dass die, die englisch gelernt haben oder es gerade lernen, diese sprache anwenden wollen.

im restaurant hat mich der junge kellner darum gebeten (!) mit ihm englisch zu sprechen. er habe so selten gelegenheit dazu. derjenige, der mir die wäsche in der wäscherei abgenommen hat, schwenkt auch sofort auf englisch um. ich habe zeit und lobe ihn für seinen guten akzent und frage ihn, ob er denn die sprache oft anwenden könne. er höre englische musikgruppen, trainiere american football-teams in englischer sprache und er liest amerikanische zeitungen.

vielleicht schätze ich das auch falsch ein, aber ich habe das gefühl, dass sie wegwollen, dass das land keine zukunft für sie hat.

ein ähnliches erlebnis hatte ich an der tankstelle: die kassiererin fragte mich geich auf englisch, aus welchem land ich käme. als sie europa hört bekommt sie glänzende augen. ja, sie hätte einen freund in polen und ja, sie wolle mit ihrem freund zusammenleben, brasilien den rücken kehren. die luft sei nicht gut, die politisch/gesellschaftliche situation in den vergangenen jahren ebensowenig.

ich spreche sie auf bolsonaro an. ob das der grund sei, warum sie das land verlassen wolle?

no. brasil needs a strong man.



dieses konzept geht auf. ab nachmittag brummt der laden

am nachmittag entdecke ich einen eisladen. keinen gewöhnlichen, wie wir ihn kennen. der gast wird von einem eisbuffet begrüßt. er darf sich selbst bedienen. es ist nicht nur eis, sondern es gibt auch obstsalate, aufgeschnittene kokusnuss, eine süsigkeitstheke, leckere nachtische - alles was das herz begehrt. man nimmt sich ein plastik(!)schälchen und auch einen plastiklöffel - mann kann sich drei verschiedene größen aussuchen - und schon öffnet das schlaraffenland seine türen. an der kasse stehen zwei waagen. der preis richtet sich nach dem gewicht.

abends ist der eisladen brechend voll.

feliz natal!

morgen also geht es in die 15 millionenmetropole sao paulo. ich will die morgenkühle ausnutzen und hoffe, dass ich am frühen nachmittag in meinem hostel sein werde.

die ausschilderung wird mir bis zum stadtrand keine schwierigkeiten bereiten...






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