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Reality von Langzeitreisenden in La Paz, Bolivien

La Paz. Fast eine Woche sind wir jetzt schon hier. Was wir bisher gesehen haben? Nicht viel, denn seit wir in Bolivien sind haben unsere Mägen ganz schön mit dem Essen, dem Wasser, der Höhe oder sonst was zu kämpfen… Hand aufs Herz: uns packt Reisemüdigkeit. Wie gerne würden wir mal wieder richtiges (Vollkorn-) Brot, Salat oder einfach Essen aus der Heimat essen; uns keine Gedanken machen, wo wir als nächstes schlafen, was das nächste Abenteuer oder Reiseziel ist und wieder neuen Smalltalk mit Fremden beginnen. Na klar, das ist Jammern auf hohem Niveau und viele werden sagen, dass andere von unserem Leben gerade nur träumen können, aber es soll an dieser Stelle einfach mal gesagt werden: Langzeitreisende zu sein ist auch nicht immer einfach und hat auch mal seine Schattenseiten (vielleicht spricht da aber auch der wenige Schlaf aus uns, weil wir nächtelang auf der Toilette verbringen ;) . Nun gut: Kopf hoch, Schultern gestrafft, Rucksack festgezurrt, Sonnenbrille auf und wieder der sonnigen Seite des Lebens entgegenblicken! Wir sind immer noch unfassbar dankbar, dass wir uns diese lange Auszeit nehmen können und wir uns so entschieden haben :)

Bienvenidos a La Paz

Nein, La Paz ist eigentlich nicht die Hauptstadt von Bolivien, aber irgendwie auch doch ein bisschen. Auf einer Walkingtour durch die Innenstadt erfahren wir von unserem super Guide (Daniel von RedCap), dass nach einem Streit zwischen Sucre und La Paz entschieden wurde, dass die Regierungsgebäude, wie z.B. der Präsidentenpalast und die Ministerien, in La Paz verbleiben, Sucre aber die Hauptstadt bleibt. Wir starten unsere Tour am Plaza de Sucre, wo auch das Gefängnis ist. Das Besondere: die Häftlinge müssen je nach Schwere ihrer Tat „Eintritt“ bezahlen, dürfen ihre Familie mitbringen um mit ihnen dort zu „wohnen“ und wenn sie einmal die Wärter/Polizisten am Eingang hinter sich gelassen haben, organisieren sie sich innerhalb des Gefängnisses komplett selbst. Was sich nach einem seltsamen Drehbuch für eine neue Staffel PrisonBreak anhört, ist hier tatsächlich Realität. Wie in einer kleinen Stadt in der Stadt gibt es Restaurants, Friseure, Läden und andere „Geschäfte“ mit denen sich die Insassen etwas dazuverdienen… Ihre Familien dürfen rein und raus, wie sie möchten; die Kinder um zur Schule zu gehen, die Frauen um Geld zu verdienen. Sogar Touren für Touristen wurden bis vor kurzem in das Gefängnis angeboten (sind aber inzwischen verboten!).

Weiter geht es über den Hexenmarkt: eine Gegend mit süßen Sträßchen, bunten Läden und Alpakaembryos. Nein, du hast dich leider nicht verlesen! An einigen Ständen baumeln tote Babyalpakas von der Decke… Aber das hat einen Grund: die angeblich natürlich gestorbenen Tiere kann man kaufen um sie „Pacha Mama“ (Mutter Erde) zu opfern. Das soll vor allem Glück bringen, wenn man ein Haus bauen will, wobei man das Alpaka mit Süßigkeiten, Blumen, Cocablättern und Alkohol feierlich mit einem Schamanen im Boden des Grundstücks vergräbt. Wer an so etwas nicht glaubt, wird ohne dieses Ritual trotzdem keinen einzigen Bauarbeiter finden, der beim Hausbau mithelfen will. Ein etwas fragwürdiger Brauch, aber was uns der Guide dann erzählt ist noch viel gespenstischer: wer ein besonders großes Haus, wie z.B. einen Wolkenkratzer bauen will, benötigte früher noch ein Menschenopfer, was jedoch nur von dunklen Schamanen durchgeführt wurde. Dieser zog mit seinem Gehilfen dann bei Nacht durch die Straßen auf der Suche nach einer armen Seele ohne Zuhause, Familie, Freunde, am besten alkohol- oder drogenabhängig und machten diese dann gefügig, bevor sie sie in das Fundament der Baustelle eingossen. Heute soll dies nicht mehr praktiziert werden, doch so ganz sicher ist sich niemand… Doch genug der Gruselgeschichten.

Schamanenritual auf dem Plaza Murilo

Oder doch nicht? An der Kiche San Francisco erfahren wir, wie die Katholiken durch einen Vorwand die Angst der Ureinwohner, ihre Seele zu verlieren, schürten, um sie zu konvertieren. Mit Spiegeln (was sie zuvor noch nie gesehen hatten) wurde ihnen gezeigt, dass ihre Seele in der Kirche ein sicheres Zuhause gefunden hat. Was auch erstaunlich gut funktioniert hat, denn heute sind 90% aller Bolivianer:innen katholisch.

Der nächste Stop ist am Plaza Metropolitana Murillo, wo auch der Präsidentenpalast steht. Diesen haben die Bolivianer schon 2x abgebrannt, weil sie derart unzufrieden mit der Politik waren. Denn auch hier geht es weiter mit den Geschichten, die sich kaum jemand ausdenken kann: mit Vorliebe wählen die Bolivianer die schlechtesten Präsidenten in eine neue Amtszeit. So gab es welche, die alles privatisiert haben; welche, die alle Ressourcen des Landes exportiert haben, sodass die Bewohner selbst nichts mehr hatten; welche, die sogar auf Dienstleistungen, die eigentlich umsonst sind, Steuern erhoben; welche, die mithilfe des Militärs die eigene Bevölkerung beschossen haben; welche, die mit allem Bargeld, was die Staatsbank zu bieten hatte, abgehauen sind usw. Irgendwie hat dieses Land in der Vergangenheit nicht viel Glück gehabt, obwohl es mitunter die reichsten Bodenschätze der Welt hat (z.B. Lithium).

Einschusslöcher bezeugen den Beschuss des Militärs auf die eigene Bevölkerung

Eine interessante Tour geht zu Ende und wir widmen uns der örtlichen Gastronomie. An einem Straßenstand probieren wir Papas Rellenas (Kugeln aus Kartoffelbrei, gefüllt mit Fleisch und verschiedenen Soßen), frischen gepressten Orangen- und Mandarinen-Saft und Wassermelone. Abends geht es weiter mit einem 4-Gänge-Menü mit unseren alten Bekannten @travel_teachers, das interessante Kombinationen aus der neu interpretierten bolivianischen Küche bereit hält.

Die neue bolivianische Küche

Dann beschließen wir eine andere Kuriosität Boliviens zu erleben: ein Besuch beim Cholita-Wrestling! Cholitas werden die Frauen aus der Aymara-Kultur genannt. Man erkennt sie an üppigen Röcken (die ca. 5 Kilogramm wiegen) und einem Hut auf dem Kopf (der durch den Trick eines italienischen Verkäufers heute zur Kultur gehört). Am Anfang war Wrestling nur Männern vorbehalten, doch die starken Cholitas kämpften für ihr Recht ebenfalls zu trainieren und zu kämpfen und so sind einige von ihnen heute besser als ihre männlichen Kollegen. Mit Popcorn und Cola jubeln wir also dem Showkampf der fliegenden Röcke zu und haben einiges zu lachen. 

Ouch!

Danach geht es über die Panoramastraße wieder zurück in die Innenstadt. Der Blick vom höher gelegenen Stadtteil „El Alto“ haut uns so um, dass wir beschließen auf jeden Fall nochmal hier rauf zu fahren.

Gesagt getan und wir fahren an einem Sonntag mit der Teleferico-Seilbahn über die Dächer der Stadt. Es geht mit der roten Linie über ein herrlich buntes Stadtviertel und dann mit der blauen Linie noch ein bisschen weiter. Unter uns sehen wir plötzlich tausende Marktstände und es scheint überhaupt nicht mehr aufzuhören… 

Der riesige Markt, hier nur ein winziger Teil davon

Ohne es zu merken, sind wir auf dem höchstgelegenen Großmarkt der Welt gelandet, der Feria 16 de Julio. Dieser Markt gehört zu den größten überhaupt und liegt dabei auf ca. 4200m. Wir laufen nur über einen sehr kleinen Teil davon, doch auch hier ist schon erkennbar, dass es hier absolut nichts gibt was es nicht gibt. Die meisten Stände werden allerdings schon abgebaut, denn es ist Abend geworden und wir sind ja eigentlich für die schöne Aussicht gekommen. Nahe der Avenida Panoramica erreichen wir einen Viewpoint und genießen den Blick über die Stadt und die umliegenden Berge im letzten Licht des Tages. Dann geht es mit der Seilbahn wieder nach unten. Ein bisschen fühlt man sich wie in einem überdimensional riesigen Stadion, wenn alle rundherum die Feuerzeuge oder Taschenlampen zücken und man sich in einem großen fantastisch schönen Lichtermeer wiederfindet.

Eine andere Landschaft, die nicht von dieser Welt zu sein scheint, wartet etwas außerhalb von La Paz. Eine einstündige Fahrt mit dem Stadtbus für ca. 40 Cent liegt zwischen uns und dem „Valle de las Animas“. Dabei leistet uns Flore aus Belgien wieder Gesellschaft. Wir wandern ab der Endstation einfach auf eigene Faust immer der Nase nach in das Tal hinein. Schon am Anfang ist der Weg von unwirklich geformten spitzen Felsnadeln, die durch Erosion aus dem Sandstein gebildet worden sind, gesäumt. Hier wirkt alles wie aus der Kulisse für einen bösen Hollywoodschurken oder wie man sich vielleicht Mordor aus Herr der Ringe vorstellen würde. Das einzige was nicht dazu passt ist die strahlende Sonne, die ohne ein Fleckchen Schatten zu hinterlassen auf uns niederbrennt. Wir stiefeln weiter immer leicht den Berg hinauf, bis wir irgendwann streiken. Nach 5 Tagen Magen-Darm-Problemen ist einfach keine Energie mehr da und dazu kommt die sengende Hitze und die Höhe. Wir finden den einzigen Baum weit und breit und machen eine Pause, während Flore das letzte Stück zum Viewpoint alleine bewältigt. Auf dem Weg zurück finden wir unglaublich viele Steine in den unterschiedlichsten Farben, die teilweise Kristalle eingeschlossen haben, und lassen die beeindruckende Landschaft auf uns wirken. Wahnsinn, was die Natur alles schafft!

Valle de las Animas

Wir merken allerdings, dass uns so viele Wochen in großer Höhe doch nicht in Ruhe gesundheitlich regenerieren lassen und beschließen La Paz den Rücken zu kehren.

Mit dem Minivan geht es erst über einen Pass und dann deutlich weiter nach unten in den kleinen Ort Coroico am Ende der bekannten Death Road. Hier finden wir tatsächlich ein deutsches Restaurant, das uns Spätzle serviert - da ist die Welt doch gleich wieder in Ordnung ;) Ansonsten ruhen wir uns tatsächlich einfach nur aus, obwohl die wunderschöne Umgebung mit unzähligen grünen Bergen für Outdoorfans einiges zu bieten hätte… Und auch für die nervenaufreibende Mountainbiketour auf der gefährlichsten Straße der Welt fühlen wir uns leider noch nicht fit genug.


Weiter geht es auf nur noch 274m Höhe in den bolivianischen Dschungel!

Coroico


Bolivien

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