Fleißige Bienchen
Dienstag + Mittwoch, 24. + 25. September 7:30 am. Heute ist unser freier Tag. Hooray! Wobei „frei“ vielleicht nicht ganz der passende Ausdruck ist. Frei von Programm, sodass wir...

Veröffentlicht: 26.09.2019
Montag, 23. September
6:30 am. Ich wache pünktlich vor dem Klingeln meines Weckers auf, sodass ich noch genug Zeit habe, um eine Runde schwimmen zu gehen. Das kühle Wasser ist erfrischend und ich gehe unerwartet gut gelaunt zum Frühstück, bevor unser Bus um 8:30 Uhr startet. Wieder nach Amman, wieder zu zwei Institutionen. Der heutige Tag steht unter dem Thema "Faith-sensitive social work". Unsere erste Institution: die Islamic Charity Center Society (ICCS).
Unsere Summer School Gruppe bekommt heute und die nächsten Tage Zuwachs von einer weiteren Projektgruppe, die aus Studierenden der FHWS, der GJU Jordanien und aus libanesischen Studierenden besteht. Aufs Doppelte angewachsen sitzt die gesamte Gruppe nun dicht an dicht in einem kleinen Raum. An der Wand fällt mir ein Bildschirm auf, der Bilder von fünf Überwachungskameras in der Organisation zeigt. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde übernimmt nun Alaa das Wort, der Manager der ICCS. Er sagt als allererstes, dass er sich als Weltbürger versteht, und dass eine der islamischen Säulen das Verständnis darüber sei, dass alle Nationalitäten und Religionen gleichwertig sind. Das macht ihn mir direkt sympathisch. Während eine Mitarbeiterin der ICCS arabischen Kaffee in winzigen Plastikbechern verteilt, erzählt Alaa nun von der Institution, die 1993 für Waisen und bedürftige Leute im Viertel hier gegründet wurde. Als sich 2011 durch den Krieg in Syrien viele Geflüchtete hier angesiedelt haben, hat die Institution zu ihren Aufgabengebieten eine zusätzliche Komponente hinzugefügt, um auch Flüchtlingen zu helfen.
Im Prinzip kann jeder zur ICCS kommen, um Hilfe aufzusuchen. In der Behandlung wird zwischen zwei Gruppen unterschieden: Waisen und Nicht-Waisen, die aus anderen Gründen bedürftig sind. Finanzielle Unterstützung kommt von Spender*innen, die monatlich 30 JD spenden, die dann jeweils an eine bedürftige Person und gegebenenfalls deren Familie gehen. Es besteht die Möglichkeit, gleichzeitig von mehreren Spender*innen unterstützt zu werden. Diese können dann selbst entscheiden, ob sie Kontakt zu ihrem Schützling haben möchten, oder nicht. Falls Kontakt gewünscht ist, findet der dann in Absprache mit der Mutter statt.
Ich bin verwirrt. Wie ist eine Absprache mit der Mutter möglich, wenn die meisten Klient*innen Waisenkinder sind? Rebecca hat den gleichen Gedanken und äußert ihn laut. Die für uns verblüffende Antwort: Waise im islamischen Verständnis ist ein Kind, dessen Vater verstorben ist. In einer patriarchalischen Gesellschaft ist der Vater als wichtigstes Familienoberhaupt offensichtlich die ausschlaggebende Person, und die zurückbleibende Mutter kein vollwertiges Elternteil mehr. Lebt der Vater noch, und „nur“ die Mutter ist tot, werden die Kinder auch nicht als Waisen bezeichnet. Aus feministischer Sicht ist das für mich nur schwer nachzuvollziehen, aber ich versuche, nicht darüber zu urteilen. Wir befinden uns hier eben in einem völlig anderen Gesellschaftssystem.
Alaa sagt uns dann noch, dass bei der ICCS in der letzten Zeit die finanzielle Unterstützung von 80 Familien gestoppt werden musste, da viele Jordanier*innen in aktuell absteigender Konjunktur selbst in finanziellen Schwierigkeiten stecken. Ich hoffe, dass die Arbeit, die hier geleistet wird, in Zukunft trotzdem weitergeführt werden kann. Außer der finanziellen Unterstützung finden Kinder und Jugendliche nämlich in den hiesigen Räumlichkeiten über Tag Zuflucht und werden dort angemessen betreut.
Wir bekommen nun eine Führung durch das Gebäude und die Räume, in denen Unterrichtsstunden und weitere Aktivitäten für die Kinder stattfinden. Dadurch, dass gerade keine Klient*innen anwesend sind, können wir uns völlig frei und entspannt bewegen und uns alles in Ruhe anschauen – wirklich kein Vergleich zu der gestrigen Tour. Ich stimme mit Sophia überein, dass ein institutioneller Besuch auf diese Art und Weise tatsächlich angemessen und für uns lehrreich ablaufen kann. Das Treppenhaus ist mit bunten Bildern von Kindern verziert und eine Mitarbeiterin der ICCS mit einer starken Persönlichkeit erklärt uns, was hier in welchem Raum stattfindet. „She’s a tough woman“, kommentiert Pepa passend. Neben einem Klassenraum gibt es im nächsten Stockwerk einen größeren Saal mit einer Bühne, der für Theaterveranstaltungen gedacht ist. Im obersten Stockwerk, eine Fläche mit Kunstrasen, Basketballkörben und Toren, auf der sich die Kinder austoben können. Wir alle verlassen dann sehr zufrieden das Gebäude und starten in unsere Mittagspause.
Mit vollen Bäuchen und in glühender Mittagshitze geht es nun zum Catholic Center for Studies & Media (CCSM). An einer großen Tafel versammelt, in einem großen Saal neben einer Kirche, sitzt mitten unter uns Pater Rifat, der uns nun etwas zum CCSM erzählt. Das Mittagstief macht sich bei uns allen bemerkbar und ich sehe, wie um mich herum einige Augenlider zufallen, während ich selbst mit mir kämpfen muss, um konzentriert zu bleiben. Es bleibt jedoch hängen, dass auch Pater Rifat mit seinem Zentrum darum bemüht ist, Frieden zwischen Personen jeglichen Glaubens herzustellen, und aus religiöser Nächstenliebe heraus so vielen Menschen wie möglich helfen will. Er betont außerdem immer wieder, dass radikale Gruppen, die ihre Religion (welche auch immer es sein mag) als Grund für terroristische Attentate nennen, in keiner Weise etwas mit Religion zu tun haben. „Religion is part of peace, and never of fighting. We have the role to be human.” Agree. Totally.
Der letzte Programmpunkt für heute: die Präsentation einer 3er-Gruppe unserer Summer School zum Thema faith-sensitive social work. Sie findet in der GJU in Amman statt, sodass wir nun zum ersten Mal unseren Campus betreten, auf dem wir während unseres Auslandssemesters unsere Vorlesungen besuchen werden. Er ist sehr klein, verwinkelt und süß, und hat eine Terrasse mit einem wunderschönen Blick auf Amman. Hier kann man schöne Sonnenauf- und -untergänge beobachten, wie Adib uns sagt. Der Klassenraum hat eine überschaubare Größe und ist mit kleinen Holzstühlen bestückt, an denen man winzige Tischplatten ausklappen kann. Vorne ein moderner Bildschirm und ein Beamer, außerdem Zugang zu einer Terrasse – also alles, was man braucht. Die Präsentation von Sophia, Sana’a und Fatima ist interessant und relevant, und ein guter Abschluss von unserem heutigen Tag. Zu mehr wären wir jetzt ohnehin nicht mehr aufnahmefähig gewesen. Mir wird von Tag zu Tag klarer, wie intensiv das Programm dieser Summer School ist.