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Wenn Wolken vom Himmel fallen

Veröffentlicht: 10.03.2023

10.03.23 Fes – Quezzane Was kann nicht alles vom Himmel fallen? Wasser als Regen oder gefroren als Schnee. Das erleben wir ganz oft. Für den amerikanischen Ufo-Schriftsteller Morris K. Jessup regnet es immer dann, wenn Bewohner, die in Tanks über der Erde leben, ihre Wohnung leeren. Kein Witz, das meinte der ernst! Oder Steine – als Meteoriten. Auch das passiert täglich. Die Atmosphäre schützt uns vor kleineren Geschossen. Größere Brocken sausen durch, und ein solcher war vermutlich der Grund dafür, dass die Gallier in Angst davor lebten, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt. Wir wissen das von Asterix und Obelix.

Ich mag es am liebsten, wenn Wolken vom Himmel fallen. Ja, auch das gibt es. Ich habe das manchmal im Bayerischen Wald erlebt. Es wird oft mit Nebel verwechselt, doch da gibt es Unterschiede. Die waren heute Morgen auf unserer Fahrt von Fes in Richtung Quezzane wunderschön auszumachen: Du hast das Gefühl, du fährst durch eine Nebelbank und plötzlich, eine Kurve weiter, ist herrlicher Sonnenschein, klarer Himmel. Du schaust nach oben und siehst Wolkenfetzen über dir hängen, so dicht, dass du glaubst, sie mit den Händen greifen zu können. Die Landschaft um dich ist in ein weiches Licht getaucht, das Bäume, Sträucher, ja selbst Felsen zart und rund erscheinen lässt. Ein Hauch von Magie liegt in der Luft. Bilder erscheinen, vergehen, nichts ist deutlich und doch alles da.

Zu Beginn unserer Fahrt wäre mir dichter Nebel lieber gewesen. Wir kamen durch eine Gegend, in der totes Vieh im Straßengraben lag. Rinder, Kühe, Schafe den Leib aufgerissen und wilde Hunde, die sich über die Kadaver hermachten. Das hatte ich bis heute so noch nicht in Marokko gesehen.

Doch schon bald änderte sich die Szenerie. Wir tauchten ein in Felder aus Weizen, Mais, Gerste, Hirse und Reis, so groß, dass deren Anfang und Ende mit bloßem Auge nicht zu erkennen war. Und mittendrin, irgendwie verloren, drei Männlein nebeneinander mit Sprühflaschen und Eimern ausgerüstet, die im langsamen Schritt ihre Bahn ziehen. Dazwischen im Kontrast kleine, frisch gepflügte Äcker, deren dunkelbraune Erde reiche Ernte verspricht. Davor sitzt ein junger Bub in einem schwarzen, zerrissenen Hemd und bricht gedankenverloren kleine Zweige von einem Stöckchen. Wie alt mag er sein? Elf? Zwölf? Es ist kurz nach 10 Uhr. Normal müsste er jetzt in der Schule sein. Vielleicht geht er gar nicht zur Schule? Was mag in ihm vorgehen? Welche Träume hat er? Was wird die Zukunft für ihn bringen? Was kann sie für ihn bringen, hier in Marokko, in einem kleinen Dorf, das zum Großteil aus einer Ansammlung verbeulter Wellblechhütten besteht? Die Träume dürfen nicht groß sein – nein, das stimmt nicht! Die Träume müssen groß sein, denn nur dann können sie dir die Kraft geben, sie zu verwirklichen. Deine Träume wahr werden zu lassen, das kannst nur du allein.

Das war auch meine erste Frage an Renate und Volker im Wohnmobil mit der Nummer neun, die unser Teilnehmerfeld komplettieren. Die beiden sind seit mehr als 40 Jahren mit Zelt, Wohnwagen und jetzt mit dem Wohnmobil unterwegs. „Mein großer Traum, das war schon immer die Familie“, sagt der 66-jähriger ohne lange zu überlegen. Mit Renate ist dieser Wunsch wahr geworden, die ihm vor 32 Jahren eine Tochter geschenkt hat. Debora ist nun selbst schon dreifache Mutter, und die Enkel sind der ganze Stolz von Opa Volker. „Er bringt sie in die Schule, holt sie ab – er ist immer für sie da“, sagt Renate, die 64 Jahre zählt und nicht nur Bauzeichnerin war, sondern ganze Baustellen gemanagt hat.

Familie ist für die beiden ein großer Begriff. Da stehen auch Heiko und Michaela ganz oben mit dabei. Die Kinder von Volkers großen Bruder Gerd – der mit seiner Ute auch in Marokko dabei ist – gehören mit zur Familie wie die eigene Tochter. Es wird zusammen in den Urlaub gefahren, telefoniert und in dem kleinen, aber feinen Waldstetten in Kreis Schwäbisch Gmünd getroffen und – ganz wichtig – viel zusammen gegessen. „Ja, darauf legen wir großen Wert“, betont Volker, der als Vertriebsleiter für einen Zulieferer der Automobilindustrie tätig war. Das sieht man auch hier in Marokko: Es vergeht kein Tag, an dem Renate und Volker sowie Ute und Gerd nicht zusammen kochen oder brutzeln. Ihre beiden Wohnmobile werden nebeneinander abgestellt, so dass die Eingänge gegenüberliegen, Tische und Stühle aufgestellt und keine 15 Minuten später zieht ein verlockender Duft über den Campingplatz.

Vielleicht haben die Familien das in Italien schätzen gelernt, wo sie seit 45 Jahren mindestens einmal im Jahr zu Gast sind, selten alleine, oft mit dem Bruder, dessen Kindern, der Tochter oder mit den Enkeln. Mit der Familie eben. Marokko ist für Renate und Volker die zweite Ausfahrt mit den Reisemobilfreunden Europa. Sie waren 2019 schon in Sardinien und haben nun auch das Abenteuer Marokko gewagt. „Diese Wochen waren für uns sehr beeindruckend“, sagt Volker und Renate ergänzt: „Das stimmt, aber wenn man diese Armut hier sieht und weiß, in welchem Saus und Braus wir leben, dann macht mich das schon nachdenklich.“ Wie fast alle in unserer Gruppe …

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