Hoher Atlas, Cathedrales des Roches, Lac d‘Isli & Todhraschlucht
Auf 2.500m springt tatsächlich nachts mal die Heizung an und am nächsten Morgen geht es dann weiter. Die Landschaft ist karg und der Wind eisig. Auf dem Weg sehen wir eine...

Veröffentlicht: 21.05.2023

































Während wir auf unserem Platz in Tingehir draußen sitzen, schlägt plötzlich das Wetter um; plötzlich fegt ein eisiger Wind über den Platz, es fängt an zu regnen und wird deutlich kälter - hier sind im Mai sonst immer Temperaturen um 30 Grad; wir liegen jetzt bei 12 Grad 😳 - absolut ungewöhnlich hier, wie uns vielfach bestätigt wird.
Bei strömendem Regen kaufe ich noch schnell etwas ein, auf den Straßen sammelt sich ruckzuck das Wasser in riesigen Pfützen. Wir wollen eine wenig befahrene Offroad-Tour machen und fahren ins Gelände, wo wir am Nachmittag wieder mit gutem Wetter rechnen.
Bei Schneeregen und 3,5 Grad fahren wir durch eine Hochebene und Landschaften, die eher an Schottland oder Irland erinnern 🥶…crazy.
Am Straßenrand hält ein Junge den Daumen hoch, der nur im Sweatshirt vermutlich auf ein Sammeltaxi wartet - wir nehmen ihn bestimmt 20 Kilometer mit zum nächsten Dorf.
Auf einen Pass machen wir Halt, essen etwas und sitzen den Regen aus und tatsächlich kommt wie geplant die Sonne wieder raus.
Wir fahren weiter und finden einen schönen Platz hinter Felsen und es kommt nur ein Hirte vorbei, der grüßt. Da der Buschfunk hier sehr gut funktioniert, sehen wir beim Abendessen draußen 3 kleine Jungs, die sich mit etwas Abstand auf einige Felsen gesetzt haben und einfach nur schauen…zwei von ihnen barfuß bei diesen echt kühlen Temperaturen.
Sie grüßen freundlich und signalisieren, dass sie unser Auto mögen - ansonsten schauen sie uns nur mit großen Augen an. Alle meine Fragen auf französisch beantworten sie nur mit „oui“ …sie verstehen leider kein Wort.
Wir haben noch etwas Brot vom Abendessen übrig und sie nehmen es gerne, wir wünschen ihnen eine gute Nacht und sie gehen winkend.
Am nächsten Morgen kommt eine Hirtin mit zwei kleinen Kindern vorbei und fragt freundlich, ob wir vielleicht etwas für sie und ihre Kinder haben. Wir haben noch ein paar Kinderklamotten, Schuhe und einen warmen Pulli und hier scheint es (mal wieder) echt gebraucht zu werden.
Wir fahren durch eine tolle Landschaft weiter und machen bei Sonne eine kurze Pause auf einer Ebene.
Plötzlich fällt Basti eine dicke Ausbuchtung am hinteren Reifen auf und eine weitere, kleinere entdecken wir dann am zweiten Hinterreifen (der als ehemaliger Reservereifen noch nicht viel befahren ist).
Beides auf der Lauffläche und wie wir dann herausfinden ein Karkassenbruch - gar nicht gut und man sollte damit wohl nicht mehr groß (oder auch klein) weiterfahren.
Wir sind aber leider in the middle of nowhere und die Piste ist kaum befahren.
Wir entscheiden uns, zumindest den Reifen mit der dicken Ausbeulung gegen unseren vor ein paar Wochen geflickten Ersatzreifen zu tauschen - der dann aber leider die Luft nicht hält, weil das Loch offensichtlich zu groß für den Flicken war und wie sich später herausstellt, auch dieser einen Karkassenbruch hat.
Und ja, der Kompressor war ein absolut lohnender Invest, so oft, wie wir ihn nutzen 😜.
Wir flicken also das Loch nochmal (was dann ja erstmal aushärten muss) und tauschen wieder in den schlechten Ursprungszustand zurück und hoffen, dass die Reifen trotz Schaden bis zur nächsten Werkstatt halten….ein Dorf kommt in ca. 15km nach der Offroad-Piste und der nächste größere Ort in 60km.
Allerdings ist heute Freitag und laut Google haben die meisten Werkstätten ab mittags geschlossen.
Wir fahren die Piste also weiter, haben den Reifendruck auf dem Display immer im Blick und kommen nach der Piste in ein Mini-Dorf mit Werkstat - die verschlossen ist.
Wir stehen nur kurz herum; ein paar Kinder geben dem Besitzer wohl direkt Bescheid und er kommt mit einigen anderen Männern sofort zu uns.
Sie schauen sich die Reifen an und bestätigen, dass eine Reparatur unmöglich und ein Wechsel unumgänglich und auch dringend ist.
Sofort telefonieren sie herum, auf der Suche nach den richtigen Reifen, denn aufgrund des Gewichts der Kabine brauchen wir spezielle Reifen auf unseren Schwerlastfelgen.
In der Stadt, aus der wir gestern abgefahren sind, Tinghir (60km weg) gibt es wohl einen Reifenhändler bzw. DEN einzigen Reifenhändler, der den kompletten Süden Marokkos mit Reifen versorgt.
Sie bieten uns an, innerhalb von 2 Stunden Reifen zu besorgen. Da wir aber ohnehin nach Tinghir zurück wollen und uns zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht sicher sind, ob uns hier Schmuh erzählt wird, sagen wir ihnen, dass wir selbst dorthin fahren wollen.
Unser Misstrauen ist völlig überflüssig, wie sich später zeigt. Sie weisen uns daraufhin, dass die Fahrt nicht ungefährlich ist, weil der oder die Reifen platzen können und schicken uns dann per WhatsApp den Standort des Händlers - sie reagieren dennoch sehr freundlich und wie sich später zeigt auch sehr fürsorglich, weil sie den Reifenhändler informieren, dass wir kommen und sich noch abends bei uns per WhatsApp erkundigen, ob alles geklappt hat.
Wir fahren also in gemäßigten Tempo die Asphaltstraße nach Tinghir und ich suche nach einer gut bewerteten Werkstatt auf Google und finde Kamil. Wir beschließen in unserer Skepsis, an dem uns geschickten Standort mal kurz vorbeischauen und sonst zu der Werkstatt zu fahren, die ich im Netz gefunden habe.
So der Plan - wir fahren gerade über eine Brücke in den Ort Tinghir rein, als plötzlich der linke Hinterreifen pfeift und so schnell Luft verliert, dass wir es gerade noch über die Brücke bis zu einem Kreisverkehr schaffen, in dem die Polizei einen kleinen Posten hat und versperren den zwei dort sitzenden Polizisten erfolgreich die komplette Sicht 🙈.
Sie sehen unser Malheur und bitten uns, zumindest noch etwas Sicht frei zugeben und schauen sich dann das Spektakel an, wie wir - mal wieder - versuchen, das vor 3 Stunden geflickte Ersatzrad aufzuziehen - das leider wieder die Luft nicht hält und nun sehen wir auch dort die deutliche Ausbeulung des Karkassenbruchs.
Bis zur Werkstatt sind es 4 km und wir haben nur 2 intakte, einen halb intakten und 2 völlig kaputte Reifen - eine sehr bescheiden Bilanz und so kommen wir hier nicht weg.
Ich frage die Polizisten, ob sie eine Werkstatt kennen, die uns jetzt helfen kann und einer von ihnen zückt die Visitenkarte von Kamil (unserer Google-Auswahl) und ruft ihn sofort an. Er sagt: „Kein Problem, in 5 Minuten ist jemand da.“
Innerhalb von 3 Minuten ist Kamil da; ein zurückhaltender, freundlicher Mensch, der heute eigentlich frei hat und seine kleine Tochter im Auto hat.
Er erfasst sofort das Dilemma und erklärt uns, dass er den einen Reifen nun schnell mitnimmt, so flickt, dass wir damit bis zum Reifenhändler fahren können (DEM Reifenhändler) und wir dann dort klären, wie wir weiter verfahren.
Er schnappt sich den Reifen und verschwindet. Die Polizisten fragen uns, wie uns Marokko gefällt und als wir sagen, dass die Marokkaner sehr schnell und kreativ Lösungen finden, bestätigen sie das lachend.
Eine zwielichtige Gestalt auf dem Fahrrad kommt zweimal vorbei und sagt, dass sie besser weiß, wer uns helfen kann - die Polizisten verjagen ihn verärgert.
Ca. 20-30 Minuten später ist Kamil zurück - mittlerweile in seiner Arbeitskluft, ohne seine Tochter und mit unserem geflickten Reifen.
Ruhig und professionell zieht er ihn auf und bittet uns, ihm zu folgen.
Der Reifen hält und wir fahren durch den Ort hinter ihm her, exakt bis zum Standort, den uns die Marokkaner geschickt hatten…DEM Reifenhändler, der auch gleichzeitig eine Werkstatt ist.
Dort wurden wir offensichtlich schon angekündigt und Kamil kümmert sich darum, dass wir völlig transparent sehen, welche Reifen es gibt und was diese kosten…es kommen nur zwei überhaupt in Frage und die Preise sind durch den Import sehr sportlich, aber das wussten wir schon.
Wir entscheiden uns und da man hier nur Cash zahlen kann, fährt Kamil mich schnell zur nächsten Bank und ich hebe Geld ab.
Dann fährt er mich zurück, erklärt uns, dass die Reifen gleich drauf gezogen werden und dass er nun fährt, weil ja alles geregelt ist.
Wir schauen ihn erstaunt an und fragen nach dem Preis für seine Unterstützung und Dienstleistung und er winkt ab - wir bestehen darauf, ihm etwas zu zahlen und er nennt uns einen mehr als fairen Preis, den wir gerne verdoppeln. Er nimmt bescheiden an und sagt, dass wir ja seine Visitenkarte haben und uns bei einem Problem mit dem Auto jederzeit gerne melden können.
Unsere neuen Reifen werden aufgezogen und wir nehmen den besten der drei schlechten Reifen als ‚Not-/Reserverad‘ und hoffen inständig, mit dem Thema für diesen Trip nun durch zu sein (und mit jedem anderen Auto-Thema natürlich auch 🤪)
Außerdem wissen wir jetzt, welche Reifen zukünftig nicht mehr für uns in Frage kommen; die dauerhafte Belastung durch das Kabinengewicht in Kombi mit den unterschiedlichen Pisten und vor allem Straßenverhältnissen war und ist einfach zu viel für das Fabrikat und Modell - zumindest für die Hinterachse.
Später bekomme ich noch eine WhatsApp von der kleinen Dorf-Werkstatt, die wissen will, ob alles geklappt hat. Ich bedanke mich (mittels Arabisch-Übersetzer) für die tolle Unterstützung und erhalte die Antwort, dass es die Pflicht als Marokkaner ist, so etwas zu tun und wir herzlich im Land willkommen sind. Unglaublich nett und wir haben umso mehr ein schlechtes Gewissen, so misstrauisch gewesen zu sein.
Letzen Endes hatten wir somit viel Glück im Unglück, auch was die Location angeht und wirklich herausragende Unterstützung von Menschen, die uneigennützig geholfen haben.
Unsere Reisepläne für heute sind natürlich dahin und wir kommen nur an den Anfang des Dades-Tals zu einem Stellplatz an einem kleinen Hotel, in dem wir sehr lecker essen und am nächsten Tag auch frühstücken können.
Dort stehen andere deutsche Camper und wir erfahren von einer tollen Wanderung in unmittelbarer Nähe zu den sog. Monkey Fingers, großartige Felsformationen, die man durchwandern/klettern kann. Das hatten wir null auf dem Schirm, es steht nicht mal im Reiseführer und wären bei unserer Ursprungsplanung glatt daran vorbei gefahren.
Also beschließen wir spontan hier zu bleiben und machen am nächsten Tag eine großartige Wanderung mit diversen Kletterpassagen (unter anderem durch einen Baum auf die nächste Felsenebene🙈); dabei schleppen wir dir Kraxe umsonst mit, weil Mia alles bravourös meistert 💪.
Das Hotel bietet auch geführte Touren durch die Schlucht an und hat uns gute Tipps für unsere Tour gegeben- wir parken am empfohlenen Platz und erleben erneut die guten Connections hier, weil wir dort direkt angesprochen werden, dass Mia ihren Teddy im Hotel auf der Terrasse vergessen hat 🤩.
