Yoga in Rishikesh
Hallo zusammen! Ich bin immer noch in Rishikesh und das hat zwei Gründe. Zum einen gefällt es mir hier gut und zum anderen, ist mein Versuch von hier nach Amritsar mit dem Zug...

Veröffentlicht: 07.12.2024


















Hallo zusammen,
es ist schon ein Weilchen her und wie die Überschrift vermuten lässt, wird das für dieses Jahr der letzte Beitrag sein.
Im letzten Beitrag schrieb ich, dass ich Tickets für Amritsar im Voraus gebucht hatte. Mit diesem Plan reiste ich nach Delhi und erhielt dort die Nachricht, dass meine Zugtickets stoniert wurden. Diverse Streckenprobleme waren die Begründung. Eine Neubuchung war nicht mehr möglich, da für die nächsten 7 Tage alle Tickets ausverkauft waren. Damit war mein dritter Versuch nach Amritsar zu reisen gescheitert. Was mich etwas frustrierte, da ich nun in Delhi war und nicht wusste, wie und wohin ich weiterreisen sollte. Davon ab ist Delhi keine Stadt an der man sich länger als nötig aufhalten möchte. Auch viele Inder versuchen die Stadt zu meiden, weil sie der Inbegriff von Chaos ist und die Luftverschmutzung im November alle Rekorde bricht. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass in ganz Punjab, dem Nachbarstaat, alle Felder abgebrannt werden und der Rauch im Großraum Delhi hängen bleibt. In ganz Delhi wurden alle Bauarbeiten eingestellt, der Verkehr unterliegt vielen Restriktionen, Schüler wechseln wieder in den Fernunterricht und es wird empfohlen, sich so wenig wie möglich außerhalb von Gebäuden aufzuhalten.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon anfängliche Schwierigkeiten, welche sich in einer unterschwelligen Nervosität und einem irrationales Gefühl der Unsicherheit bemerkbar machten. Dennoch nutzte ich die Zwangspause in Delhi für einen Besuch im Nationalmuseum und anderen Sehenswürdigkeiten und versuchte das Beste daraus zu machen. Nach zwei Tagen entschied ich mich Delhi zu verlassen und in den Süden zu reisen und buchte einen Flug nach Chennai. Ich hatte mich schon zu Beginn meiner Reise mit Jan lose für ein Treffen im Dezember in Chennai verabredet. Jan ist Vorsitzender einer Yoga-Vereinigung in Deutschland und kümmert sich ehrenamtlich seit mehr als 30 Jahren um Projekte für Kinder mit physischen und psychischen Behinderungen in und um Chennai.
Als ich in Chennai ankam überraschte mich das Wetter mit heftigen Regengüssen und ich musste feststellen, dass ich just in dem Moment angereist war, als sich der Zyklon Fengal vor der Küste Chennais startklar machte. So musste ich schnell lernen, dass mein Bewegungsfreiraum erneut stark eingeschränkt war. Hauptproblem sind die Wassermengen, die der Regen mit sich bringt. Die Straßen versinken im Wasser und das Wasser mischt sich mit dem Abwasser, ergo, man kommt nirgendwo mehr hin und sollte sich in diesem Gemisch nur im Notfall bewegen. Am Morgen als klar war, dass der Zyklon nun auf die Küste trifft, bin ich mit einem Kanadier aus dem Hostel noch schnell in den Supermarkt geflitzt, die Straßen waren schon zu einem guten Teil unter Wasser, aber wir sollten und mussten uns mit Lebensmittel und Wasser für wenigstens zwei Tage eindecken. Obst, Kekse, Brot und Erdnusscreme waren das Ergebnis. Wir verbrachten die kommenden zwei Tage mit anderen Reisenden und sporadischen Stromausfällen im Aufenthaltsraum des Hostels. Zum Glück war nach zwei Tagen der Spuk tatsächlich vorüber und unzählige Tankwagen pumpten in Rekordzeit die Kanalisation leer, damit das Regenwasser abfliessen konnte.
Ich traf mich in den folgenden Tage mehrmals mit Jan, er zeigte mir die Stadt, wir besuchten den größten Hindutempel in Chennai und auch zwei Kinderprojekte. Ein Projekt kümmert sich um gehörlose, stumme und blinde Kinder, ein zweites Projekt um Kinder mit spastischen Behinderungen. Die Kinder werden mit einfachen Mittel therapeutisch betreut und finden dort einen Ort um zusammen zu kommen und Beschäftigung zu erhalten. Was im normalen Umfeld oft nicht möglich ist, da beide Elternteile in der Regel hart arbeiten müssen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Das Engagement der Freiwilligen und Angestellten hat mich sehr beeindruckt.
Parallel zu den Erlebnissen der Tage baute ich mental immer weiter ab. Ein Gefühl von irrationaler Unsicherheit und Nervosität brachten meine Motivation zum Weiterreisen zum Erliegen . Das Alleinsein tat sein Übriges dazu und ich musste mir eingestehen, dass ich so nicht weitermachen kann. Auch die Nächte verbrachte ich mehr mit Grübeln als mit Schlafen. Erst überlegte ich in ein anderes Reiseland auszuweichen, aber auch das war gedanklich bald keine Option mehr. So buchte ich vor ein paar Tagen ein Flugticket nach Hause.
Heute bin ich wieder in Deutschland angekommen und weiß, es war die richtige Entscheidung. Ende Dezember werde ich wie geplant die Reise mit Sonja wieder aufnehmen. In der Zwischenzeit werde ich die Erfahrungen, Einsichten und Erlebnisse, die mir die letzten 8 Wochen in Indien gebracht haben, verarbeiten (müssen). Ich habe nicht damit gerechnet, dass mich "Indien" so überfordern würde. Vor Ort hatte ich viele und auch intensive Gespräche mit anderen Reisenden geführt und ich war mit diesem Gefühl nicht allein. Diese unglaubliche Vielfalt, all die Widersprüche, das funktionierende Chaos, ein komplett anderes Werteverständnis, der Lärm und auch die schiere Anzahl der Menschen, die mich vor der Reise so fasziniert haben, haben mich während der Reise so überfordert, dass ich für mich entschieden habe, die Indienreise zu beenden. Ich habe nur einen Bruchteil von dem gesehen, was ich eigentlich sehen wollte, aber das ist okay und so fühlt es sich auch an.
Ich verabschiede mich für den Dezember und wünsche Euch allen ein schönes Weihnachtsfest und eine gute Zeit. Im Januar geht es weiter.
