2026 - August - Tarragona
Tarragona ist einer dieser Orte, die als Urlaubsort sicher unterschätzt werden. Zum Glück, wie ich finde, denn wer braucht schon Touristenmassen. Dabei ist die Stadt absolut...


Veröffentlicht: 15.08.2026














Eine einzige Minute totale Sonnenfinsternis! Um es kurz sacken zu lassen: Nur sechzig Sekunden absolute Dunkelheit. Genau für diesen magischen Moment standen wir am 12.08.2026 um 20:29 Uhr auf den Freidecks der Queen Victoria, irgendwo auf dem spiegelglatten Meer vor Tarragona.
Das große Spektakel begann allerdings schon am Vortag. Dr. Chris Crowe, Astronomie-Experte der renommierten Londoner Harrow School, stimmte uns mit einem wissenschaftlichen und trotzdem witzigen Vortrag ein. Der Mann reist beruflich von einer Finsternis zur nächsten und ist ein wandelndes Lexikon der Himmelskunde. Später mehr zu ihm.
Er machte uns erst einmal bewusst, was für ein kosmisches Glück wir haben: Nur weil unser Mond exakt die richtige Größe besitzt und im perfekten Abstand zu Erde und Sonne steht, gibt es überhaupt totale Sonnenfinsternisse. Auf keinem anderen Planeten unseres Sonnensystems existiert diese Konstellation.
Zweiter Glücksfaktor: das Wetter. Kapitän Martyn Sharples hatte am Vortag die meteorologischen Daten analysiert und versprach uns einen zu 98 % wolkenfreien Himmel. „Fingers crossed“, verabschiedete er sich. Am Abend der Finsternis manövrierte er das Schiff extra weit weg von der spanischen Küste, um jede künstliche Lichtverschmutzung auszuschließen.
Gegen 19:00 Uhr hieß es für alle: Sammeln auf Deck 9. Wir ergatterten frühzeitig ein paar Stühle. Pünktlich um 19:35 Uhr fraß sich der Mond stückweise in die Sonne, bis nur noch eine hauchdünne, gleißende Sichel übrig war. Einziger Haken: Die Reederei hatte pro Kabine nur eine einzige Eclipse-Brille verteilt. Ein spontaner Nachkauf beim Landgang in Tarragona war völlig aussichtslos.
Das rächte sich beim Fotografieren. Smartphones brauchen diese Filterfolie zwingend vor der Linse, sonst fängt der Sensor nur blendendes Weiß ein. In unserer Not hielten wir die labberige Pappbrille abwechselnd vors Handy. Es war mühsam!
Dann schlug die Uhr 20:29 Uhr. Ein kollektiver Jubel brach aus. Die Totalität. Leider eben nur für diese eine, verdammt kurze Minute. Kaum hatte man das Naturschauspiel begriffen, blitzte auf der anderen Seite des Mondes bereits der „Diamond Ring“ auf, der berühmte Diamantring-Effekt, der das Ende der Dunkelheit markiert.
Dr. Crowe riet uns, während der Totalität kurz den Blick von der Sonne zu lösen und uns umzusehen. Tatsächlich erlebten wir mitten auf dem Meer einen faszinierenden 360-Grad-Sonnenuntergang am gesamten Horizont.
Für die Daheimgebliebenen gab der Astronom uns am Vortag noch einen kuriosen Tipp für die partielle Finsternis mit: Man nehme ein stinknormales Küchensieb. Hält man es so, dass das Sonnenlicht hindurchfällt, wirft das Sieb für wenige Sekunden keine runden Punkte, sondern hunderte winzige Mondsicheln als Schatten auf den Boden.
Während unsere Freunde in der Heimat ebenfalls bestes Wetter hatten, aber nur eine partielle Finsternis, zog sich die komplette Finsternis nur in einem schmalen Streifen über Island, dann Nordspanien bis nach Mallorca.
Wir sind mit unseren Handyfotos zwar halbwegs zufrieden, aber da geht definitiv mehr. Deshalb haben wir die Sonnenfinsternis 2026 kurzerhand zur Generalprobe erklärt. Nächstes Jahr folgt die Pflicht: Am 02.08.2027 erwartet uns die längste Sonnenfinsternis des Jahrhunderts mit epischen sechs Minuten Totalität, weil der Mond der Erde dann noch näher kommt. Die passende Kreuzfahrt dafür haben wir deshalb schon mal gebucht.
Das astronomische Programm im August ging aber noch weiter. Wie in jedem Sommer kreuzte die Erde die Bahn der Perseiden-Sternschnuppen. Dr. Crowe und die Schiffsführung hatten dafür eine tolle Idee: Am 13.08.2026 um 23:00 Uhr knipste der Kapitän auf dem gesamten Oberdeck die Beleuchtung aus. Unzählige Passagiere sicherten sich Liegen und starrten in die Finsternis, während unser Experte die Sternbilder mit einem extrem starken Astronomie-Laserpointer erklärte.
Zwar sahen wir am Ende weniger Sternschnuppen als erhofft, aber für ein paar Wünsche in den Nachthimmel hat es gereicht. Das Beste war das Gefühl: Die Queen Victoria lag so unbeweglich im Wasser wie ein Hausdach. Nach dreißig magischen Minuten ging an Deck leider das Licht wieder an.
Der Experte blieb fleißig. Einen Tag später lud er zum nächsten Vortrag ins Schiffstheater. Als Einstieg zeigte er dort Fotos der Sonnenfinsternis, die ihm Passagiere per E-Mail geschickt hatten, gefolgt von seinen eigenen Aufnahmen und den dazugehörigen Photoshop-Tricks. Nebenbei lernten wir viel über Sonnenflecken und Kernfusion, jene Urkraft der Sonne, an deren Nachbau sich die Menschheit seit Jahrzehnten erfolglos versucht.
Das Beste an Dr. Crowe waren jedoch seine persönlichen Anekdoten in den Fragerunden. Der Mann ist ein fantastischer Entertainer. Als glühender Star-Trek-Fan plauderte er aus dem Nähkästchen, wie er als Jugendlicher viel Geld ausgab, um Zeit mit den Schauspielern und dem Sohn des Serienschöpfers Gene Roddenberry zu verbringen.
Sein echtes Idol war und ist jedoch Stephen Hawking. Als Student und späterer Doktorand verbrachte er viel Zeit mit dem weltberühmten Physiker. Er erzählte schmunzelnd von Hawkings Geheimsprache: Da das Genie seinen Sprachcomputer selbst beim Essen von Instant-Nudeln nie ausschaltete, tippte das System durch die Kaubewegungen ununterbrochen skurrile Wortschöpfungen und Laute ein.
Zum Abschluss gab es noch eine schöne Geschichte über Pluto. Laut Dr. Crowe ist es bewiesen, dass Pluto ein kosmischer Außenseiter ist. Während die inneren Planeten unseres Systems steinig und die äußeren reine Gasriesen sind, bricht Pluto alle Regeln: Er ist steinig, besitzt eine völlig schräge Umlaufbahn und eine ganz andere Zusammensetzung. Dr. Crowes wunderbare Formulierung dazu: Pluto wurde nach dem Kollaps seines ursprünglichen Heimat-Sonnensystems und Jahrmillionen in der Einsamkeit einfach von uns adoptiert.
Was man nicht alles lernt auf so einer Kreuzfahrt!
