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Ziegen und Stiere

Veröffentlicht: 17.05.2026

Tour
Arbeit auf dem Bauernhof
Aktivität

Milch – also echte Milch – stammt von Tieren. Meistens von Säugetieren. Wie die Menschheit im Laufe der Jahrtausende dazu gekommen ist, aus dieser Milch auch noch Käse zu machen, überlasse ich gerne den Historikern.

Mir geht es heute um Ziegen, die werden nämlich gemolken. Und um einen Stier. Den melkt man nicht – vor dem läuft man besser weg. Aber dazu später.

Theorie und Praxis

Damit es Milch gibt, braucht es Nachwuchs. Nur wenn Ziegen Lämmer bekommen, geben sie Milch. Allerdings produzieren sie mehr und länger Milch als die kleinen Biester zu sich nehmen wollen oder können. Also wird abgepumpt.

In der Theorie klingt es ganz einfach:

Man lockt eine bestimmte Anzahl von Tieren mit Kraftfutter in den Melkstand, fixiert sie dort und während sie futtern, schleicht man sich sie ran und zapft die Milch ab. So weit, so gut.

In der Praxis haben Ziegen aber eine eigene Vorstellung von Zusammenarbeit. Vor allem wenn sie einen nicht kennen, also mich. Und statt sich von mir in den Melkstand treiben zu lassen, gucken sie, wie Ziegen eben gucken. Kauend und unbeeindruckt. Sie lassen sich von mir nicht aus der Ruhe bringen. Melk dich doch selber.

Ein neuer Plan

Der Plan wird also angepasst. Zunächst sollen die Tiere in das Außengehege, von dort dann einzeln in den Melkstand.

Ich bahne mir den Weg durch die Herde im Ziegenstall zur hinteren Tür, trete hinaus und stehe knöcheltief in Ziegenkacke. Der Geruch ist überwältigend. Mir schießen Tränen in die Augen – nicht vor Rührung.

Franzi, die Tochter des Bauern, treibt die Ziegen nach draußen. Und ich schließe die Tür und verkeile sie pragmatisch mit einem großen Haufen Mist. Dann steige ich über den Zaun und stapfe zurück zum Melkstand.

Die Tür vom Melkstand geht auf. Er hat Platz für elf Tiere, elf, zwölf oder auch fünf Tiere drängen durch die Tür, wuseln sich an einen Platz und inhalieren das Futter. Ein Brett wird von oben herabgelassen und fixiert sanft die Köpfe der Tiere, die Hörner passen jetzt nicht mehr durch. Auf Augenhöhe sind jetzt elf Ziegenärsche, mehr oder weniger. Der erste Schritt ist getan.

Das Melken

Warum Ziegenärsche? Und warum auf Augenhöhe?

Nun ja, die Euter der Tiere hängen ungefähr zwischen den Hinterbeinen. Der kürzeste Weg an die zwei Zitzen – Ziegen haben zwei Zitzen – ist von hinten. Und damit man da gut rankommt, stehen die Tiere auf einer Empore, auf Augenhöhe eben.

Man könnte jetzt meinen, man flanscht die Melkmaschine an die Euter, wartet kurz – und der Drops ist gelutscht. Leider nein.

Zuerst werden die Zitzen mit warmem Wasser gereinigt. Schon hier zeigt sich, die ein oder andere Ziege reagiert empfindlich auf Berührungen. Sehr empfindlich. Sie sind kitzelig.

„Ohne Angst,“ raunt mir Franzi zu. Ich empfinde mein Vorgehen jedoch nicht als ängstlich, sondern als respektvoll. Es ist ja schließlich das erste Mal.

Nach der Reinigung werden die Euter „angemolken“, zwei drei Spritzer Milch holt man von Hand aus dem Euter, um – technisch gesprochen – den Durchgang zu fluten. Ich forme die Hand um die Zitze und – die Bewegung der Finger lässt sich nicht wirklich beschreiben. Tatsächlich schießt ein Strahl weißer Milch aus der Zitze. Stolz, ganz kurz.

Saugen und Blasen

Dann wird das Melkzeug angelegt. Ein für mich völlig rätselhafter Saug- Blasmechanismus. Beim Anlegen braucht das Ding Unterdruck, damit die Saugglocken an den Zitzen halten.

Beim Abnehmen muss der Unterdruck weg und Luft muss reingelassen werden. Sonst verletzt man womöglich das Tier beim Abziehen der Glocke. Dafür gibt es einen Knopf oder Hebel, den man entweder drücken, drehen, schieben oder ziehen muss. Die Geräte unterscheiden sich da etwas in ihrer Mechanik. Irgendwie schaffe ich es dennoch, die Dinger dran zu dengeln und auch wieder abzubekommen.

Kitzelige Ziegen

Wie schon gesagt reagieren einige Tiere empfindlich. Sie zucken zusammen, treten aus oder gehen in die Hocke. Wenn sie das tun, habe ich Sorge, dass sie ihrem Stoffwechsel freien Lauf lassen, während ich hinter ihnen stehe.

„Du mußt die Tiere beruhigen,“ meint Franzi und führt meine Hand an den Euter. Haarig und warm. Dabei belassen wir es.

Nicht jedes Tier lässt sich so überzeugen. Manche treten auf die Melkschläuche und reißen sich die Glocken ab. Dann muss halt nochmal nachgesaugt werden. Keine Ziege verlässt den Stand ungemolken.

Jetzt kommt der Stier

Das Melken geht geschmeidig über die Bühne, knapp 50 Tiere gaben heute ihre Milch. Ich gable Heu aus der Scheune und füttere die Tiere, als Franzi mit drei Kühen und einem Stier von der Weide in den Stall kommt. Nur sollen sie wieder raus auf die Weide. Eigentlich

Denn die Viecher finden es im Stall gemütlicher. Hier ist es wärmer, man steht nicht im Regen und das Kraftfutter schmeckt auch besser als das Grünzeug draußen. Die Tiere haben keinen Grund, den Stall zu verlassen. Also treiben wir sie wieder raus. Eigentlich.

Zwischen Weide und Stall sind knapp zwanzig Meter freies Gelände. Meine Aufgabe besteht nun darin, die aus dem Stall getriebenen Tiere auf die Weide zu treiben und die zwanzig Meter zu sichern.

Jetzt stehe ich knöcheltief in Kuhkacke, halte einen alten Hexenbesen in der Hand und harre der Dinge, die da kommen.

Zwei rein – einer raus

Plötzlich kommen zwei Kühe und der Stier aus dem Stall. Tatsächlich laufen sie auf die Weide. Franzi hat einen Berg Heu aufgeschichtet. Überzeugungsarbeit.

Ich schließe das Band des Elektrozauns und gehe wieder in Position. Franzi holt die letzte Kuh.

Dann steht plötzlich der Stier vor mir und will ausbüxen. Todesmutig stelle ich mich in den Weg, halte den Besen quer vor mich. Mein „HEH“ oder „HOH“ oder „WEG, AUFI, HOSSA“ sind wirkungslos.

Und dann senkt das blöde Vieh seinen Kopf und beginnt, mit den Hufen zu scharren.

Selbstaffirmation

Ich bin kein Kuhflüsterer. Mein Wissen über Stiere stammt zumeist aus Western oder Kurzvideos von irgendwelchen Stierkämpfen – die lustigsten Videos der Welt.

Ich glaube allerdings zu wissen, dass die Körpersprache des Tieres kein wirklich gutes Zeichen ist – also für mich, der hier gerade vor ihm steht.

Wo bleibt Franzi? Keine Ahnung. Das Tier donnert nun auch noch seinen Kopf gegen die Scheune. Oh ja, ich habe Respekt und wünschte, der Besen in meiner Hand wäre aus Harry Potter.

„Ohne Angst,“ erinnere ich mich vom Ziegenmelken. OK, „Ohne Angst!“ sage ich zu mir selbst. Einmal, zweimal. Nichts passiert. Dreimal. Der Stier brüllt. Es will nicht wirken.

Ein ausgewachsener Stier ist nämlich, rein objektiv, ein gutes Stück größer als ich. Und die Vorstellung, dass eine Tonnen Rindfleisch mit Tempo X auf meinen Körper Y zudonnert, klingt weniger nach Matheaufgabe, sondern eher nach Notaufnahme. Ich halte den Besen fester. Und er schubst mich.

Strategiewechsel

Konfuzius sagt: „Konsens statt Konfrontation.“ Und selbst wenn es kein Zitat von ihm ist, das ist meine neue Strategie. Ich lege den Besen aus der Hand und spreche dem Tier gut zu. Beruhigende Worte, Kopf Kraulen, Stirn tätscheln.

Tatsächlich beruhigt sich der Stier. Und urplötzlich lässt er mich links liegen und trottet in den Stall. Jetzt erst ist der Moment in dem ich gefühlt wieder beginne zu atmen. Herzschlag ist auch wieder da. Alles gut.

Die Rettung

Zum Glück kommt David, der Bauer, und regelt alles. Er ist nicht zimperlich, auch oder gerade nicht mit dem Stier. „Dann bleiben’s halt im Stall. I treib’s morg’n wida n’aus!“ Hätten wir ja auch draufkommen können.

Ich erzähle ihm von meinem Tête-a-tête mit dem Stier. Er lächelt nur und meint „Joa, der is‘ gerade a bissl übermütig. Is halt Frühling.“ 

Schön für ihn.

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