Und was ist mit Holger?
Strafende Blicke treffen mich und mir läuft es kalt den Rücken herunter. Morgen geht es los: Der Bus ist getankt, geladen und nach den letzten Stunden Arbeit schwinge ich mich auf...

Veröffentlicht: 15.05.2026
Man sagt ja, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Nun, der Anfang ist gemacht und ich befinde mich auf dem Weg in meine vierwöchige Auszeit. Und der Zauber? Käsesauna. Mehr dazu aber später…
Ich habe mir für die Anreise zwei Tage gegönnt. Mit 78 PS fährt es sich nicht so schnell und wenn die Navi App vier Stunden anzeigt, dann weiß ich bereits aus Erfahrung, dass ich mit meinem Van etwa sechs Stunden brauchen werde. Und ich hatte keine Lust, spät in der Nacht anzukommen.
Nach der Arbeit und der letzten Übergabe ging es dann los. Am Achensee dann die Übernachtung und es fühlte sich alles so surreal an.
Surreal? Warum das denn? Mit dem Start dieser Auszeit war ja einiges an Vorbereitung verbunden. Ich habe meine Themen auf der Arbeit sortiert, vorbereitet und im Team verteilt. Alles abgegeben. Meine Vorgesetzte gebrieft, Kolleginnen und Kollegen eingespannt, Geschäftspartner informiert. Das Ganze hat zwei Wochen gedauert, und ich war zum Teil erschlagen von der Fülle und der Komplexität der Themen. Im Grunde werde ich für das, was ich für gewöhnlich so tue, gefühlt viel zu gering bezahlt.
Mit der Abfahrt und der Nacht am Achensee ist das nun alles weg. Nur wenige Stunden nach Feierabend befinde ich mich gefühlt in einer anderen Welt, in einem anderen Zustand. Und surreal ist es, weil es zum einen unglaublich befreiend ist, alle seine Themen abgegeben zu haben. Denn jetzt ist es im Grunde egal, ob ich wiederkomme oder nicht. Auf der anderen Seite aber auch total befremdlich.
Es ist ja so, dass man als wohl sozialisierter Westeuropäer einen Teil seiner Identität über die berufliche Tätigkeit definiert. Kann man wenig dran machen, so wurde man halt sozialisiert. Und jetzt ist das weg. Wodurch ersetzt man das? Keine Ahnung, wird sich zeigen. Und ich muss das ganze noch für mich einordnen.
Mit diesen Gedanken fahre ich nun weiter an den Ort, an dem ich die nächsten vier Wochen meines Lebens verbringen werde. Nach Prags im Pustertal.
Über Innsbruck und den Brenner geht es bis nach Brixen, dann nach Bruneck und dann verteilt sich die Straße ins Pustertal. Gegen 10:30 parke ich meinen Bus auf dem Hof und werde als erstes überschwänglich von Moritz, dem Hofhund begrüßt. Zwei Mädels im Käserei-Outfit begrüßen mich direkt im Anschluss. Einer Wwooferin aus Israel, die mit ihrer Partnerin hier wwooft und die Tochter der Eigentümer. Es gibt eine kurze Einweisung, ihr Bruder kommt, ich bekomme ein Zimmer und packe erstmal mit an, den gerade gelieferten Eisschrank in den Keller zu bringen. Zusammen mit der anderen Wwooferin. Mittendrin statt nur dabei.
Dann wird gegessen, gemeinsam, am großen Tisch. Im Anschluss heißt es, in die Käse Klamotten und ab in die Käserei. Es folgt eine kurze Erklärung, der Käse muss in die Formen. Klar? Klar!
Ich trete ein und bin erschlagen. Es ist unglaublich warm hier. Kein Wunder. Die Milch wird auf Temperatur gebracht und der Käse braucht ein bisschen an „Klima“.
Aus einem riesigen Bottich schöpfe ich Molke und den Käsebruch auf einen riesigen Edelstahltisch, in dem die Käseformen stehen. Irgendwas ist wohl bei der Verkäsung oder wie das heißt, schief gegangen. Jedenfalls sind die Brocken zu groß. Ließen sich nicht gut schneiden und jetzt muss das trotzdem da rein.
Gesagt, getan. Ich schöpfe und schöpfe, verteile den Bruch auf die Formen. Tauche tief mit den Armen in die wohl temperierte Molke und hole den Bruch raus. Im Raum sind es gefühlte 80°C und einer Luftfeuchtigkeit von 100%, denn der werdende Käse mag es gerne warm. Eine Käsesauna.
Am Ende sind 850 Liter Milch verarbeitet und auf dem Tisch liegt das Werk meines ersten Tages, doch fertig sind wir noch lange nicht.
Mit heißem Wasser wird alles abgespült, Bottich, Werkzeuge und Milchschläuche gereinigt. Die Saune bekommt einen Aufguss, die Luftfeuchtigkeit steigt auf 200% und ich schwitze aus allen Poren. Jetzt verstehe ich auch, wozu die Gummistiefel gebraucht werden. Eben hierfür, denn ich stehe bis zu den Knöcheln in Molke, Wasser und Reinigungslauge.
Geschafft, aber zufrieden gehe ich in mein Zimmer. Streife mir die vom Schweiß durchnässten Klamotten ab, schaue in den Spiegel und lächle zufrieden. Ein seichter Einstieg. In etwa so, als würde man einfach ins kalte Wasser springen. Nur dass es hier eine heiße Käserei war. Ich bin fix und fertig, denn damit hätte ich nicht gerechnet. Und ich glaube, ich habe schon lange nicht mehr so gut geschlafen, wie in dieser ersten Nacht.