Einfach Raus
„Copilot? Hol mich hier raus!“ KI ist super. Man kann sie alles fragen, in einen Dialog mit ihr treten, Wissen ergründen, sich austauschen. Und das auf Augenhöhe. Erst neulich...

Veröffentlicht: 08.05.2026
„Hallo, dies ist eine kurze Erinnerung. Dein bestätigter WWOOF-Aufenthalt beginnt bald.“ Ich freue mich wie ein kleines Kind, als ich die Nachricht in meinem Postfach sehe. Nur noch wenige Tage. „Bitte kontaktiere deinen Gastgeber und stimme mit ihm die weiteren Details ab.“
Diese Anfänger, das habe ich schon längst erledigt. Bereits Tage vor dieser Nachricht habe ich geschrieben, wie sehr ich mich freue, wann ich aufschlagen soll und ob es irgendetwas gibt, was ich noch mitbringen muss.
Die Antwort kam unvermindert, dass auch sie sich freuen und ich solle an dem Tag einfach ankommen, dann gibt es eine erste kleine Einweisung. Und auf jeden Fall brauche ich Gummistiefel.
Gummistiefel? Da war doch was! Ich erinnere mich an meine Kindheit. Urlaub auf dem Bauernhof, in Bayern, in einem verschlafenen Nest. Damals gab es dort keine Pommes und ich habe mich zwei Wochen lang von Leberkäse mit Spiegelei und Bratkartoffeln ernährt.
Jedenfalls hatte der Hof einen kleinen Stall, und natürlich auch Kühe, wie der, zu dem ich reisen werde. Und damals hatte ich keine Gummistiefel dabei.
Mein Bruder und ich fanden es gar nicht so schlimm, auch mal in sommerlichen Sandalen durch den Stall zu laufen. Zumindest solange wir „auf den Wegen“ blieben un nicht hinter die Kühe getreten sind. Da hätte ich mir Gummistiefel gewünscht.
„Gummistiefel machen also durchaus Sinn,“ denke ich mir heute, denn ich gehe einfach mal davon aus, dass ich mich in den vier Wochen nicht nur vor den Paarhufern aufhalten werde.
Bekräftigt werde ich auch, wenn ich an meinen Vater denke. Er musste damals nämlich noch vor dem Frühstück spontan bei einer Kalbung mithelfen. Er hatte keine Gummistiefel und ich glaube, wir sind dann neue Schuhe kaufen gegangen.
Und auch sonst wollte er an diesem Tag weder etwas von seinem Erlebnis erzählen noch irgendetwas essen. Also. Gummistiefel!
Nach der ersten Freude über die Nachricht stolpere ich über einen kleinen Satz: „Da du geschrieben hast, dass du handwerklich begabt bist, habe ich schon eine Aufgabe…“
Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn. Leichtsinnigerweise habe ich in meiner „Bewerbung“ erwähnt, dass ich handwerklich nicht ganz ungeschickt bin. Tapezieren, streichen, Boden verlegen, Fliesen kleben, Lampen anbringen, sowas halt.
Auch die Instandsetzung meiner Vespa, damals, der Ausbau meines ersten Campervans vor ein paar Jahren, sowie mein Interesse am Werken und Tüfteln ließen mich diesen kleinen Nebensatz todesmutig formulieren. Zumal mir nicht nur einmal bereits der Beinamen „MacGyver“ verliehen hatte. Und eine Kundenkarte vom Baumarkt habe ich ja auch.
Doch diesen kleinen Satz male ich mir in buntesten Farben aus. Aufgaben. Was mag das sein? Unwillkürlich denke ich an eine Renovierung eines Rusticos, dem Verlegen von Abwasserkanälen oder dem Aufstemmen einer Wand, um neue Leitungen oder Kabel zu verlegen. Ob ein Dach gedeckt werden muss? Die Sickergrube entleert? Oder ein neuer Stall gebaut soll? Ich bin verunsichert.
Ich atme das einfach weg. Meine lebendige Phantasie. Es wird sich schon ergeben. Und im Zweifel gucke ich mir einfach ein Tutorial an, dann klappt das schon. Auf diese Weise habe ich schon eine Gitarre gebaut.
Erleichtert lese ich zudem, dass ich weiße Kleidung für das Käsen mitbringen soll. Weiße Kleidung… Das stellt mich vor eine Herausforderung. Sozialisiert wurde ich eher auf dem anderen Ende der Farbskala. Also schwarz, mit Spuren von grau. OK, im Sommer darf es dann auch mal ein buntes Surfer-Shirt sein. Und auch sind noch blaue Hemden aus meiner Vergangenheit in einer Bank vorhanden. Aber weiss?
Das schreit nach einem Einsatz meiner Kreditkarte, und bei Negroni und Pommes finde ich in dem ein oder anderen Laden das, was ich glaube zu brauchen. Ausgestattet mit meinen Errungenschaften könnte ich eine Woche etwas Weißes tragen.
Jedenfalls bin ich bereit. Die Vorfreude wächst, am Wochenende werden die Gummistiefel auf Hochglanz poliert und mein innerer MacGyver freut sich auf alles, was kommt.
