Ziegen und Stiere
Milch – also echte Milch – stammt von Tieren. Meistens von Säugetieren. Wie die Menschheit im Laufe der Jahrtausende dazu gekommen ist, aus dieser Milch auch noch Käse zu...

Veröffentlicht: 24.05.2026
Samstags ist weniger zu tun, und sonntags habe ich frei, die Zeit nutze ich für mich für einen kleinen Ausflug in ein 5.000 Seelendorf mit einem eigenen Dom und eine größere Wanderung, nicht ohne den Morgen mit einem Kaffee und Pistaziencroissants zu starten. Die sind hie ähnlich gut, wie am Gardasee. Nun ja, das Café gehört auch einem Italiener… also, einem italienischen Italiener.
Freitags ist Pflegetag, der gesamte Käsekeller wird einmal umgedreht. Die Laiber brauchen Zuwendung und jemanden, der sich ihre Geschichten anhört. Käsetherapie, denn ein Käse ist auch nur ein Mensch.
Mit einer Salzlake und einer Bürste erhalten die Laiber ihr Styling und ihre Rinde. Einmal den Rand und die Oberfläche bürsten – bitte. Das beugt unerwünschte und übermäßige Bildung von Schimmel vor, wobei Schimmel kein Zeichen für schlechten Käse ist.
Das Ganze ist quasi ein kontrolliertes Aromatisieren, denn Käse braucht Zeit. Aroma und Würze entstehen durch Bakterien und Enzyme, die langsam Eiweiße und Fette abbauen. Auch bekommt der Käse erst dadurch seine Festigkeit. Und damit er nicht verdirbt, wird er gepflegt.
Denn durch das Wenden wird der Käse gleichmäßig fest. Mit dem Umdrehen verhindert man, dass sich Feuchtigkeit nur auf einer Seite im Inneren sammelt.
Das alles passiert in einem Käsekeller, in dem Hunderte Käse stehen und es nach Käse riecht. Ein Traum. Ein Alptraum jedoch, wirklich jeden Käse anfassen, bürsten, umdrehen und zurücklegen zu müssen. Die Kisten und Bleche mit Käse stapeln sich. Ein Alpenkäse bringt gut 15 Kilo auf die Waage, und von denen gibt es nicht wenige. Sie liegen meist zu zweit auf großen Lochblechen, die Bleche übereinander. Käsetürme.
Darüber hinaus gibt es noch unzählige vier, zwei und ein Kilo Stücke, die in Kisten lagern. Dann heißt es Kiste runter, Käse pflegen und wenden, neuen Platz für die Kiste finden. Und dann geht es weiter mit den nächsten Kisten.
Es ist eine harte, körperliche Arbeit. Und wenn man dann bedenkt, zu welchem Preis man meint, Käse kaufen zu müssen, dann spiegelt nach dieser Erfahrung dieser Preis nicht die damit verbundene Arbeit wider.
Freitag bin ich nicht ganz fertig geworden. Den Rest mache ich daher Samstag Vormittag. Eine Arbeit ist erst erledigt, wenn sie erledigt ist. Der Keller gehört mir und ich erinnere mich ans „Final Destination“ in Frankfurt. Ein Kellerclub, den ich oft und gerne besucht habe. Hach, die gute alte Zeit.
Aus meinem Handy trällert die passende Begleitmusik und so langsam sortiert sich alles. Der älteste Käse wandert langsam nach vorne, die großen Käseräder haben ihren Platz und die Ziegenkäse bekommen einen eigenen Stapel. Alles fügt sich.
Spannend, was die Käse so zu erzählen haben, von welchen Wwoofern sie geformt wurden, wie sie mit der Langeweile hier unten klarkommen und wie sie sich gegenseitig Mut zusprechen, wenn es so feucht und dunkel ist.
Ich glaube, ich habe zu viel Käseduft inhaliert und bin froh, dass ich nun fertig bin und diesen Ort verlassen kann.
Es gibt Mittag, ich dusche und fahre nach Innichen. In diesem 5.000 Seelen Dorf steht ein Dom. Zumindest wird er Dom genannt, auch wenn es hier keinen Bischof gibt. Den gab es aber früher. Also, ganz, ganz, ganz früher.
Sogar Karl der Große ist involviert, sein Cousin Tassilo von Bayern soll hier das Kloster gegründet haben, wurde später dann von Karl entmachtet und im 12. Jahrhundert haben sich die Klosterbrüder gedacht, „Eine Kirche muss her!“
12. Jahrhundert bedeutet romanisch, und deshalb steht heute in Innichen eine der bedeutendsten Stiftskirchen im Alpenraum. Und man nennt sie halt Dom, weil sie wirklich groß ist.
Ich schlendere durch die Fußgängerzone. Wirklich pittoresk (das Wort wollte ich immer schon mal benutzen). Schaue mir das ein oder andere Geschäft an und lande in einem Café. Es gibt Aperol, Negroni und Bier. Das ist nett. Was aber wirklich toll ist, ist der Ausblick.
Ich schaue durch eine Gasse auf ein altes Haus, dahinter erstrecken sich Bäume, schneebedeckte Berge und der blaue Himmel. Ich verweile einfach, genieße mein Getränk und schreibe diese Zeilen.
Für den Sonntag habe ich mir eine kleine Tour ausgesucht. Die Plätzwiesen rauf, und wieder runter. So langsam will ich mich ja an die Höhe gewöhnen. Im August steht schließlich Zelttrekking in Indien auf dem Plan.
Der Tage beginnt zeitig, bereits um sieben verlasse ich das Haus, steige in den Bus und beginne meine Suche. Meine Suche nach einem offenen Café oder einen Bäcker. Das ist hier im Pustertal und vor allem an einem Sonntag gar nicht so leicht. Die bei Google und Apple Maps als „Offen“ gezeigten Lokalitäten scheinen spontan ihre Öffnungszeiten angepasst zu haben. Oder sie haben versäumt, ihre derzeitige Renovierung anzugeben.
Ich fahre drei Geschäfte an und finde letztendlich ein Café, vor dem ein Auto der Carabinieri steht – ein gutes Zeichen.
Es ist ein italienisches Café und die Besitzer sprechen italienisch. „Prego?“ „Un Café grande, per favore.“ Zu meinem Glück gibt es frisch gebackene Cornetti, sogar mit Pistaziencreme. Ich bin im siebten Himmel und nehme gleich zwei.
Im Pragser Tal fahre ich Richtung Plätzwiese, oder Prato Piazza, was so viel heißt wie „Rasenplatz“, auf italienisch dann doch wesentlich eleganter klingt. Da ich aber keine Rentnerrunde absolvieren möchte, parke ich am unteren Parkplatz, gelegen an einer kleinen Brücke. Das Brückele eben.
Fluchs schnüre ich meine Bergstiefel an und packe den Rucksack. Los geht’s. Geschmeidig rauf zur Plätzwiese. Nach knapp eineinhalb Stunden bin ich dort und auf 2000 Metern erwartet mich ein Restaurant.
Die Loungemöbel sind einladend, der Blick noch einladender. Und dank Tiramisu bleibe ich, packe ich mich auf das Sofa und genieße bei strahlend blauem Himmel die Aussicht.
Sicher kennt jeder diese „No Thinking Zone“, wenn das Gehirn endlich Ruhe gibt, man keinem Gedanken mehr nachgehen muss und einfach den Moment in sich aufnehmen kann. Ungefiltert, so wie er ist. Und genau dieser Moment stellt sich gerade bei mir ein. Nur ein kleiner Augenblick. Sehen, wahrnehmen, die innere Stille genießen. Es ist alles perfekt, es ist alles auf den Punkt, auch wenn es nur ein kleiner Augenblick ist, gedankenverloren. Dieser Augenblick ist wie einer Kernfusion. In dem Bruchteil einer Sekunde ist mein Akku komplett aufgeladen. Ich atme frei, bin einfach nur und es gibt nichts, was ich vermisse.
Es dauert nur kurz, denn schon plärren drei Amerikaner an mir vorbei. Nicht etwa wandernd. Sie in High Heels und er im weißen Anzug mit Lederschuhen. Dabei ist eine weitere Dame, vermutlich die Hochzeitsplanerin und sie besprechen lauthals irgendwelche Arrangements. Ich überlege, ob ich ihnen für ihre Showhochzeit alles Gute wünschen soll. Ich lasse es aber, und ziehe weiter.
Ich steige noch ein bisschen höher, suche einen Klettergarten, den ich aber nicht finde. Laufe noch in eine Sackgasse und steige dann ab, zurück zum Auto. Ich wechsle die Klamotten, mache mir eine Packung Mac’n’Chees und genieße sie mit einer Dose Aperol bei einem fantastischen Blick. Ein gelungener Tag.