newzealandinspiration

„Orientierungslose Abiturienten machen sich ans andere Ende der Welt auf.“ Dieses Klischee eines neuseeländischen Backpackers erfüllen wir schon Mal komplett. Relativ spontan entschlossen wir uns Anfang August dazu, Work & Travel in Neuseeland machen zu wollen. Dass wir unbedingt ins Ausland wollten, stand zwar schon immer fest, dass es so weit weg sein würde, allerdings nicht. Von Oktober bis April 2020 waren wir also mit einem klapprigen alten Toyota Estima auf Nord- und Südinsel unterwegs, arbeiteten auf Kiwifarmen, gerieten in die Coronakrise und mussten am Ende mit der deutschen Rückholaktion nach Hause geflogen werden. Das Einzige, was wir an dieser ganzen Zeit bereuen ist aber, dass uns so viele Probleme erspart geblieben wären, hätten wir einige Dinge einfach vorher gewusst... Deshalb haben wir versucht, hier alles aufzuschreiben, was wir nur mit viel Mühe oder durch Ausprobieren herausgefunden haben. Wir hoffen, zukünftigen Backpackern damit eine Hilfe sein zu können. Außerdem teilen wir mit euch all unsere Erfahrungen und Erlebnisse. Auf und Für eine unvergessliche Zeit in Neuseeland! - Anna und Celina

-Kapitel 36- Die arbeitslosen Deutschen- Kampf um einen Job

In Te Puke war es nicht möglich keinen Job zu finden. Obwohl sich im November so ziemlich alle Backpacker in der kleinen Stadt aufhielten, hingen im Te Puke Holiday Park und in der Library unzählige Jobangebote für verschiedene Kiwifarmen. Des Öfteren haben wir sogar miterlebt, wie Kiwifarmmanager die Backpacker in der Library direkt ansprachen. Auch im Internet gab es eine Menge Stellenanzeigen, und bei Facebook konnte man ebenfalls den ein oder anderen Job finden, wenn man ganz genau guckt. Auf der Südinsel ist die Jobsuche wie wir schon vorher wussten, nicht ganz so einfach. Durch unseren Plan, mit Flori nur auf der Südinsel zu sein, blieb uns aber nichts anderes übrig.

Anfang Februar versuchten wir also unser Glück. So wie Te Puke für Kiwis ist, ist Blenheim für die Arbeit auf Weinfeldern. Von einigen hatten wir auch gehört, dass sie Arbeit in Motueka gefunden hatten, doch auf dem ganzen Weg hinunter nach Blenheim gab es keine Spur von Jobs. Die größte Chance auf der Südinsel gibt es da wohl noch in Blenheim, dachten wir uns.

Als wir in der kleinen Stadt ankamen, suchten wir zunächst nach einer Unterkunft für die nächsten Wochen. Es gab leider nur ein paar kleine Hostels mit abgrundtief schlechten Bewertungen, einen sehr teuren Campingplatz und zwei Hostels mit Stellplätzen für Campervans. Bei dem einen machten wir wieder kehrt, weil es schon voll war. Also blieb uns nichts anderes übrig, als in der größten und beliebtesten Bleibe für Backpacker einzuchecken: Dieser Platz war eine Mischung aus einer Hippiehochburg und den brasilianischen Slums. Es gab ungefähr 150 Parkplätze für Campervans, die alle um einen großen Schotterplatz angelegt waren. Auf diesem Schotterplatz gab es eine Menge abgeranzte Blech- oder Holzhütten, eine offene Küche, die wie ein Grillplatz aus einem Mittelalterdorf aussah, und noch zwei andere, nicht minder siffige Küchen. Außerdem Unisex Duschen und einen Platz in der Mitte, wo einige Backpacker den ganzen Tag wie Faultiere in Hängematten lagen. Die Stimmung auf dem Platz war gewöhnungsbedürftig, und irgendwie wollten wir uns auch nicht daran gewöhnen. Die Hälfte der Backpacker war deutsch, und die andere Hälfte Französisch. 70% hatten Dreadlocks, und einige Deutsche sahen aus, als ob sie im Malle Urlaub wären. Es roch 24/7 nach Gras und den Samstag, an dem wir ankamen, wurde erst Mal die ganze Nacht durchgefeiert. Tagsüber schmorrten alle in der Hitze, saßen in Sperrmüllsesseln und Couchen vor ihren Hütten und kochten oberkörperfrei essen. (Als Flori in der Küche seine Pizza essen wollte, setzte sich ein Franzose neben ihn an den Tisch, legte seinen Fuß auf die Tischplatte und begann daran rumzupulen). Ach ja, einen Pool gab es auch noch. „Da sitzen sie im Gehege“, meinte Flori einmal, als wir auf den Platz fuhren. Der Pool ist nämlich rundherum von Glasscheiben umgeben, was irgendwie an das Löwengehege im Schweriner Zoo erinnerte. Mehr als die Hälfte der Einwohner des Campingplatzes waren genauso arbeitslos wie wir, und je länger wir ohne Job blieben, umso schlechter fühlten wir uns.

Dazu kam, dass Celina während der Woche in Blenheim das einzige Mal in der gesamten Neuseelandzeit krank war. Obwohl der Campingplatz alles andere als geeignet war, um sich auszuruhen, ordneten wir an, dass sie es trotzdem versuchen musste. Weil uns so langsam das Geld ausging, versuchten Flori und ich trotzdem, uns schon mal, um einen Job zu kümmern.

Der Mann an der Rezeption hatte uns einen Zettel mit Nummern von Weinfeldagenturen und Fabriken mitgegeben, aber dazu auch den Hinweis, dass es auf den Weinfeldern momentan sehr ruhig wäre. Flori und ich beschlossen, die Gemüsefabrik ins Auge zu fassen, da der Typ meinte, dass dies am zuversichtlichsten wäre. Als Flori anrief, ratterte eine Frau ohne Luft zu holen einen Text herunter, der uns dazu veranlasste uns am Montag um halb 9 auf den Weg zu der Fabrik etwas außerhalb von Blenheim zu machen.

Die Fabrik sah von außen ein wenig aus wie das Nestle Werk, und wir waren entmutigt, als wir die Schranke und zwei Backpacker sahen, die mit einem Zettel in der Hand trübsinnig zurück zu ihrem Auto gingen. Wir versuchten es trotzdem, mussten einen Besucherpass ausfüllen, und sahen, dass wir auf einer neuen Liste unterschreiben mussten, da schon 15 Leute vor uns dort angekommen waren. Außerdem fand ich das Lächeln des Mannes in dem Schrankenhäuschen ein wenig zu mitleidig... Wir gingen zur Rezeption, bei der bereits vier französische Backpacker saßen, darunter auch zwei die uns am Morgen auf dem Campingplatz gefragt hatten, ob wir sie mitnehmen könnten. (Was leider nicht ging, da sie den Platz von Leichen in Floris Bett hätten einnehmen müssen). Die Frau an der Rezeption kopierte unsere Pässe und unser Visum und gab uns einen langen Zettelblock, den wir ausfüllen mussten. Als wir uns endlich durchgekämpft hatten, waren wir die letzten bei der Rezeption, und die freundliche Frau gab uns routinemäßig einen Zettel mit der Info, dass wir zurückgerufen werden würden- oder eben nicht. Wir bekamen natürlich keinen Anruf. Alles in allem keine schöne Erfahrung.

Unsere Stimmung verbesserte sich nicht, als wir merkten, dass die fünf Deutschen, die auf dem Campingplatz in unserer unmittelbaren Nähe standen, zu der Handvoll Leute gehörte, die einen Job hatten. Außerdem mussten wir ja auch einkaufen und hatten das Gefühl nur Geld auszugeben, das wir nicht besaßen. (Der Höhepunkt dieses Gefühls war, als ich mit Flori durch die Library ging und er mit seinen Schlappen über den Teppichboden schlurfte).

Am nächsten Tag durchforsteten wir noch einmal erfolglos alle Internetseiten nach Jobs in Blenheim, und Flori und ich fuhren in einen Park, wo wir alle 10 Nummern durchtelefonierten, die auf dem Zettel standen. Das war genauso demotivierend wie der Versuch in der Fabrik. Schließlich erhielten alle anderen Backpacker, die in dem Camp eincheckten, denselben Zettel, und in Blenheim schienen zurzeit alle zu sein. Wir riefen abwechselnd an. Entweder ging niemand ran, wir mussten eine Nachricht hinterlassen, sie hatten genug Arbeiter, oder sie legten einfach auf, wenn wir anfingen zu reden. Den besten Versuch unternahm immer noch ich, nachdem ich ewige Zeit damit verbracht hatte, Flori seinen langen Bewerbungstext einzuflößen, wenn jemand rangehen würde. Als sich bei meinem Anruf tatsächlich ein echter Mensch zu Wort meldete, war ich so erschrocken, dass ich meinte: „Me and my friend are looking for a job... ähm..äh.. Do you need workers?“. Flori bekam richtig den Lachanfall. Schade, dass der auch schon genug Arbeiter hatte, sonst hätte er uns nach dieser Bewerbung bestimmt genommen.

Dieser Ort war einfach viel zu deprimierend, und wir fühlten uns so gammelig wie noch nie. Dazu hatten wir das Gefühl, nur Zeit und Geld zu verlieren. Warten bis die Saison anfangen würde, kam auf keinen Fall in Frage. Schließlich hatten die anderen hundert Gäste das wahrscheinlich auch vor. Wir entschieden uns, nach vier Tagen in Blenheim früher abzureisen. Flori musste um unsere Kaution kämpfen, aber dann waren wir einfach nur froh, dass wir wieder von dort wegkonnten. Die Tage in Blenheim gehörten zu den blödesten in Neuseeland.

Wir machten uns wieder auf den Weg durch die Berge, nur dieses Mal an einem Stück, hielten nochmal am Lake Rotoiti, weil der einfach so schön war und beobachteten wie eine Feriengruppe im eiskalten See mit Riesenaalen schwimmen ging.

Google Maps führte uns auf der Suche nach unserem Campingplatz für den Abend in die Irre. Wir bogen auf der verlassenen Straße zu früh ab und kamen an einer Horrorfilmkulisse an: Grauer Himmel, ein enger Schotterweg, der sich bergig durch den Wald zog, teilweise abgerissener Stacheldrahtzaun und ein riesiges, rostiges, aber offenes Tor. (Sicher verbarg sich dahinter der Campingplatz!). Nach ein paar zögerlichen Überlegungen fuhren wir tatsächlich durch das Tor und folgten eine Weile dem Schotterweg. Die trotteligen Deutschen ignorierten einfach mehrere Schilder, die vor Kameraüberwachung und allem Möglichen warnten. (Wir fanden später heraus, dass das der Eingang zu einer Mine war). Ehrlich, ich weiß nicht, wieso wir noch weiter gefahren sind. Natürlich kam uns in diesem Moment ein ernster Mann im Jeep entgegen, wahrscheinlich der Besitzer. Er sagte uns durchs offene Fenster, dass er das Tor jetzt schließen würde. Ich erklärte, dass wir uns verlaufen hätten und wir wendeten mühsam.

Eine Kurve weiter fanden wir dann doch die richtige Einfahrt und verbrachten zwei Nächte bei einem Campingplatz der sich „Berlin's“ nannte. Die eine Nacht gab es einen unangenehmen deutschen Gast, der sich ständig etwas von uns ausleihen wollte, alle nach Zigaretten fragte und zwei, drei Mal fragte, wo genau wir herkommen würden, ob wir einen Justin in Schwerin kannten, und er fragte Flori, ob „die eine“ seine Freundin wäre. (Wir wussten nicht, wen er meinte). Außerdem versuchte er sich in derbem Smalltalk: „Aber Österreicher rauchen doch.“ meinte er zu einem österreichischen Pärchen, als diese ihm keine Zigaretten geben konnten.

Am nächsten Tag ging es Neuseelands Westküste herunter. Celina und Flori versuchten in einem Park mehrere Jobagenturen anzurufen, doch übers Telefon konnten die uns nicht sehr viel weiterhelfen. Wir hielten bei den Pancake Rocks 

Steinplatten aufeinander gestapelt- halt wie Pancakes

und fuhren bis nach Greymouth, einer kleinen grauen Hafenstadt, die zu 80% aus Industriegebiet besteht. Dort regnete es das erste Mal seit Wochen. Wir fuhren an einem Tag die Strecke über den Arthur's Pass von der Westküste zurück zur Ostküste. (Eine der schönsten Strecken überhaupt!). Dort hielten wir in Castle Hill, wo wir ein paar Stunden wandern gingen und die Aussicht genossen. Dieser Ort gehörte zu einem meiner Lieblingsplätze in Neuseeland!

Castle Hill- empfehlenswerter Stopp
Castle Hill- empfehlenswerter Stopp

Am nächsten Tag klapperten Flori und ich in seinem Leichenwagen alle Hostels in Chrischurchs Innenstadt ab, wo Flori nicht sehr erfolgreich nach Jobangeboten fragte. Außerdem erarbeiteten wir eine lange Liste mit Farmen, die wir anrufen konnten und schickten unzählige Bewerbungen ab. Flori und ich holten uns Mittag bei Burger King, fuhren daran vorbei und wendeten in Zeitlupe auf dem Highway. Die vergebliche Jobsuche war nicht nur ziemlich nervig, sondern auch echt kraft- und nervenzerrend, und langsam gingen uns echt die Ideen aus. Wir machten uns auf den Weg nach Ashburton, weil es einfach unerträglich war an einem Ort zu sitzen und auf Jobs zu warten, die eh nicht kommen würden. Wenn wir in Bewegung waren, hatten wir wenigstens das Gefühl etwas Sinnvolles zu tun. (Flori meinte am Ende würden wir auf der Suche nach Arbeit noch auf der kleinen Insel südlich der Südinsel landen). In Ashburton telefonierte ich dann die 15 Nummern auf der Liste durch, die wir in Christchurch gemacht hatten, aber es war dasselbe wie in Blenheim. Entweder sie hatten bereits genug Arbeiter, man sollte eine Nachricht hinterlassen, oder zwei meinten, sie würden uns zurückrufen, was sie natürlich nicht taten. Danach hatten wir wirklich keine Hoffnung mehr.

Voll deprimiert checkten wir auf einem Campingplatz in Ashburton ein, auf dem wir uns zum Glück total wohlfühlten. Flori bekam von anderen deutschen Backpackern den Tipp zu einer Jobagentur in Ashburton zu gehen, da diese von ihnen einen aussichtsvollen Termin erhalten hatten. Das war dann echt unsere letzte Chance. Als wir Montagmorgen dort aufkreuzten, erklärte die Mitarbeiterin uns, dass sie zurzeit keine Jobs hätte, die sich von den Stunden her für uns lohnen würden. Sie gab uns ihre Karte und meinte ab 1. März, wenn die Ernte startet, könnten wir uns bei ihr melden. Daraufhin beschlossen die arbeitslosen Deutschen weise, erst Mal zu reisen und später zu arbeiten.

-> Fortsetzung folgt

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