Reisefischer Kanada
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#53 Ein Stich in mein Herz

Veröffentlicht: 04.09.2023

Huhu, 

heute gibt es auch mal wieder eine Audioversion, damit ich hier eventuell nicht so ausarte, gerade da ich mich bei einen Themen perfekt übertrieben reinsteigern kann, aber dafür musst du dann schon reinhören. 😋 Falls du also Unterhaltung für deine Autofahrt, zum Kochen, beim Baden oder joggen möchtest:

Hier bitte schön. Ist auch nur eine Stunde und sechs Minuten lang 😂

https://bit.ly/3ZPAWzp

Am Freitag kam ich also in Tatla Lake an und eigentlich ist nichts Spannendes passiert. Jenny und ich haben etwas gequatscht und auf mein einjähriges hier in Kanada angestoßen. David war zu diesem Zeitpunkt noch in Alaska zu einem Grizzly Workshop. Da die letzten Gäste am Freitagfrüh abgefahren sind, hatte ich die freie Kabinenauswahl und entschied mich für die „Deer – Cabin“. Diese Kabine ist eine der ältesten hier (ca. 1950) und ist daher eher rustikal und minimalistisch eingerichtet. Dies war kein großes Problem und so zog ich in die Kabine und startete den Kamin, denn sobald die Sonne weg ist, wird es deutlich kühler.

Samstag hieß es noch den freien Tag genießen. Auto aufräumen, Wäsche waschen, Peter besuchen – der sich von seinem Herzinfarkt schon sehr gut erholt hat – und ein wenig über den See paddeln. Es ist immer wieder faszinierend, wie klar das Wasser ist. Der einzige Nachteil ist dann nur, dass man die ganzen großen Fische unter einen entlang schwimmen sieht und das (total dumm eigentlich, ich weiß 😅) mag ich überhaupt nicht und das ist ein Grund, weshalb ich hier ungern schwimmen gehe. Ein weiterer Grund verbirgt sich in dem Sand, in den man bis zu den Knien einsinken kann und zwar: Blutegel. Die sind jetzt auch nicht so superklein, sondern haben schon eine stolze Länge von mehreren Zentimetern. Man sieht diese Tiere nicht, da sie sich im Sand verstecken, wenn man aber ein wenig mit dem Paddel reinsticht, kommen sie schnell heraus und graben sich dann wieder ein und solche „Würmer“ möchte ich definitiv nicht an meinem Körper haben. 😅

Am Samstag Abend lag ich in meinem Bett und ich wusste, dass wir hier (auch die Nachbarn) ein Mäuseproblem haben, daher war ich auch weniger verwundert, als ich eine Maus auf der anderen Seite der Kabine langlaufen sah. Ehrlich gesagt, hat mich das nicht gestört, solange sie nur dort lang läuft und die Krümel isst. Als sie dann aber plötzlich neben meinem Bett an der Nachttischlampe auftauchte, dachte ich mir schon, dass dies etwas zu nah ist und als ich sie dann noch plötzlich über meine Bettdecke laufen gesehen hatte, war Feierabend. Meine Sachen wurden gepackt und ich bin in die „Eagel – Cabin“ gezogen.

Sonntag war dann mein erster Arbeitstag und es hieß, die Terrasse neu zu bauen. Die Terrasse? Ja, genau die, die ich vor meinem Roadtrip neu gemacht hatte. Jenny behauptete plötzlich, dass sie nicht mehr groß genug sei und ich das ja sowieso nur temporär gebaut hätte. Ne, eigentlich nicht. Hätte ich gewusst, dass Jenny sie größer haben möchte, hätte ich sie ja von Beginn an gleich größer gebaut?! Mal wieder so ein Punkt, bei dem ich mir dachte....Ach Jenny....

So hieß es also mal wieder Löcher für die Zementblöcke buddeln, Holz schneiden und die Terrasse nun vergrößern. Es hat tatsächlich auch keine 48 Stunden gedauert und ich hatte mir schon drei gute Verletzungen zugezogen. 😅 Es ist hier, wenn die Sonne scheint, unfassbar heiß (wir schaffen ohne Probleme über 30 °C) und daher trage ich meine Wanderschuhe (meine einzigen festen Schuhe) nicht und laufe hier barfuß entlang. Leider hat Jenny die Holzdielen nur verlegt, jedoch nicht festgeschraubt. Einige Dielen sind mittlerweile etwas geschwunden und so bin ich einmal schön geschmeidig gegen eine Ecke getreten und habe mir dort eine gute Wunde zugezogen. Da hieß es vor allem schnell ins Haus, damit ich die neuen Dielen nicht vollblute. 😂 Die anderen Wunden sind an meiner Hand, bei der ich mir eine Schnittwunde zugezogen habe und mit dem Akkuschrauber von der Schraube abgerutscht bin und ich mich dabei eines guten kleinen Stückes meiner Haut am Zeigefinger erleichtert hatte. 😅 Perfekter Start in die Arbeitswelt. 😂

Am Sonntag kam auch David wieder zurück und eigentlich wollte ich beiden dann Fotos von meinem Roadtrip zeigen. David braucht aber nach einem Roadtrip immer etwas Abstand von Menschen und hat keine Lust so viel zu erzählen und Jenny war die letzten Wochen auch so ausgebucht, dass sie auch etwas Ruhe wollte. Fand ich etwas schade, aber auch vollkommen verständlich. So verbringe ich dann halt die meisten Abenden dann auch wieder am See und gönn mir die Sonnenuntergänge hier. ❤️

Montagabend kam dann ein schönes Gewitter über uns hergezogen, welches sich am Dienstagmorgen gefühlt noch ausgeregnet hat. Es war so ekelhaft. Kälte, Wind und durchgehend starker Regen, da hat man richtig Bock, draußen zu arbeiten. Vor allem, wenn dann ab Mittag die Sonne rauskommt, die Temperaturen gefühlt schlagartig 20 °C steigen und es einfach nur schwül ist. Am Ende hat mich die Terrasse fast drei Tage gekostet. Richtig peinlich eigentlich. 😂

Als diese dann zu Ende war, ging es zu meinem nächsten Projekt......Trommelwirbel.....die nächste Terrasse! HUHU, warum auch nicht.

Dazu musste ich aber den Bereich erst einmal „freibuddeln“. Da das Bistro (der große Komplex auf der rechten Seite), damals zu tief gebuddelt wurde (wie man das schafft, weiß ich auch nicht) muss ich schon einige Zentimeter machen. Ich weiß bis heute nicht, wie Jenny den Höhenunterschied später ausgleichen möchte, aber das ist nicht das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem ist, dass diese scheiß Fläche zu 90% aus Steinen besteht und ungelogen, spätestens jeder dritte Schlag mit der Spitzhacke, geht auf einen Stein. Jetzt kannst du dir gerne mal eine Spitzhacke nehmen und mit voller Kraft auf einen Stein schlagen und dann hast du ein Gefühl dafür, wie viel Energie, die du in den Schlag setzt, wieder zurück in deinen Arm und Schulter zurückkommt. Das ist nicht nur unfassbar nervig, sondern auch nach einiger Zeit unfassbar schmerzhaft. In den wenigen Tagen bin ich hier körperlich schon 60 Jahre gealtert, eine Massage wäre jetzt eigentlich das richtige für mich. 😂 Es ist wirklich echt hart, vor allem wenn es kein Ende nimmt und man in der prallen Sonne verbrennt.

Ich habe Jenny auch gefragt, weshalb sie sich keinen Bagger mieten, da sich das echt für die Größe der Fläche schon lohnen würde, denn ich bin nach fünf Tagen peinlicherweise noch nicht mal mit der Grundfläche der Terrasse fertig. Die Gründe, weshalb sie keinen Bagger mietet, waren mal wieder „Jenny typisch“ und mal wieder etwas.... na ja....

Da Jenny und David abends gerne ihre Ruhe genossen haben, bin ich ein paar Mal zu Jordan gegangen. Dieser hat übrigens vor drei Wochen beinahe seinen halben Daumen komplett abgesägt (man lebt gefährlich hier😅). Ärgerlicherweise musste er mit dieser dezenten Schnittwunde, die er sich mit einer Kreissäge zugezogen hat, bis nach Willams Lake fahren, da unsere Ärztin hier im Urlaub war. Er hat mir auch ein Foto seines Daumens gezeigt und ich sag mal so: Ich hätte auch darauf verzichten können. 😅 Er wurde noch bis vor einigen Tagen von seiner Tochter unterstützt, die zu Besuch war und sie hat zwei Katzen auf den Weg hierher eingesammelt, jemand muss diese ausgesetzt haben. Die waren echt zuckersüß.

Und das war eigentlich meine Woche, da ich außer der Terrasse und dem Buddeln, nicht wirklich viel gemacht hatte.

Am gestrigen Samstag ging es für mich sehr früh nach Williams Lake. Die Temperatursprünge sind so krass....der Wetterbericht sagte, dass es bis zu über 30 °C werden sollten, daher bin ich also mit kurzer Hose und FlipFlops in den Tag gestartet. Es waren frühs aber nur 3°C und ich habe gefroren. 🥶Auf der Fahrt habe ich neben den Kühen und Wildpferden auch noch Kojoten gesehen und dann war ich pünktlich zum Werkstatttermin in der Stadt. Ich habe bereits seit meinem zweiten Schlafplatz (dieser war zwischen Pemberton und Whistler) ein quietschendes Geräusch am Auto. Bei einer Untersuchung in Castlegar sagte mir der Mechaniker, dass es evtl. das linke Radlager sei, welches ich zeitnah fixen sollte.

Dieses wollte ich gestern reparieren lassen. Nach der Diagnose sagte mir der Mitarbeiter, dass ich das linke Radlager und irgendetwas auf der rechten Seite reparieren lassen müsste. Keine Ahnung, was es genau war, bei solchen englischen Begriffen nicke ich nur mit dem Kopf. 😂 Diese zwei Sachen hätte so um die 400 $ gekostet. Er sagte mir jedoch, da ich ein Allradantrieb habe, dass es besser sei, die Teile sowohl vorne als auch hinten auszutauschen, damit eine gleichmäßige Abnutzung gewährleistet sei. Dies würde dann jedoch bis zu 1200 $ kosten. Das war schon der erste Schock und ich musste echt überlegen, was ich nun mache. Ich erzählte Sam (Name des Mitarbeiters) von meinen weiteren Plänen und das ich sowieso bald wieder zurück nach Deutschland müsse. Daraufhin meinte er, dass es dann vlt. sogar noch gut genug wäre und ich es somit nicht zwanghaft reparieren müsse. Dem wollte ich gerade zustimmen, als sein Mitarbeiter reinkam und die beiden zu meinem Auto gingen. Sam kam dann mit einem Gesichtsausdruck zurück, bei dem ich ihn dann auch gesagt habe, dass es jetzt wohl mehr als 1200 $ seien. Nachdem er mir zugestimmt hat, durfte ich mit in die Werkstatt und ein Blick unter mein Auto werfen und was soll ich sagen: Meine Antriebswelle bzw. die Kardanwelle ist kaputt bzw. hängt nur noch an einen seidenen Faden.

Um es kurz zu machen. Sam teilte mir mit, dass die Reparatur keine 1.200 $, keine 2.000 $ und auch keine 3.000 $ kostet, sondern es bis zu 5.000 $ werden könnten. Kennst du das, wenn du eine schlechte Nachricht erfährst und dir wird richtig schlecht? Ich hätte Sam eigentlich meinen Mageninhalt direkt auf die Theke klatschen können, so schlecht ging es mir nach dieser Nachricht. Mit dieser Nachricht hat sich meine ganze weitere Kanada Planung nämlich in Rauch aufgelöst.

Mein theoretischer Plan:

Eigentlich wollte ich nach der Werkstatt mein Auto schon einmal online zum Verkauf anbieten, jedoch ohne Verkaufsdatum, einfach, dass Leute das auf dem Schirm haben. Dann hätte ich in ein bis zwei Wochen meinen zweiten Roadtrip starten wollen. Dieser hätte mich in den Yukon und die Northwest Territorien geführt. Dort oben, wo kaum Menschen leben und die Wildtiere sich wohlfühlen. Es wären die Orte gewesen, wo ich auf aktive Grizzly, Cariboos, Bisons, .... Suche gegangen wäre. Dort, wo kaum Licht herrscht und die Wahrscheinlichkeit auf Polarlichter sehr hoch ist. Der Norden, der jetzt nachts bereits Temperaturen unter null Grad Celsius vorzeigen kann und somit eine interessante Erfahrung für ein Leben in diesem Auto wäre. Der Norden, der durch seine absolute dünne Besiedlung eine sehr starke Isolation bedeutet hätte und ich über Gott und die Welt nachdenken könnte.

Nach diesem Roadtrip hätte ich dann langsam meine Rückkehr geplant.

Ich hatte schon wahnsinnige Vorfreude auf diese Erfahrung (die Route stand auch schon teilweise) und diese Pläne wurden gestern „zerstört“. (Wahrscheinlich also keine Nordlichter für mich 💔) Es fühlte sich wirklich an wie ein Schwerthieb in mein Herz und auch Sam merkte, dass es mir echt nicht gut mit dieser Nachricht ging. 😅 Er sagte mir auch, dass man einen Teil der Welle ausbauen könnte und ich dann nur noch einen Frontantrieb hätte. Ich würde aber niemals nur mit einen Frontantrieb in den Norden von Kanada fahren. 😂 Ich glaube selbst mein Auto im nicht kaputten Zustand hätte Schwierigkeiten, denn dort oben haben die Highways eine ganz andere „Qualität“.

Es war wirklich eine beschissene Nachricht, das kann ich nicht anders sagen. Rein theoretisch könnte ich auch sagen, dass ich morgen zurück nach Deutschland kommen könnte, denn der Roadtrip war so das Einzige, was ich hier noch machen wollte, bevor ich gehe und jetzt stecke ich hier schon wieder fest.

Bei einer 2 ½ - stündigen Autofahrt hat man ja auch so Zeit zum Nachdenken und zum Beruhigen. 😅 Ich muss sagen, dass mir in meinem Leben schon so die ein oder andere Dinge passiert sind, wo auch meine Familie sich schon fragte, weshalb mir das immer passiert. 😅 Damals habe ich auch immer ziemlich viel geflucht, wenn mir etwas heruntergefallen ist oder so und meine Mitbewohnerin hat mich mal darauf hingewiesen. Sodass ich in Deutschland immer schon versucht habe, mir selbst zu sagen, dass man es nicht mehr ändern kann, wenn eine Tasse beispielsweise herunterfällt. Und so habe ich mir auch wieder während der Autofahrt gedacht: Okay, kann man nicht mehr wirklich ändern und es ist nun leider so. Shit Happens – sozusagen und ganz ehrlich, in spätestens einem oder zwei Jahren kümmert es mich auch nicht mehr. Ich werde dieses Auto definitiv nicht in diesem Umfang reparieren, da ich einerseits das Geld nicht habe und andererseits das fast auch der Kaufpreis des Autos wäre und ich das nicht einsehe. 😅

Bei all diesen schlechten Nachrichten kann man trotzdem positive Sachen hervorziehen, wofür ich wirklich dankbar bin. Sollte das mit der Welle wirklich damals in Whistler passiert sein, als ich mit Schmackes auf einen Stein aufgesetzt hatte, dann bin ich meinen gesamten (!) Roadtrip mit dieser kaputten Welle gefahren und ich bin einfach unfassbar dankbar, dass ich noch lebe und das auch mit CJ und Kate nichts passiert ist. Was für ein unfassbarer Schutzengel doch bei mir war.

Und auch wenn ich leider nun wieder hier feststecke, hätte es mich auch schlechter treffen können. Ich hätte irgendwo in der Pampa feststecken können oder z.B. auf meiner zweiten Farm. 😁 Aber hier habe ich Verpflegung, Unterkunft, Geld, Hunde, Gletscher, Gletschersee, Wildtiere, .... von daher kann ich eigentlich echt zufrieden sein.

Jetzt heißt es für mich erst mal planen, wie ich meine Zeit in Kanada weiter verbringen werde. Es wurde damit auf jeden Fall einiges auf den Kopf gestellt, aber wie gesagt, kann man nicht ändern und ich muss das Beste daraus machen.

Ach und das hätte ich fast vergessen, auf meinem Rückweg bin ich auch noch an einem Waldbrand vorbei gefahren, der mit 75 Kilometer Entfernung nicht supernah, aber der nächste Waldbrand bei uns ist. Mit ca. 1.306 Hektar (03.09.2023) ist dies jedoch ein kleiner Waldbrand, der auch schon unter Kontrolle ist. Allerdings waren einige Brandflächen nur wenige Kilometer vom Highway entfernt, wenn der Wind dort schlecht steht, könnte er geschlossen werden. Aber aufgrund der Größe gehe ich mal nicht davon aus.

So, das war es jetzt aber wirklich und somit sage ich tschüss und bis demnächst (natürlich dann immer noch aus Kanada 😋)

Samuel ✌🏽

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