350 Kilometer in die falsche Richtung
Unsere Tour „Kleine Perlen Spaniens“ ist zu Ende gegangen. Vor lauter Freude darüber sind gestern beim Schreiben die Pferde mit mir durchgegangen, und anstelle eines Reis


Veröffentlicht: 05.11.2026








Lasst mich noch einmal zurückblicken auf die kleinen Perlen, die wir auf unserer Reise durch Aragón und Castellón aufgesammelt haben. Ich sitze gerade im Wohnmobil, das auf einem kleinen Parkplatz direkt am Strand von Guardamar steht. Wir sind total zugeparkt. Menschenströme ziehen an uns vorbei an den Strand, lachend, scherzend, voller Freude. Es ist laut. Und fast gleichzeitig greift die Stille nach mir, die Ruhe, die uns viele Tage unserer Reise in einen warmen, weichen Umhang gehüllt hat. Ich will ihn nicht verlieren …
Wenn du eine Reise ins Unbekannte beginnst, stellst du dir vor, wie es werden wird. In deiner Phantasie tauchen Bilder auf. Hoffnungen. Erwartungen. Sicher auch Zweifel, Bedenken, vielleicht sogar Ängste. Das war bei mir nicht anders. Irgendwann auf der Tour beginnst du zu vergleichen, inwieweit sich deine Erwartungen mit der Realität decken. Das Problem dabei ist, dass ich ein unverbesserlicher Optimist bin. Ich träume immer vom Besten, Größten und Schönsten. Klar, da liegen Enttäuschungen auf der Lauer. Da liegen sie wohl immer noch, denn ich kann mich nicht erinnern – ich weiß, das will bei meinem Gedächtnis nichts heißen –, dass die Erlebnisse schöner waren, als ich sie mir erträumt habe.
Ich denke an die tipptopp gepflegten Straßen, die Landschaft. Sie war herrlich, wunderbar, phantastisch. Wie gemalt für Wohnmobil-Fahrer. Es ging hoch hinauf, steil hinunter, da waren Nadelkurven, ungesicherte Felswände und hinter jeder Ecke wartete ein neues Panorama, ein umwerfender Ausblick, der den rechten Fuß unweigerlich in Richtung Bremse zog. Diese Bilder waren atemberaubend. Sie werden bleiben …
Wir haben 15 der mittlerweile 126 schönsten Dörfer Spaniens besucht. Jedes war anders, jedes zeigte uns, warum es dieses Prädikat verdient hat. Und dennoch gab es riesengroße Unterschiede. Morella mit seiner mächtigen, über alles thronenden Burg. Albarracín mit seiner stolzen Mauer und seinem unverkennbar arabischen Vermächtnis. Beide Orte groß, super erhalten, ein klein wenig auch schon vom Tourismus geprägt.
Und Mirambel. Meine ganz persönliche Perle unter den Perlen. Ein winziger, fast unscheinbarer Flecken Erde, keine Berge ringsum, kein spektakulärer Fluss. Und trotzdem: Die Häuser, mühsam aus riesigen, grob behauenen Feldsteinen gebaut, die gepflasterten Straßen, die engen Gassen, der kleine Tante-Emma-Laden, in dem die alten Menschen das Wichtigste für ihren Alltag finden, die verlassene Schule, in der zuletzt nur noch eine Handvoll Kinder unterrichtet wurde, die kleine Kneipe mit dem Wirt, der mich ausgelacht hat, als ich mit dem Wohnmobil gegen eine Steinwand geschrammt bin. Da war Vergänglichkeit, klar. Aber da war auch Zukunft, Hoffnung, etwas Beständiges, etwas für die Ewigkeit Geschaffenes. Zwischen diesen uralten Mauern hingen die Worte: „Uns kann die Zeit nichts anhaben.“
Das war ergreifend. Vielleicht spüre ich das gerade so deutlich, weil der Unterschied so groß ist, der Unterschied zu dem, was ich sehe, wenn ich aus unserem Wohnmobil schaue und in mir der Wunsch anklopft, wieder zurückzufahren. Zurück nach Mirambel. Obwohl die Sonne vom Himmel lacht und wir aus unserem Wohnmobil direkt aufs Meer schauen.
Das Meer … Früher hätte mir das alleine gereicht. Nach dieser Tour ist das anders. Irgendetwas hat sich verschoben, verändert. Tief in mir. Ich werde das herausfinden. Vielleicht auf unserer nächsten Tour. Vielleicht wieder mit euch als Begleitung.
