Rimouski - Cap-Chat
Der fünfte Tag (12.09.2021)

Veröffentlicht: 13.09.2021




















Heute Nacht hat es geregnet. Der Motelparkplatz ist mit Pfützen übersät. Mein Frühstück - eine Tasse Kaffee und 3 Cookies - nehme ich drinnen ein. Eigentlich wollte ich rausgehen, aber der Wind bläst mir zu kräftig, auch wenn der Regen aufgehört hat. Ich gebe meinen Schlüssel bei der Rezeption ab und gewöhne mich langsam daran, ein paar Worte auf französisch zu verlieren. Oder besser gesagt, das was ich für französisch halte. Naja, für ein Lächeln hat es gereicht.
Etwa 5 km später auf der 132, die auch heute durchgehend meine Straßenheimat sein wird, passiert etwas bizarres. Ein Auto vor mir bremst ab, ohne irgendeinen Richtungswechsel anzuzeigen. Da ich weiß, dass das oft darauf hindeutet, dass man links abbiegen will, halte ich mich zurück und bleibe in dem nötigen Sicherheitsabstand. Der Fahrer oder die Fahrerin scheint nicht genau zu wissen, was sie will. Alles wirkt unkoordniert. Der Wagen bleibt dann ganz stehen, und ich denke, er oder sie will vielleicht doch nicht nach links abbiegen, denn der Blinker wird nicht betätigt. Plötzlich aber überquert das Auto die Gegenfahrbahn und zieht auf einen freien Vorplatz, und in diesem Moment biegt ein anderes Auto ebenfalls auf diesen Platz rechts ein. Das Scheppern als die beide kollidieren ist ein so hässliches Geräusch, dass es mir noch Kilometer später in den Ohren klingt. Eine völlig bizarre Situation, und für einen Moment überlege ich, ob ich anhalten soll, sehe dann aber im Rückspiegel, dass mehrere Fahrer das tun und ebenfalls auf den Platz biegen. Und ich halte für mich fest, dass das einer der seltsamsten Unfälle war, die ich je gesehen habe. So völlig absurd.
Die 132 ist in diesem Teilabschnitt meiner Reise mit Abstand die schönste Strecke bisher. Rechts ragen nun steile Felsen hervor, und die Straße ist genau zwischen Meer und diesen gebaut. Gelegentlich kommen Haltebuchten, wo man die Küstenlandschaft exzessiver genießen kann als beim Fahren, und in jeder Bucht, die genug Platz bietet, findet sich ein kleines Städtchen. Sandstrände sucht man weiterhin meist vergeblich, allenfalls in den Buchten, wo ein Fluss den Weg ins Meer findet, gibt es manchmal einen kleinen Abschnitt. Gelegentlich rauscht ein Wasserfall von rechts über die schroffe Felswand hinab, und findet so ebenfalls einen Weg, dem Wasser eine neue Heimat zu geben. Wirklich bemerkenswert schön. Das Umrunden dieser Küste hat sich unglaublich gelohnt.
Mein Ziel für heute ist der Parc National Forillon, ein kleiner Zipfel im äußersten Osten der Provinz Quebec, nachdem ich vorher schon den wahrscheinlich nördlichsten Punkt meiner Reise - Gros Morne - angefahren habe, bei strahlendem Sonnenschein. Gros Morne heißt auch der berühmte Nationalpark auf Neufundland, den ich 2018 besuchen konnte, sowie der zweithöchste Berg dort. Wenn man Namen wiedererkennt gehen mit einem die Erinnerungen Achterbahn fahren.
Der Park hat 2 Eingänge, einen im Norden und einem im Süden, und ich fahre zunächsten den im Norden an. An einem Parkplatz geht es nicht mehr weiter, und so beschließe ich, ein wenig weiter zu wandern, was ich aber schnell bereue. Die Steigung schafft mich. Es geht dermaßen steil hinauf, dass ich kapituliere. Einer der unangenehmen Nebeneffekte meiner asthmoiden Bronchitis, mit der ich mich seit 2019 plage. So drehe ich japsend nach ca. 1 km um, fühle mich so alt wie ich bin, und denke an die vielen Hikes, die ich 2017/2018 alle noch machen konnte. Nur nichts verschieben, solange man noch kann. Ein wenig enttäuscht setze ich mich an einen der zahlreichen Picknicktische und genieße einen trockenen Bagel mit einem lilafarbenen Grape-Gatorade. Letzteres ist aber nicht meines, das schmeckt richtig widerlich.
Am Nachbartisch ist es lustig. Ein junges Pärchen, sichtbar besser zu Fuß als ich, hat einen Gaskocher ausgepackt, und nachdem der Typ mit einem Kochutensil zum Wasserholen auf die Toilette geht, und es wirklich so ausschaut, als ob er dort seine Bettpfanne leeren will (es sieht zum Schreien aus, als er an mir vorbeiläuft), kommt er nach ein paar Minuten wieder und rührt aus einer Flasche irgendein Zeug da hinein, während sie auf dem Herd köchelt. Er stellt sich dermaßen dappig an, und anstelle einfach ein wenig Wasser in die Flasche zu füllen und zu schütteln, kratzt er dutzendmal mit einem Löffel darin rum, um den letzten Rest in die Pfanne zu befördern. Als die Pampe nach einigem Rühren fertig ist, sitzen beide da und schieben sich den Brei aus der Bettpfanne in eisigem Schweigen hinein. Comedy pur.
Der Südeingang des Parks ist ca. 10 km weiter auf der 132 und es gibt keine Straße, die beide Teile verbindet. Ich fahre die Straße bis es nicht mehr weitergeht, die Wanderung ab dieser Stelle schenke ich mir, und stattdessen begebe ich mich auf einen Quai, der einen tollen Blick auf eine Bucht des Sankt-Lorenz-Golfs bietet, dem größten Ästuar der Erde. Ich weiß vom Nachlesen, dass der Unterschied zwischen einem Ästuar und einem Delta der ist, dass bei ersterem das Sediment, von den Gezeiten weggeschwemmt, sich nicht ablagert, und somit der Mündungstrichter freigehalten wird. So wie bei der Elbmündung.
Auf dem Quai führe ich ein kurzes Gespräch mit Serge, einem Frankokanadier aus Montreal, der hier Makrelen angeln will. Einen Angelschein braucht er im Meer nicht, er darf aber maximal 10 am Tag rausziehen. Bisherige Erfolgsquote: Null. Er meint, dass er damit genauso erfolgreich sei wie als Künstler, als er in den 70er Jahren in Montreal versucht hat, davon zu leben. Immerhin spricht er fließend englisch. Und darauf angesprochen meint er, dass in diesem Teil von Kanada hier die Menschen tatsächlich oft kein englisch können, aber in Montreal alle. Ich beginne mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass die mich einfach nicht leiden konnten. Als ich frage, ob er zum Urlaub hier ist, meint er, er wäre noch früher gekommen, aber sein Van hätte schlapp gemacht. Ein Bild von Serge, diesem Altachtundsechziger mache ich nicht - dafür eines von seinem Gefährt.
Als ich mich COVID-like ohne Handschlag verabschiede, überlege ich kurz, ob ich noch einen Supermarkt anfahre. Aber ich bin zu müde, und der nächste ist 30 km entfernt. Also begebe ich mich in mein Motel, bekomme leider kein Zimmer zum Meer hinaus, und lebe von meinen Cookies und dem letzten Bagel. Und ich beschließe, in Nova Scotia mehr darauf zu achten, dass in meiner Unterkunftsnähe gute Restaurants sind. Ich will Hummer, Krabben, Austern und Fisch. Und Softeis. Jawoll.
