Tag 68-80: getrennte Wege und der Halfwaypoint
Tag 68: Heute Nacht habe ich sehr gut geschlafen. Nur leider wollen wir schon um 7 zum Frühstück, ansonsten hätte ich definitiv länger geschlafen. Wir gehen zu Ihop, einer...

Veröffentlicht: 05.07.2022



























Tag 81: Heute Nacht hatte ich wahrscheinlich den besten Schlaf auf dem Trail bisher. Das könnte auch an dem THC-Gummibärchen gelegen haben, welches ich von Ninja bekommen habe. In Kalifornien ist Marihuana legalisiert und sie hat die Packung in Lee Vining gekauft. Ich hatte bisher nur eine weniger tolle Erfahrung mit einem Hashbrownie in Amsterdam, aber der THC-Gummy war sehr gut. Der ganze Abend war super entspannt und der Schlaf in der Nacht hat die Sache perfekt gemacht. Warrior und ich können heute maximal 15 Meilen machen, da dann der 19 Meilen lange Lassen National Park beginnt, in dem man zum übernachten einen Bear Can braucht. Und uns steht nicht der Sinn nach einem 30 Meilen Tag, um den Park heute zu durchqueren. Daher schlafen wir aus und gehen zum Frühstück wieder ins Cravings. Danach geht es nochmal ein wenig ins Motel, bevor wir uns endgültig von Ninja verabschieden müssen. Auch dieser Abschied ist nicht leicht, vor allem für Ninja. Sie muss sich nicht nur von uns, sondern auch vom Trail verabschieden. Zurück zum Trail bringt uns dann der Besitzer des Motels. Damit haben wir nicht gerechnet und so haben wir wieder keine Zeit mit hitchen verloren. Die 15 Meilen zur Boundary Spring führen wieder größtenteils durch Burnt-Areas. Als ich an der Boundary Spring ankomme, bin ich zunächst der einzige Hiker, was ein Glück ist. Denn so kann ich uns die besten Campsites reservieren. Mit der Zeit kommen nämlich immer mehr Hiker an und am Ende stehen hier uns eingeschlossen mindestens elf Zelte. So viele kann ich zumindest von meinem Zelt aus sehen, gut möglich, dass es noch mehr sind. Damit stecken wir wieder einmal in einer Bubble, die wir hoffentlich in den nächsten Tagen hinter uns lassen.
Nur knapp eineinhalb Meilen später liegt plötzlich ein starker Schwefelgeruch in der Luft. Die Quelle dafür ist der Boiling Springs Lake. Ein Schild warnt davor, sich dem See zu nähern, da man einstürzen und in der Schwefelquelle unterhalb landen könnte.
Der Rest des Parks ist leider fast vollständig abgebrannt, nur hin und wieder geht es durch kleine grüne Inseln. Es ist ein weiterer heißer Tag und ein wenig Schatten wäre sehr willkommen gewesen. Vor allem die ersten zehn Meilen des Tages sind sehr zäh. Trotzdem habe ich schon um 15:20 23,3 Meilen zurück gelegt. Als Warrior etwas später dazukommt, beschließen wir, hier auch zu campen. Da wir den 04. Juli in einer Stadt verbringen wollen, macht es im Moment keinen Sinn, mehr Meilen zu machen. Eigentlich wollten wir Morgen in JJ's Café in Oldstation frühstücken, da es kein großer Umweg gewesen wäre. Allerdings lese ich auf FarOut, dass das Café auf unbestimmte Zeit geschlossenen ist. Definitiv eine kleine Enttäuschung. Allerdings finden sich an jedem Wegpunkt der Gegend ominöse Kommentare über das "Trail Angel Cafe" irgendwo um Meile 1380 herum. Scheinbar ist dort ein Trailangel über die ganze Saison mit Getränken und Snacks. Also werden wir unsere Frühstückspause dort einlegen, ich bin sehr gespannt, was uns dort erwartet.
Zurück an der Oberfläche geht es dann zum Trail Angel Cafe, wo ich Warrior wieder treffe. Das "Cafe" ist das Wohnmobil von einem Trailangel, der in seinem Van lebt. Im Frühjahr und Herbst ist er auf dem Arizona Trail und die komplette PCT Saison über hier. Er hat Wasser, Sodas, erste Hilfe Material und heute auch Früchte für uns Hiker. Bei einem Mountain Dew und einem Apfel unterhalten wir uns. Er selbst ist kein Hiker und will trotzdem Teil des Trails sein und liebt es einfach, uns zu unterstützen. Außerdem lernt er einen Großteil der Hiker der Saison kennen. Ich verstehe durchaus den Reiz dieser Art von Trailmagic und dankbar sind wir sowieso für alles, was wir bekommen.
Während wir dort sitzen bekommen wir eine Nachricht von Hasbeen. Die 4th of July Party in San Francisco steht. Allerdings werden wir schon am 02. an der Interstate 5 abgeholt. Warrior und ich haben bisher geplant, am 03. dort zu sein. Das heißt, wir müssen unsere täglichen Kilometer etwas steigern und in den nächsten vier Tagen jeden Tag mindestens 25 Meilen laufen, besser mehr, damit wir am letzten weniger machen müssen. Wir brechen also nach einer guten Stunde wieder auf. Es geht an einem Hügelkamm mit toller Aussicht entlang. So eine Fernsicht hatten wir schon lange nicht mehr und ich genieße sie sehr, auch wenn der Kamm sehr exponiert ist und komplett in der Sonne liegt. Hinter uns sieht man Mount Lassen, den wir in den letzten Tagen umrundet haben und vor uns Mount Shasta, dem wir uns in den kommenden Tagen nähern werden. Am Ende legen wir heute 31,7 Meilen (51 Kilometer) zurück, unser neuer längster Trailtag. Die nächsten vier Tage werden definitiv hart, aber für einen Double Zero und eine 4th of July Party in San Francisco mit der Tramily bin ich bereit, mich der Herausforderung zu stellen.
Inzwischen ist es wieder sehr heiß. Auf dem Weg habe ich riesen Glück und finde ein kleines Schweizer Taschenmesser mit Schere, das ich gut gebrauchen kann, da meins keine hat. Als wir zum Lake Britton Dam kommen wird es interessant. Die Brücke über den Damm wird saniert. Daher werden wir von einem Bauarbeiter über die Baustelle geführt. Er ist sehr interessiert am Trail. Auf der anderen Seite werden wir noch von einem älteren Arbeiter angesprochen. Er möchte wissen wo wir herkommen und erzählt uns ein wenig über die hiesigen Staudämme, was tatsächlich nicht uninteressant ist.
Danach machen wir uns an die letzten sechs Meilen zur Campsite. Etwa auf halber Strecke überholen wir einen etwas merkwürdigen Mann. Er ist oberkörperfrei, hat einen Rucksack auf, seine Hose hängt ihm weit unter dem Arsch und er hat einen Hund dabei. Als ich höre, dass er mit sich selbst spricht, warte ich kurz auf Warrior, damit wir ihn gemeinsam überholen können. Dabei unterhalten wir uns kurz und der Mann ist definitiv betrunken oder auf Drogen. Bis zu unserer Campsite kommt er glücklicherweise nicht. Allerdings sind hier wieder viele Moskitos und einer hat es geschafft, sich in mein Zelt zu schmuggeln. Zum Glück ist er, während ich geschrieben habe, an meinem Ohr vorbeigeflogen, wodurch ich ihn gehört habe und ihn erfolgreich eliminieren konnte. Jetzt höre ich ab und zu ein merkwürdiges tiefes Knallen. Ich habe keine Ahnung was das sein könnte, eventuell Schüsse. Aber wer fängt an, rumzuballern, wenn es dunkel wird? Oder es kommt vom Kraftwerk, aber das ist eigentlich inzwischen recht weit weg. Heute passieren jedenfalls eine Menge merkwürdige Dinge. Wir sind jedenfalls sehr zufrieden mit dem Tag, denn trotz vierstündigem Aufenthalt in Burney mit Resupplie und allem haben wir mit 26,4 Meilen einen weiteren Marathontag hingelegt und sind voll im Zeitplan für den 02. Juli.
Der Trail ist heute die meiste Zeit sehr schnell. Bei unserer Mittagspause lernen wir Autograph kennen, einen Section Hiker, der vor drei Wochen gestartet ist. Er lässt alle Hiker, die er besser kennen lernt, auf seinem PCT-Bandana unterschreiben. Wir werden ihn abends wieder treffen und dürfen uns dann auch verewigen. Nach der Pause geht es nur 3,3 Meilen weiter zum Squaw Valley Creek. Hier wollen wir baden, da wir morgen vor der Fahrt nicht Duschen können und uns mit einer Katzenwäsche auf einer Toilette werden behelfen müssen. Der Fluss ist schön und das Wasser nicht so kalt wie erwartet. Nach den letzten anstrengenden Tagen tut das Bad sehr gut. Da wir bis zur Interstate 5 an keiner Quelle mehr vorbeikommen, beschließen wir, hier zu essen und dann noch ein paar Meilen zu machen, obwohl wir unseren Marathon schon hinter uns gebracht haben. Doch während wir da sitzen und kochen kommen Autograph und ein Max vorbei und laden uns zu Pizza ein. Max ist 2018 selbst den PCT gehiket und fährt jetzt mit seinem Motorrad die Westküste entlang und macht auch ein wenig Trailmagic. Neben der Pizza gibt es auch noch ein Bier, welches Warrior und ich uns teilen. Während wir mit den beiden da sitzen und uns unterhalten wird es immer später. Irgendwann entscheiden wir uns, nicht mehr weiter zu laufen und hier zu campen. Wir sind morgen so oder so rechtzeitig an der Interstate und ob wir eine Stunde früher oder später da sind spielt keine große Rolle, da wir am Ende nicht einmal wissen, ob wir mit der Stunde etwas sinnvolles anfangen können. Also haben wir lieber einen entspannten und lustigen Abend hier am Fluss.
Tag 89: Frühstück besorgen Warrior und ich heute in einem nahen Café. Dort treffen wir Waterbaby, der mit zu uns kommt. Heute ist der 04. Juli, der Grund, weshalb wir eigentlich in der Stadt sind. Doch noch am Morgen lese ich die Nachrichten von den Schüssen bei der Parade in Chicago. Und ich hatte gestern ein sehr interessantes Gespräch mit einer Hikerin namens Rachel über den 04. Juli. Zuvor habe ich mir nie groß Gedanken gemacht, aber während des Gesprächs hat sie mir aufgezeigt, wie falsch es eigentlich ist, auf welche Art und Weise der 04. Juli gefeiert wird und dem kann ich nur zustimmen. Jedenfalls ist uns die Lust auf die Feier vergangen. Stattdessen treffen wir uns mit Monarch zum Mittagessen. Er ist der Hiker, von dem wir kurz vor Kennedy Meadows Trailmagic bekommen haben, also vor etwa 800 Meilen. Er und zwei Freunde, die letztes Jahr mit ihm den PCT gehiket sind, wollten gestern Mount Shasta besteigen, haben es aber aufgrund des Gewitters nicht geschafft. Auch mit Monarchs Freunden verstehen wir uns super. Hiker sind einfach ein besonderer Schlag Menschen und wir haben alle so eine große Gemeinsamkeit, dass es wohl nicht überraschen sollte, dass man sich mit den meisten sehr gut versteht. Tatsächlich habe ich bisher kaum Hiker getroffen, mit denen ich nicht wenigstens ein Bier trinken würde. Nach dem Essen gehen Warrior und ich resupplien. Hasbeen verschiebt das auf Morgen, denn er bleibt noch einen Tag in der Stadt. Während er alleine unterwegs war hat er eine Hikerin namens Bambi getroffen, die morgen in die Stadt kommt. Und da die beiden aufeinander stehen, wartet er auf sie, um mit ihr zu hiken. Wahrscheinlich werden die beiden uns aber früher oder später einholen. Das hoffe ich jedenfalls, denn nach allem, was ich mir über Bambi anhören musste, würde ich sie gerne kennen lernen. Bisher kenne ich sie nur vom Sehen, sie war einmal gleichzeitig mit uns bei Trailmagic. Am Abend wollen wir in der Stadt etwas essen, müssen aber feststellen, dass fast alles geschlossen hat. Am Ende finden wir einen Thailänder, der geöffnet hat und das Essen ist wirklich gut. Anschließend lassen wir den Tag mit Wein im Hotelzimmer ausklingen und schauen Independence Day, denn welcher Film sollte am 04. Juli sonst laufen. Der Double Zero war sicher gut für die Erholung, aber ich kann es wirklich nicht erwarten, wieder auf den Trail zu kommen.
