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Tag 4 - 5: Wie Phönix aus der Asche

Veröffentlicht: 12.04.2022


Tag 4: Ich wache um 04:30 auf. Ich habe sehr gut geschlafen und da ich sowieso nicht mehr einschlafen kann, entscheide ich mich, zusammenzupacken und aufzubrechen. Ich laufe unter den Sternen, während sich der Horizont langsam rot färbt. Kurz nachdem ich aufgebrochen bin komme ich an der 50 Meilen Markierung vorbei. Heute führt der Trail durch eine karge Hügellandschaft, es ist schwer vorstellbar, dass ich gestern erst durch einen Kiefernwald gelaufen bin. Die Aussichten sind wunderschön und am frühen Nachmittag sehe ich meine erste Klapperschlange. Allerdings nur die hintere Körperhälfte mit der Rassel, sie kriecht über den Trail und steckt mit dem Rest schon unter einem Strauch. Später höre ich immer wieder ein Krachen, als ob jemand auf Blech hämmert. Im Tal sehe ich zwei Trucks, kann aber nichts genaues erkennen. Ich vermute, dass es Schüsse sind, was mir später am Abend von anderen Hikern bestätigt wird. Ich habe heute keinen der Hiker gesehen, mit denen ich die letzten zwei Tage unterwegs war, dafür aber einige wieder getroffen und neu kennen gelernt. Es ist unglaublich, wie leicht man hier ins Gespräch kommt und sich kennen lernt. Beim Abendessen stellt sich heraus, dass wir alle vom selben etwas seltsamen Mann angesprochen wurden. Er war auf dem Trail unterwegs, um die 60, trug kein Shirt und hatte nichts bei sich. Jedem von uns hat er andere merkwürdige und politisch eher weniger korrekte Geschichten erzählt. Durch ihn haben wir auf jeden Fall einiges zu lachen während dem Essen. Wir campen zu acht etwa zehn Meilen vor Scissors Crossing, von wo aus wir nach Julian trampen werden. Dort werden Vorräte aufgefüllt und es gibt in einem Café kostenlosen Kuchen für PCT-Hiker, auf den ich mich unfassbar freue. Eigentlich wollte ich so früh noch keine Übernachtung in einer Stadt einlegen, allerdings soll es morgen Nacht stürmisch werden, wenn sich also eine Gelegenheit ergibt bleibe ich vielleicht. Schon heute ist es sehr windig und mein Zelt und all meine Sachen sind voller Sand.

Tag 5: Nach Julian zu trampen ist kein Problem. Wir stehen zu fünft an der Straße und nach etwa 15 Minuten hält eine Frau und nimmt die ersten drei mit. Fünf Minuten später hält "Juice Box" und nimmt mich und Benedikt mit. Juice Box ist mit dem Van unterwegs und während seine Frau den Trail läuft macht er Trailrunning und unterstützt andere Hiker.

Trampen nach Julian

Die Stadt sieht aus wie aus einem Film und es treibt sich unheimlich viel "Hikertrash" herum. Ursprünglich war das eine abfällige Bezeichnung der ansässigen Bevölkerung in Trailstädten für Hiker, die in ihren Augen quasi Obdachlose waren. Doch inzwischen haben die Hiker die Bezeichnung für sich selbst übernommen und verwenden sie durchaus mit Stolz. Ich sehe fast alle Hiker wieder, die ich bisher kennen gelernt habe und treffe noch einige mehr. Als erstes gehen wir zu Mom's Pie für kostenlosen Kaffee und Kuchen. Wir sitzen zu dritt am Tisch und entschließen uns, ein Zimmer zusammen zu nehmen, da es heute Nacht stürmen soll und daher keiner unbedingt draußen schlafen möchte, wenn es nicht sein muss.

Kuchen aufs Haus

Nachdem wir das Zimmer gebucht haben geht es in die "Stadt", also quasi eine Straße, die den ganzen Ort ausmacht. Julian ist sehr hikerfreundlich und in einem Süßigkeitenladen bekommt jeder Hiker einen kleinen Becher Cider und Gummibärchen geschenkt. Da wir erst um 15 Uhr einchecken können ist der nächste Halt die örtliche Brauerei. Dort bekomme ich meinen Trailname: "Phoenix". Ich werde nämlich wieder auf meine Erlebnisse des ersten Tages angesprochen von Hikern, die ich noch nicht getroffen habe. Ich erzähle die Geschichte also nocheinmal und die anderen sind vor allem beeindruckt davon, dass ich schon Stunden später auf den Trail zurückkehrt bin. Wie ein Phönix aus der Asche eben.

So viel Hikertrash 

Danach gehen wir ins Hostel, duschen, waschen und abhängen mit anderen Hikern. Und dann zurück in die Brauerei fürs Abendessen und mehr Bier. Jetzt geht es ins Bett und morgen um 7 zurück auf den Trail. Bis dahin. 

Hostel in Julian
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Antworten (1)

Ulrike
Moin Niklas, ich hoffe, Dir hat der Kuchen in Julian gut geschmeckt? In dem Ort war ich übrigens auch schonmal zum Kuchen essen. Das ist also nicht nur für Hiker eine Anlaufstelle. Ich wusste damals allerdings nicht, dass Julian am PCT liegt bzw. wusste ich damals (2004) noch nichts von PCT. Viel Spaß weiterhin!

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