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Herbst 2022 - Griechenland

Veröffentlicht: 14.10.2022

Hier sind wir nun - Korfu, Griechenland. Am Meer angekommen. Der Sommer ist in seinen letzten Zügen. Ein Bad im großen Wasser geht sich noch aus bevor der Wind den Herbst bringt. Das Licht verändert sich, die Brisen werden frischer. Die Nächte kälter.

Nahe der Kleinstadt Acharavi im Norden der Insel bauen wir unser Lager im Garten eines Warmshower Host (Gastgeber:innen (Host) Plattform für Radler:innen) auf. Ein Expad aus Deutschland, der sein Leben und Tun in den Süden Europas verlegt hat.

Es wird wieder mal alles gepflegt und gewartet, was es nötig hat. Es werden uns wieder Einblicke in andere Leben gewährt, die das eigene Konzept davon in ein neues Licht stellen. Wir treffen hier Freunde aus der Heimat, die uns Winterequipment mitbringen - und Schokolade!!!

Danke Margit! Danke Harald! Für die gemeinsame Zeit, für den Platz in eurem Urlaubskoffer!!!

Schließlich lassen wir für einige Tage die Räder Räder sein und machen uns zu Fuß auf, die Insel zu erkunden. Die Wanderherzen springen und lachen vor Freude! Die Abwechslung tut dem Körper gut und diese langsamere Art der Fortbewegung gewährt uns eine neue Perspektive auf die Umgebung. Wir wandern und laufen für einige Tage den Corfu Trail, der sich vom Norden in den Süden der Insel schlängelt.

Wir wandern über steinige Berge mit trockenem Bewuchs. Dann und wann durch Misch- und Olivenwälder mit hohen, alten Bäumen. Der Weg führt uns immer wieder mal runter zum Meer um es kurz darauf wieder in die Höhen zu verlassen. Kleine Dörfer werden durchstreift - teils verlassene, teils touristisch genutzte, teils britisch besiedelte. Die Nächte verbringen wir ganz fein in ummauerten Unterkünften. Mit warmen Decken und warmer Dusche.

Korfu lässt auf unserem Streifzug erahnen, dass das griechische Volk ein einladendes, offenes, freundliches ist. Dass dieses Land stolz auf seine Naturlandschaften ist und weiß sie zu schützen.

Eine sehr kurze Begegnung mit zwei älteren Reisenden, die in der Vergangenheit jahrelang mit dem Segelboot die Meere umschifften, lässt mich lächelnd zurück. Auf die Frage ob die langen Reisen sie verändert habe, antwortet die Reisende Marie: „it is not possible to be racist when you travel the world“ - war sie es denn vorher? „Yes, kind of. I was raised up in a racist family…“

Was ist es noch, dass uns durchs Reisen ermöglicht oder unmöglich gemacht wird?

Nach einigen Tagen des Wanderns war’s das auch schon wieder. Ist dies doch anstrengender als gemütlich durchs Land zu radeln.

Langsam ziehen wir weiter, setzen über aufs Festland. Nahe der Hafenstadt Igoumenitsa nisten wir uns für einige Tage auf einem Campingplatz ein. Wir planen die nächsten Wochen, bereiten den bevorstehenden Winter auf Kreta vor und warten. Darauf, dass eine Starkregenfront vorbei zieht und darauf, dass unser französischer Reisefreund Kévin, mit dem wir durch Albanien radelten, eintrifft.

Die Regenwolken werden vehement und immer mal wieder von einer warmen Herbstsonne verdrängt und es geht sich noch einmal ein Bad im Meer aus. Langsam gewöhnen wir uns daran, dass hier im Südosten eine Kaltfront weniger ausdauernd ist.

Unser weiterer Weg soll uns über die Berge des Pindosgebirges vorerst im Norden des Landes behalten um uns später langsam in den Süden weiter zu führen.

Wie immer wenn es hoch hinauf geht, spüre ich in mir eine leise Angst es mit all dem Gepäck nicht schaffen zu können. Wie immer wenn es in die Berge geht, fühle ich gleichzeitig große Freude mich in solchen Landschaften bewegen zu dürfen und Neugier wie sich diese landschaftlichen Riesen hier wohl darstellen werden.

Der erste Radeltag nach fast zwei Wochen Pause hat es in sich. Wir schaffen zwar ordentliche Kilometer und immerhin 700hm aber sind fix und fertig als wir unser Nachtlager aufbauen. Dafür entlohnt uns die unglaubliche Aussicht auf die umliegenden Berge und eine heisse Sonne, die uns an diesem Tag nochmal mit 35 Grad die steilen Serpentinen hinauf begleitet. Mir graut dennoch etwas davor, dass die kommende Woche ähnlich anstrengend weiter gehen wird.

Doch es kommt anders. Der Körper brauchte offenbar nur einen Tag der Eingewöhnung und hat begriffen, dass er wieder mal seine Kraft zeigen darf:) Die nächsten Tage ist es fast ein leichtes die wenig befahrenen Straßen rauf und runter zu fahren.

Außerdem schaut Maik mit seiner Kocherei recht auf uns. Allabendlich gibts Gemüse mit Hülsenfrüchten in unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen und während des Tages sorgen Erdnussbutter, Marmelade und Schokotahin für ordentlich Energie.

Wir befinden uns wieder mal im Radfahrparadies. Ein Tal ist schöner als das andere, ein Berg strahlt mehr als der vorherige. Das Wetter ist herbstlich angenehm. Regen wird nur gering erwartet.

An einem Lagerplatz im Nirgendwo der Pindosberge, auf dem Weg zum Vikos Canyon, werden wir am Abend von Einheimischen aus dem nahen Dorf überrascht. Nächtigen wir doch auf ihrem Festplatz, der eigens für das sommerliche Tanzfest im Wald erbaut wurde. Anfangs werden wir misstrauisch begutachtet, doch als klar ist, dass wir Radreisende aus Europa sind, werden wir mit Süßem und Früchten beschenkt. Mit großen Gesten und Fotos am Smartphone bekommen wir Tanz- Urlaubs- und Jägergeschichten erzählt. In der Früh dürfen wir uns über selbstgebackene Süßspeisen freuen - der mitgebrachte Raki wird von Kévin verkostet und für die weitere Reise eingepackt.

Schließlich kommen wir nach 4 Tagen an der Vikos Schlucht an. Ihres Zeichens die größte Schlucht der Erde - gemessen an Höhen- und Breitenverhältnis. Ist sie es oder ist sie es nicht - wunderschön ist sie allemal. Wir stehen und schweigen und staunen und spüren Glück und Freiheit.

Am nächsten Tag sausen wir talwärts. Ein Campingplatz in der Stadt Ioannina am Pamvotida See nimmt uns für eine Nacht auf. Wir stocken den Proviant auf, geben uns selbst einer ausführlichen Dusche hin und machen uns am folgenden Tag wieder in die Höhen des südlichen Epirus auf.

Unser Ziel ist die Felslandschaft Meteor - dort wollen wir ein wenig verweilen, wandern und laufen. Um dahin zu kommen radeln wir immer weiter in die Berge rein. Diese verändern ihre Erscheinung von einer mediterranen allmählich in eine alpin anmutende. Stundenlang strampeln wir in Dreierreihe bergauf.

An diesem Tag erscheint die Umgebung in einem recht dystopischen Bild. Unser Weg, eine in den Berg geschlagene Fernstraße, von Kräutern umwuchert, an machen Stellen bröckelig, wird nur von uns und ein paar wenigen motorisierten Fahrzeugen befahren - der Hauptverkehr zieht auf der neuen Autobahn gen Osten durch das Gebirge. Der Respekt vor der bevorstehenden Strecke, die uns auf 1700müM führen soll, lässt uns an diesem Tag - jede:n für sich - recht einwendig sein. Einen Tag später folgen wir der E92 erneut immer höher hinauf.

Es kommt dann und wann zu Begegnungen mit Hunden - großen, schönen, die jedoch das Vertrauen in die Menschen längst verloren haben. Das zeigt sich nicht durch ihr bedrohliches Bellen, vielmehr durch die gedrungene Haltung wenn Maik ein paar Schreie in ihre Richtung abgibt um ungebissen da durch zu kommen.

Je höher wir kommen desto kälter wird es. Und desto schöner! Die Nacht vor dem Pass verbringen wir auf einer Alm in 1400müM. Die Sonne, die Wolken und der Mond bescheren uns alle gemeinsam vorm Schlafengehen ein unbeschreibliches Farbenspiel. Es könnte nichts schöner sein.

Am nächsten Tag geht’s dann die letzten Höhenmeter zum Katara Pass rauf. Der Wind schiebt manchmal an und manchmal beißt er kalt zu. Die Sonne bestrahlt die Umgebung als zeige sie uns stolz eine ihrer Welten. Der Himmel ist wolkenlos. Das Glück macht sich erneut in meinem Herzen ganz schön breit. Auch weil wir erst vorgestern bemerkt haben, dass wir mit der Überfahrt des Berges Mavrovouni auch die Quelle der Vjosa überqueren. Jenes Flusses den wir vor Wochen in Albanien besuchten. Ein Kreis schließt sich. In Griechenland trägt er den schönen Namen Aoos.

Das Gefühl, das mich beim Anblick der Weite ganz oben ergreift, kann ich kaum beschreiben. Dankbarkeit, Glück - von beidem ganz viel und noch mehr.

Wie schon vor Wochen in Albanien treibt uns auch hier nicht wirklich etwas an. Es ist wie bei einem wunderbaren Musikstück oder einem leckeren Essen, man möchte nicht das es endet.

Nach einem unglaublichen, kilometerlangen Downhill und nachdem wir unsere Glieder wieder etwas aufgewärmt haben, schlagen wir das Nachtlager noch einmal in den Wäldern auf um nur ja nicht zu schnell aus dieser wunderbaren Einsamkeit heraus zu kommen.

Was uns am nächsten Tag in Kastraki an den Felsen von Meteor erwartet ist erneut ein unglaubliches Schauspiel der Natur. Aus dem Nichts ragen Felsblöcke in den verschiedenen Formationen und Größen in den Himmel. Da und dort haben Geistliche ihre Klöster auf und in den Stein gebaut. Als Hingabe an Gott oder um die eigene Großartigkeit zu demonstrieren?

Wir sind uns einig, dass das hier ein Platz zum Bleiben ist. Wandern, laufen, essen, schlafen und täglich eine heisse Dusche - es könnte nichts schöner sein! Selbst, dass es nun schon ganz schön kalt ist, tut den Genuss keinen Abbruch…

Diese Reise hat so viele Höhepunkte, dass ich mit meinen Gefühlen kaum nachkomme! Danke Welt! 

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