Zurück auf die Nordhalbkugel - Kakuma
Am Mittwoch habe ich mich auf den Weg nach Kakuma gemacht. Es liegt im Norden Kenias, im Turkana County und ist ungefähr 800km von Nairobi entfernt. Hier werde ich insh'allah...

Veröffentlicht: 13.10.2022























seit dem 07. Oktober bin ich in Nairobi. Am Flughafen in Stuttgart habe ich noch Hiram getroffen, der mir in den letzten Wochen und Monaten so viel geholfen hat, einen guten Start in Kenia zu haben, indem er mir ein Bett, Abholservice vom Flughafen und irgendwie auch Freund*innen organisiert hat.
Mit einem Stopp in Istanbul bin ich nach 10 Stunden Flug um 3 Uhr morgens in Nairobi gelandet. Der freundliche Grenzbeamte wollte mir mit viel Lachen und Scherzen gleich ein Visum für ein ganzes Jahr ausstellen, aber ich kann den Stempel nicht so ganz deuten und glaube, dass es doch nur für die nächsten 3 Monate gilt. Ein Freund von Hiram und sein Bruder haben mich vom Flughafen abgeholt und mich bei Maggy (auch eine Freundin von Hiram) abgeliefert, die mir auch morgens um 6 freudestrahlend die Tür geöffnet hat. Sie war während meiner Tage in Nairobi meine Gastgeberin und hat mir so viel geholfen..
… eine SIM-Karte zu organisieren. Das ist hier sehr wichtig, weil die meisten Menschen und Läden mit ihrem Handy M-Pesa nutzen, damit kann man fast überall bezahlen oder Geld verschicken. Bargeld und Kreditkarte sind hier unüblicher.
… einen Flug nach Lodwar zu buchen und zu schauen, dass ich immer sicher von A nach B komme
… über Uber Autos (die Taxi-App, die in Deutschland verboten ist ) zu bestellen und die mit M-Pesa zu zahlen
… Swahili in Englisch zu übersetzen
… mich ziemlich schnell sehr, sehr wohl in Nairobi zu fühlen. Wir hatten vor meiner Ankunft nur einmal gesykpt, um uns kennenzulernen. Ihre Gastfreundschaft war wirklich überwältigend und ich freu mich, sie hoffentlich in den nächsten Monaten noch ein paar Mal in Nairobi, Kakuma oder sonst irgendwo in Kenia zu treffen.
Wir sind mit einem Matatu Richtung Stadtzentrum gefahren, um zu einer großen Shopping-Mall zu gelangen. Matatus sind private Minibusse, die Platz für ungefähr 15 Leute haben. Ich habe ehrlich gesagt immer noch nicht ganz verstanden, wie ich verstehe, welches das richtige Matatu in meine Richtung ist und wo sie überall anhalten. Neben dem Fahrer gibt es meistens noch eine weitere Person, die das Geld einsammelt und sich nur am Türrahmen der offenen Schiebetür festhält. Klopfsignale auf den Autorahmen von den Passagier*innen signalisieren, dass man demnächst aussteigen will. Die Matatus die ich gesehen habe, waren voll mit Werbung für christliche Sänger*innen und mit Bibelsprüchen. Außerdem gab es einen Flachbildschirm, auf dem Musikvideos in ohrenbetäubender Lautstärke liefen. Für 50 Schilling, also ungefähr 40 ct sind wir eine halbe Stunde gefahren.
Nachdem wir in einer Bar Maggys Freundinnen getroffen haben, waren wir dann in einem riesigen Office-Gebäude im Theater, um uns die Manic Monologues anzuschauen: Mentale Gesundheit ist in Kenia laut der Regisseurin immer noch ein Tabu-Thema. Ich war sehr begeistert von der Power, die die vielen unabhängig voneinander stehenden Monologe auf die Bühne gebracht haben. Im Publikum saßen schick angezogene Menschen und ich hab mich etwas underdressed gefühlt. Uns allen wurde eine grüne Schleife angesteckt als Zeichen der Akzeptanz psychischer Gesundheit.
An meinem zweiten Tag in Nairobi stand ein Festival und ein damit verbundener Roadtrip an. Mit Maggy und anderen Freund*innen von Hiram sind wir nach Machakos gefahren, zu einem Amapiano-Event. Amapiano ist südafrikanische House-Musik. Wir hatten eine sehr gute Zeit da, es haben viele DJs aufgelegt und auch zu nigerianischen Afrobeats konnten wir tanzen. Zu Amapiano gehören auch Trillerpfeifen dazu, wann immer man wollte konnte man einfach ne Runde pfeifen. Viele der Tracks sind auf Swahili. Das ist das erste Lied, das ich shazamt habe: https://www.youtube.com/watch?v=gpz9IEZEgOs
Da gehts darum, was es für ein Glück ist, Freund*innen zu haben (und mit ihnen zu trinken.)
Einziges Manko an dem Event: Der Alkohol war leider echt sehr viel teurer als in Deutschland.
Alle 10 Minuten gefühlt hat eine*r aus der Gruppe gesagt: GOOD VIBES ONLY. Und so war es auch dem ganzen Tag bis ins Morgengrauen.
Der Sonntag begann mit einem langen Brunch in einem Hotel in Westlands (einer guten Gegend Nairobis), um den Geburtstag von einer Freundin von Maggy zu feiern. Noch übernächtigt und ohne Appetit saß ich da und habe dieses riesige Buffet traurig angeguckt, weil ich gerne alles probiert hätte, aber es nicht der Tag für übermäßiges Essen war. Der Abend wurde noch lang, da am Montag Feiertag war und niemand nach Hause wollte.
Montag – Huduma Day ist ein Feiertag, der community service zugeschrieben wird. Die meisten haben mir aber gesagt, dass eigentlich egal ist, was der Feiertag bedeutet, hauptsache frei. Ursprünglich hat der 2. Präsident Kenias den Feiertag eingeführt ihm zu Ehren. Nachdem der Feiertag vor ein paar Jahren abgeschafft wurde, hat die Konstitution das nicht zugelassen. Also kam der Feiertag mit einem neuen Sinn und Namen wieder. Wie viele andere habe ich den Tag genutzt, um ein bisschen in die Natur zu kommen. Mit Philip, einem deutschen Freund von Hiram, sind wir zum Nairobi National Park gefahren und haben die Safari Walking Tour gemacht, wo die Tiere wie in einem sehr schönen Zoo mit sehr großem naturbelassenem Auslauf gehalten werden. Meistens gab es von jedem Tier nur 1, so ne halbe Arche Noah. Wir haben am Ende noch Zeit mit den Affen verbracht, die alle Mülleimer komplett leergeräumt haben und unseren Bananen immer näher kamen. Den Abend haben wir auch in einer Bar ausklingen lassen. Ich habe noch verschiedene Kontakte zu Menschen in Kakuma bekommen. Insgesamt war jedes Event ein guter Moment zum Networken. Unterkünfte, Fahrer oder einfach nette Menschen in Kakuma zu haben macht den Abflug dorthin leichter.
Immer wieder habe ich gehört, dass ich es nicht lange in Kakuma aushalten werde. (Das ist der Ort, an dem ich meine Feldforschung durchführen möchte, aber davon werdet ihr die nächsten Monate noch genug hören.) Weil da nichts los ist, die Lebensbedingungen sehr hart sind, das Wetter zu heiß und ich Nairobi schrecklich vermissen werde. Maggy hat mich ungefähr 1000 Mal eingeladen, dass ich jederzeit zurück nach Nairobi kann und immer willkommen bin.
Am Dienstag habe ich beim Jesuit Refugee Service in Nairobi vorbeigeschaut. Mit der Organisation hatte ich die letzten Monate Kontakt, da sie auch in Kakuma arbeiten und ich gerne bei Ihnen ein Praktikum gemacht hätte. Ich habe noch hilfreiche Kontakte bekommen und es war nett, die Menschen hinter den Mails in echt kennenzulernen. Auch da hat mir eine Mitarbeiterin gesagt, dass das Leben und Arbeiten in Kakuma sehr kräftezehrend sei und die Wochenenden endlos lang sind, weil man nichts unternehmen kann. Ich habe schon ein bisschen Angst, dass ich mich zu sehr an das Großstadtleben Nairobis gewöhnt habe.
Noch ein paar Worte zu Nairobi. Ich hatte vor dem Abflug Angst, dass Nairobi ähnlich wie Abidjan (Elfenbeinküste) so eine Stadt ist, in der ich kein Auge zu bekommen kann, weil es zu warm, zu laut und zu moskitoreich ist. Ich bin ohne einen einzigen Mückenstich davon gekommen und abends musste ich mir einen Pulli anziehen. Das Wetter hat sich angefühlt wie die letzten warmen Sommertage in Deutschland, in denen die Nächte schon frisch werden. Also wirklich sehr sehr gut aushaltbar.
Ohne Konrad, über den ich Hiram kennengelernt habe, über den ich Maggy und all die anderen kennengelernt habe, wäre der Start in Kenia sehr anders und viel schwieriger geworden. Also 1000 Dank!
Und an euch Lesenden auch Danke! Ich freu mich sehr, wenn ihr meinen Blog lest. Wenn ihr findet, dass ich an Stellen Rassismus reproduziere oder unreflektiert über Menschen, Dinge… schreibe, sagt mir das bitte! Bei einigem, was ich erlebe, fällt es mir sehr schwer, nicht zu pauschalisieren und nicht meine Vorannahmen da drauf zu klatschen. Ich war mir schon lange nicht mehr meines weißseins so bewusst wie gerade. Aber das heißt ja nicht, dass ich immer weiß, richtig damit umzugehen.
Es wär cool, wenn ich auch was von eurem Leben mitbekomme. Ich hab hier in Kakuma quasi immer Internet und die Abende sind sehr lang, weil ich ab 18 Uhr nicht mehr draußen herumlaufe. Also ruft gerne an oder schreibt mir. Den Rest von meiner Reise in den Norden und der holprigen Ankunft hier in Kakuma beim nächsten Mal
Franzi
