Verloren in der Medina
Verloren in der Medina Die Medina von Fès hat über 9.500 Gassen, erklärt mir Joseph. GPS funktioniert hier nicht. Kein Wunder, dass ich mich verirre. Er bringt mich zurück zum...

Veröffentlicht: 21.10.2025















Méknes und Nationalpark Ifrane
Ich bin früh drin in der Medina von Méknes. Um zehn Uhr sind die meisten Türen der Läden noch verschlossen. Das erste Brot wird gebacken. Ich kaufe ein kleines Fladenbrot für fünf Cent – noch warm, köstlich. Die Menschen hier lassen es langsam angehen. Erst gegen Mittag füllt sich die Medina. Vor allem Frauen, die ihre Lebensmittel besorgen.
Eine zeigt auf ein Huhn, eines von vielen. Es lebt noch. Der Händler greift es am Hals, wiegt es ab. Ein lauter Aufschrei. Dann Schlachtbank, Plastiktüte, Alltag. Ich bin so erstarrt, dass ich kein Bild machen kann. Gehe stattdessen zum Gemüsestand, kaufe irgendetwas, mehr aus Bewegung als aus Appetit.
Ein alter Mann spricht mich an: „Kommen Sie aus Deutschland?“ Ja. „Ich habe in Stuttgart gearbeitet“, sagt er. „Ich bin Künstler, kommen Sie, ich zeige Ihnen meinen Laden.“ Er führt mich zu einer Schmiede und übergibt mich an seinen Sohn. Das übliche Verkaufsprogramm läuft an. Ich darf zusehen, wie er Schmuck schmiedet, bekomme Tee, und natürlich kaufe ich etwas. „Nur für die Hilfe, nur für die Hilfe“, sagt der alte Mann. Ich lächle und gehe. 70 Dirham, rund sieben Euro. Für mich nicht viel. Aber hier liegt die Durchschnittsrente bei 200 Euro im Monat. Zum Leben braucht man dreimal so viel. So falsch kann das also nicht sein. Für mein Gemüse zahle ich vier Euro – und kann zwei Tage davon essen.
Ich verlaufe mich diesmal nicht und fahre weiter. Suche Ruhe. Der Nationalpark Ifrane liegt vor mir. Es soll dort Affen geben. Und ja, es gibt Affen. Am Eingang Verkäufer mit Pferden, die Erdnüsse und Früchte für die Berberaffen anbieten. Die Tiere sind auf Menschen dressiert. Für Kinder ein Spaß – aber sinnvoll ist das nicht. Ohne Bedenken werden sie gefüttert, auch am Straßenrand, wo die Affen über die Fahrbahn laufen. Gefährlich. Daran denkt keiner.
Der Park selbst: Zedern- und Steineichenwälder. Wunderschön. Ruhig. Und schmutzig. Überall Müll. Feuerstellen, die noch glimmen, in den trockenen Wäldern. Ich begreife das kaum. Ich, aus dem sauberen Europa, mit den vielen Mülleimern, den Vorschriften, der Ordnung. Hier gibt es keine. Keinen Mülleimer. Von Mülltrennung ganz zu schweigen. Die Berberaffen springen zwischen den Bäumen, ziehen leere Colaflaschen aus dem Gebüsch, balancieren auf Ästen – so lebendig, so falsch in dieser Szenerie. Ein ambivalentes Bild. Wie so vieles hier.
