Erste Schritte
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Abseits ausgetretener Pfade im Ruby-Tal

Veröffentlicht: 28.12.2018

Nachdem wir den Buri-Gandaki-Fluss ein letztes Mal überquert hatten ging es für zehn Tage Richtung Osten. Ziel war Thulo Bharku, ein Dorf, in dem Matthias vor Jahren einige Wochen verbrachte. Dort würden wir bei derselben Gastfamilie unterkommen können. Doch bis dahin galt es einige Pässe zu überwinden und Täler zu durchqueren.

Immer ein Lächeln parat.

Tiefe Täler und steile Bergflanken prägen die Landschaft.

Wir waren nach wie vor mit unserem Guide Yo und unserem Träger Furba unterwegs. Auch die beiden waren zum ersten Mal im Ruby-Tal. Wir waren daher alle gespannt, was vor uns lag und wo wir jeweils übernachten konnten. Fest stand, dass der Ruby-Valley-Trek unter Wanderern nicht sehr bekannt ist und wir deshalb auch keine ausgebaute Lodge-Infrastruktur erwarteten, sondern uns auf sehr spartanische Unterkünfte einstellten. Ausgetreten sind die Pfade im Ruby-Tal dennoch, denn die lokale Bevölkerung, welche zu den Volksstämmen der Gurung und der Tamang gehört, nutzt sie, um von Dorf zu Dorf und den dazwischen liegenden Hochweiden zu kommen.

Es bewahrheitete sich, dass unsere Unterkünfte nicht viel mit den Lodges der vergangenen Wochen gemeinsam hatten. Teilweise waren es alt eingesessene Gasthäuser (wobei ihr bei dem Begriff nicht an den Hirschen oder Adler denken dürft), die zwei oder drei Zimmerchen vermieteten, teilweise auch halb fertige Unterkünfte in ihrer ersten Saison. Die Waschgelegenheit bestand aus einem zugigen Verschlag mit kalter Eimerdusche, auf die wir meist verzichteten. Ein frisches T-Shirt ist auch fast wie geduscht. Speisekarten gab es ebenfalls nicht. Es gibt Dal Bhat. Bei dem Nationalgericht handelt es sich um Reis mit Linsensoße und einem Gemüse-Kartoffel-Curry sowie sauer-scharf eingelegtem Gemüse. Da es in jeder Küche etwas anders zubereitet wird – auch abhängig von den verfügbaren Zutaten – ist es in der Regel recht abwechslungsreich und wir konnten es gut einige Tage in Folge essen. Nur mit dem nepalesischen Frühstück wurden wir nicht warm. Denn vor einer ersten Portion Dal Bhat am späten Vormittag frühstücken Nepalesen eigentlich nicht. In dieser Hinsicht wurden wir von Yo kulinarisch gerettet. Unsere Gastgeber öffneten ihm gerne ihre Küchen und erfüllten gemeinsam mit ihm unsere Frühstückswünsche. So genossen wir auch mal Reispudding oder Pfannkuchen anstatt der klassischerweise verfügbaren Instant-Noodle-Soup.

In jeder Unterkunft, in der wir übernachteten, waren wir die einzigen ausländischen Gäste und wir waren stets froh überhaupt ein Dach über dem Kopf zu bekommen. Auch wenn es sehr eng war, zog wie Hechtsuppe oder die Mäuse nachts um die Wette liefen. Bei den nächtlichen Temperaturen knapp über – in den hohen Lagen auch unter – dem Gefrierpunkt wussten wir eine schützende Unterkunft schnell zu schätzen. Nur einmal, bei der Überquerung eines Passes, gab es keine feste Unterkunft und unser Zelt musste zum Einsatz kommen. Wir konnten es in einem Bretterverschlag eines Hirtenlagers aufbauen. Es sollte nicht unsere kälteste Nacht sein und am nächsten Morgen konnten wir bei fantastischem Blick auf das Annapurna- sowie das Manaslu-Massiv Antonia zu ihrem ersten Geburtstag gratulieren. In der nächsten Ortschaft improvisierten wir aus einem Stapel Pfannkuchen und Schokokeksen einen Kuchen und Antonia bekam ihr erstes Geburtstagsständchen. Da dafür zehn bis fünfzehn interessierte Kinder vorbeikamen war es durchaus ein passabler Chor.

Mystische Landschaft nach einem anstrengenden Aufstieg.

Hauptsache passend eingepackt.

Unsere Unterkunft im Hirtenlager.

Auch am 1. Geburtstag gilt: das Wichtigste zu erst.

Happy Birthday!

Diese Wanderung mit einem einjährigen Kind zu unternehmen stellte uns vor besondere Herausforderungen. Wichtig war es, Antonia passend anzuziehen. Während wir ins Schwitzen kamen bewegte sie sich in ihrer Kraxe nicht und musste daher wesentlich wärmer eingepackt werden als wir. Weiter mussten wir sicher gehen, tagsüber für sie geeignetes Essen dabei zu haben. Denn gerade im Ruby-Tal war oft unklar, ob und was wir unterwegs zu Essen bekommen würden. Da sie recht unkompliziert ist was ihre Essenswünsche anbelangt, gelang uns das meistens. Grundvoraussetzung für eine solche Wanderung über zwei Monate war auch, dass sie sich in ihrer Kraxe wohlfühlte. Das tat sie. Gingen wir nach einer Pause weiter und sie wurde in ihrem First-Class-Mountain-Express auf Matthias Schultern gehoben, sprang ihr die Freude förmlich aus dem Gesicht. Oft schlief sie, genoss die vorbeiziehende Landschaft oder klaute Matthias' Mütze. Damit ihre Laune gut blieb, waren regelmäßige Pausen, in denen wir sie aus der Kraxe holten, wichtig. Anstrengend war, immer stehts zuerst sie zu versorgen. Kamen wir verschwitzt und müde in einer Unterkunft an, galt es zuerst Windeln zu wechseln oder ihr andere Kleidung anzuziehen. Ruhetage wurden immer zu Waschtagen und bestanden meistens nicht aus Füßehochlegen. Wie mit Kindern üblich, wurden wir für unsere Mühen natürlich außerordentlich belohnt.

Nach den buddhistischen Eindrücken, die wir im Tsum-Tal sammeln konnten, war es sehr interessant nun auch die christliche Seite Nepals kennenzulernen. Die Gurung sind in den letzten Jahren vermehrt zum christlichen Glauben gewechselt und es ist keine Seltenheit, dass es in einem Dorf zwei oder drei Kirchen gibt. Während des Gottesdiensts stehen oder sitzen die Menschen nach Geschlechtern getrennt in dem undekorierten, aber mit weichen Matten ausgelegten Saal. Bänke oder Stühle gibt es nicht und jeder zieht vor der Eingangstür die Schuhe aus. Zu Gitarre und Schlagzeug wird gesungen und dazwischen werden zum Nachdenken anregende Texte vorgelesen. Der Gottesdienst dauert mehrere Stunden und ist mehr ein Kommen und Gehen, beziehungsweise ein fröhliches Zusammentreffen vor der Kirche.

Gut besuchte Kirche zum Sonntagsgottesdienst.

Erst ein paar Stunden alt.

Weggefährten.

Nepal von seiner schönsten Seite.

Mehr braucht es nicht.

Die letzten Meter zum Pan Sang Pass (3.850 m).

Damit wäre es einfacher gegangen.

Letzter Blick auf das Manaslu-Massiv im Westen.


Das authentische Dorfleben dieser abgeschiedenen Region zu erleben, mit ihren offenherzigen Menschen, war für uns eine faszinierende Erfahrung. Dies sowie die phänomenalen Ausblicke, die wir von drei, bis 3.850 m hohen, Pässen bewundern konnten, war es, was wir in Nepal erleben wollten. Alle Anstrengungen und Entbehrungen haben dieses intensive Erlebnis nur verstärkt. Dennoch waren wir sehr froh, als wir nach knapp zwei Wochen wieder eine warme Dusche genießen konnten. Im Restaurant haben wir die halbe Karte bestellt. Was auch notwendig war, da die Portionen für unseren Wanderer-Hunger viel zu klein waren. Geschmacklich kam ebenfalls keines der Gerichte an Yo’s Brennesselsuppe heran.


Haferbrei, Ei, Kartoffeln oder Äpfel – für Antonia ließ sich immer etwas Schmackhaftes auftreiben.

Blick in Richtung Osten auf den Langtang Lirung (7.227 m) und die darauffolgenden Wochen. Die Berge links der Tanne liegen in Tibet.

Himalaya-Metropole Syabrubesi – zumindest kam es uns so vor.


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