Hobbilton oder "Gerade hasse ich die deutsch-französische Freundschaft!"
Du denkst, deine Probleme beginnen wenn deine Zimmergenossen des Nachts mit viel Taktgefühl und erstaunlichem Nasenflügelvolumen ein kleines Schnarchkonzert veranstalten....


Veröffentlicht: 21.11.2016



























Die Zimmertür öffnet sich, Stimmengewirr dringt zu uns hinein. Verschlafen blinzle ich gegen das Licht. Wie spät ist es? Das sind bestimmt die Anderen, die gerade den Film zu Ende geschaut haben und jetzt ins Bett gehen. Mann, können die nicht wenigstens versuchen ein BISSCHEN leiser zu sein, hier versuchen Leute zu schlafen...Jemand sagt etwas von „earthquake“. Plötzlich bin ich hellwach! „There has been an earthquake in Christchurch and now there is the warning of a tsunami“. Was? Das ist doch jetzt ein schlechter Scherz, oder? Um mich wird es unruhig, Leute klettern hektisch aus ihren Betten und klauben ihre Sachen zusammen. „Holy shit, stop packing!“ meldet sich die Hostelbesitzerin zu Wort, „Just grap your passport and GET OUT OF HERE!“. Ich bin umringt von besorgten Gesichtern, niemand weiß so richtig was zu tun ist (wie auch, die meisten hier kommen aus Europa und da gehören Erdbeben nicht gerade zur Tagesordnung). Bei einer Tsunamiwarnung soll man sich doch auf den höchsten Punkt begeben, war das nicht so? Bloß...“Excuse me, do you have a car? Can we drive with you?“
Na ja, wie ihr sehen (lesen) könnt haben wir den nichtvorhandenen Tsunami überlebt. Schließlich könnte ich (allen Gesetzen der Logik folgend) sonst nicht diesen Blogeintrag verfassen. Ich könnte auch nicht in einer gemütlichen Holzhütte am Waikato River (beziehungsweise dem dazugehörigen See) sitzen und dem abendlichen Vogelgezwitscher lauschen und das würde ich auf keinen Fall missen wollen. Wie gut also, dass ich den Nicht-Tsunami überlebt habe!
Wie ihr seht, waren die letzten Tage doch etwas ereignisreicher als geplant (schließlich sind wir doch nach Whitianga gekommen um mal so richtig zu entspannen). Aber wenn es eines gibt, was man beim Reisen nicht machen kann, dann ist es Planen. Das Reiseschicksal (oder so) ist dem Reisenden sowieso immer eine Nasenlänge (oder zwei) voraus. Ansonsten hat das mit dem Entspannen aber eigentlich ganz gut geklappt. Whitianga ist klein (es gibt noch nicht mal eine ANZ-Filiale, hallo???) und herrlich gelegen (Meer, Strand grüne Hügel – was will man mehr?). Das einzige, was den ein oder andere in Versuchung führen könnte, hier doch etwas zu unternehmen, ist der „Hot Water Beach“ (ein Strand, der durch heiße Quellen erhitzt wird und somit ein beliebtes Ziel für Touristen ist, die sich eine Loch buddeln und dann ein heißes Bad nehmen) und der „Cathedral Cove“ (gekürtze Fassung: ein Loch in einem Felsen). Beides liegt jedoch einige Kilometer entfernt und ist nur mit dem Auto zu erreichen. Aus Mangel an Mobilität beschlossen wir, wenigstens eine Attraktion wahrzunehmen, um überhaupt irgendwas gemacht zu haben (schließlich dürfen wir ja unsere Fans nicht enttäuschen). Und somit entschieden wir uns für den Cahtedral Cove. Also, was macht man, wenn man kein Auto hat und nicht 50$ für ein Busshuttle ausgeben will? Richtig, man hitchhiked (hitchhiking = trampen). Also nahmen wir die Fähre , die uns über die etwa 20 m breite Hafeneinfahrt brachte (ehrlich, das kleine Stück hätten wir auch schwimmen können). Auf der anderen Seite hielten wir dann ganz professionell unsere Daumen raus und ZACK gleich das erste Auto hielt neben uns an. Unsere Fahrer entpuppten sich als supernette Kiwis, die sogar einen kleinen Umweg auf sich nahmen und uns direkt vor die sprichwörtliche Haustür fuhren (ihr wisst schon, was ich meine). Es folgte ein etwa 1 ½ stündiger Wanderweg, der uns hoch hinaus trug und immer wieder tolle Aussichtspunkte auf das türkisfarbene Meer und die umliegende Felsenlandschaft darbot. Endlich angekommen, besichtigten wir die natürliche „Kathedrale“ und andere faszinierend geformte Steine (siehe Bilder).
Auch auf der Rückfahrt wurden wir von einem sehr lebensfrohen und liebenswürdigen älteren Pärchen mitgenommen. Sie Malerin, er Architekt und vermutlich der einzige Mensch in Neuseeland (und wie es bis jetzt aussieht auch Deutschland) der je in Weimar war! Wir schwatzten und lachten die ganze Fahrt über...Es ist schon toll, was man bei solchen Gelegenheiten alles so für Leute trifft. Letztendlich waren die Gespräche und Begegnungen das eigentliche Highlight unseres Ausfluges!
Aufgrund des (scheinbaren) Mangels an Sehenswürdigkeiten, bleiben die meisten Leute hier nur so ein zwei Tage (die ganz Verrückten vielleicht 3 Tage). Nicht so wir! Wir hatten das Hostel nämlich für sage und schreibe SECHS Nächte gebucht (Frau an der Rezeption: „Wollt ihr das WIRKLICH MACHEN?!?!?!). Also ich muss sagen, diese Entscheidung war goldrichtig! Das Hostel ist ein Komlex aus mehreren kleinen Häusern/Hütten im „Villa Kunterbunt“ Stil. Jede dieser Hütten beherbergt etwa 10 Leute, die sich Bad und Küche teilen. Anders als in den großen anonymen Hostels, hat man hier die Möglichkeit, die Leute mal wirklich kennen zu lernen und es nicht bei einem einfaren „Where are you from? etc etc“ zu belassen. Während unserer Zeit sahen wir die verschiedensten Leute kommen und gehen. Da wäre zum Beispiel die verpeilte Ex-Kunsthistorik-Studentin/Buddhistin aus Frankreich (die leider einen sehr komplizierten japanischen Namen hat, der mir entfallen ist), die gerade von einer Hippi-Woofing-Farm gekommen ist und nun schaut, wo es sie so hin verschlägt (sie hat auch sehr bereitwillig ihren Wein mit uns geteilt, was ihr auf jeden Fall noch einige zusätzliche Sympathiepunkte eingebracht hat). Zitat Richard: „Jetzt mag ich die deutsch-französische Freundschaft wieder“. Oder der Kanadier mit srilankischen Wurzeln (ebenfalls komplizierter Name), der nur für zwei Wochen Urlaub in Neuseeland macht und den wir überzeugen konnten, die „Hobbiton-Movie-Set-Tour“ in seinem vollgestopften Terminplan unterzubringen. Oder das walisische Pärchen, die kurzerhand ihre Jobs als Krankenpfleger quittiert haben und nun einfach mal was anderes machen wollen...
Nach und nach entwickelte sich so etwas wie ein geregelter Tagesablauf für uns. Morgens ein kleines Schwätzchen mit der Putzkolonne, mittags ein Spaziergang ins (hust) „Stadtzentrum“, an den Strand oder den Hafen, abends kochen und Gespräche. Man vergisst schnell, dass man neben dem ganzen „Work and Travel“ ja auch irgendwie „leben“ muss. Deshalb sind solche längeren Verschaufpausen einfach wichtig. Nach einem kleinen Abstecher nach Hamilton, wo wir ganz fleißig unsere CVs verteilt haben und nebenbei auch einen supercoolen Brettspieleladen entdeckt haben, sind wir nun bei Ann und Mike, um ihnen im Garten ein bisschen zur Hand zu gehen. Die beiden sind total „busy“, haben ein eigenes B&B auf die Beine gestellt, vermieten außerdem Kayaks und Fahrräder, bieten Kayaktouren zu Glühwürmchenplätzen an, haben zusätzlich noch einen Shuttleservice und finden nebenbei noch die Zeit , etwas im Garten zu machen und sämtliche B&B- und Wwoofinggäste eigenständig zu bewirten. Uff...
Die Lage des Anwesens lässt sich mit drei Silben beschreiben: TRAUM-HAFT SCHÖN! Direkt am See und mit ganz viel grün drum rum.
Vorhin kam Ann zu uns runter und hat uns ein Tablett beladen mit „Beef-Pie“ und anderen Leckereien gebracht begleitet von den Worten „If you are still hungry later I will bring you some chotlate cake“. Ehrlich gesagt habe ich mich in diesem Moment wohl wie Harry gefühlt, als er zum ersten Mal die reich gedeckte Tafel von Hogwarts gesehen hat. Jetzt hingegen fühle ich mich eher wie Benno Breitkopp, nachdem er den hausgroßen Schokokuchen verdrückt hat (Mama, weiß wen ich meine). Nun ja, es ist spät und ich sollte langsam mal die Finger von der Tastatur lassen (laut „Word“ habe ich bereits 1160 Wörter geschrieben).
Ein Zitat zum Abschluss:
Maggi: „Was wenn sie die Hexe von Hensel und Gretel ist und uns nur mästen will um uns dann später zu essen?“
Richard mit vollem Mund: „Könnt ich mit leben.“
Cheers,
Richi und Maggi, 20. November 2016, 21:45 Uhr
