Don Curry strandet in Istanbul
Tag 0 - Istanbul


Veröffentlicht: 13.06.2023
Don Curry hält nichts davon, sich langsam und schrittweise einem neuen Land, einer neuen Stadt zu nähern. Er stürzt sich lieber mitten hinein. So hatte er auch nach der vermeintlich kurzen Nacht in seinem Hotelzimmer in Tbilisi ein volles Tagesprogramm aufgestellt, dass ihn nach dem Hotelfrühstück bis zum Abend beschäftigen würde. Jetlag und Klimaanpassungsschwierigkeiten sollten erst gar keinen Raum bekommen. Dafür war die angedachte Zeit von zwei vollen Tagen für Georgiens Hauptstadt viel zu begrenzt, um sie spärlich zu nutzen.
Sein gestriges Stranden auf dem Istanbuler Flughafen verschärfte diese Situation noch weiter. Doch der heutige Tag zeigte sich wesentlich versöhnlicher. Müde und erschöpft wartete Don Curry zunächst, bis um 5:10 das Abfluggate seines neuen Tbilisi-Flugs angezeigt wurde. Das Gate lag direkt bei seiner Liege-Oase mit den künstlichen Bäumen. So konnte er zunächst noch etwas dösen und weiter Kraft tanken, um sich dann zum Gate zu bewegen. Der Flug startete tatsächlich pünktlich - ein weiterer positiver Lichtblick, und trotz der kurzen Flugzeit von gut 2 Stunden, wurde sogar noch ein Frühstück serviert.
Sobald Don Curry sein Gepäck eingesammelt und den internen Flughafenbereich verlassen hatte, stand ihm direkt gegenüber ein Mann, der ein Schild mit seinem Namen in den Händen hielt. Auch der Hoteltransfer funktionierte also einwandfrei. Sein Abholer, der gut Englisch sprach, blieb aber nur ein paar Minuten bei Don Curry. Er bugsierte ihn in ein von ihm bestelltes Taxi, bezahlte den Fahrer und hatte seinen Dienst erledigt. Der Fahrer sprach und verstand nur Georgisch, so dass sich Don Curry ganz auf die Umgebung und die Verkehrssituationen konzentrieren konnte, auch wenn "konzentrieren" nach so langer Schlaflosigkeit nicht besonders leicht fiel.
Die Strecke in die Hauptstadt war relativ kurz, der Flughafen liegt direkt am Rand Tbilisis. Don Curry erkannte schnell, dass hier durchaus südländisch gefahren wurde: temperamentvoll, leicht aggressiv und mit häufigem Gebrauch der Hupe. An indische Verhältnisse kam das ganze längst nicht heran, aber Marokko oder gar Albanien konnten durchaus eine ähnliche Verkehrskultur ihr eigen nennen. Sogar einen Auffahrunfall mit vier Beteiligten sah Don Curry bereits in der erste Stunde in Georgien, dazu unverhältnismäßig viele Polizeiautos, die mit blinkendem Blaulicht gut verteilt am Straßenrand standen, vermutlich um das Ausbrechen des reinen Chaos auf den Straßen zu verhindern. Don Curry beobachtete außerdem, dass man in Georgien ausgesprochen kreativ fahren kann. Als der Taxifahrer versehentlich das rechtzeitige Abbiegen zum Hotel verpasste, fuhr er einfach die 50 m rückwärts durch die Einbahnstraße, bis die Abzweigung zum Hotel erreicht war.
Nun wurde schnell das Gepäck ausgeladen, ein Bediensteter des Hotels stand schon bereit. Wie immer liebt Don Curry Hotels mit einem schönen Ausblick, und wie immer bedeutet das, dass diese Häuser oberhalb von anderen Häusern liegen, manchmal sogar oberhalb von fast allen anderen Häusern. Dementsprechend musste nun der Page Don Currys Gepäck etliche Stufen emposchleppen, bis endlich das Hotelgebäude direkt neben der Betlehemkirche erreicht war. Auch im Hotel mussten zunächst noch Stufen bewältigt werden, doch dann war Don Curry endlich am Ziel: er war angekommen im ersten Hotel dieser Reise. Und er hatte sich etwas Besonderes für dieses Anfang herausgesucht. Ein kleines, feines Hotel mit wenigen Zimmern, gelegen in einem mittelalterlichen Residenzgebäude. Am meisten aber faszinierte Don Curry, dass jedes Zimmer einem jeweiligen Thema entsprechend eingerichtet ist. Keines gleicht einem anderen. Don Currys Zimmer heißt "Vienna" und ist ganz im Wiener Jugendstil um das Jahr 1900 eingerichtet. Entsprechende Möbel, Lampen, Teppiche und viele großformatige Kunstwerke bereichern den Raum. Für einen ganz besonderen Effekt sorgt zusätzlich, dass die oberen zwei Meter der Zimmerwände komplett verspiegelt sind; so wirkt das Zimmer in alle Richtungen fast unendlich groß. Hier konnte es Don Curry aushalten. Und er bedauerte sehr, dass Turkish Airlines ihn einer (wenn auch kurzen) Nacht in diesem herrlichen Ambiente beraubt hatte.
Gegen 11:00 Uhr hatte er sein Hotel erreicht, testete kurz das Bett für etwas Nachholschlaf und startete frisch geduscht und leicht erholt gegen 13:00 Uhr das eigentlich geplante Ganztagesprogramm. Beginnen wollte er mit einem Mittagessen in dem renommierten Cafe Littera, einem der ganz wenigen Restaurants Georgiens mit Michelin-Empfehlung. Leider war es überraschend geschlossen, also ließ sich Don Curry einfach in die nahegelegene Altstadt treiben, wo er bald in eine Art "Fressgasse" geriet. Auf rund 100 m Länge hatten sich Dutzende Straßenrestaurants eine Altstadtgasse erobert, so dass mittig zwischen den abgetrennten Restaurantbereichen nur noch 1 m Breite für die passierenden Fußgänger blieb. Engagiert versuchten Mitarbeiter sämtlicher Restaurants die Passanten in ihre Gefilde zu komplimentieren. Doch das erschien Don Curry allzu touristisch. Er bog in die nächste Seitenstraße ab und stand plötzlich vor der hypermodernen Friedensbrücke über den Fluss Kura. Direkt an der Brücke lockte das Restaurant "Narikala" mit einem schattigen Außenbereich. Bei inzwischen über 30° C und brennender Sonne brauchte Don Curry so eine wohltuende Oase, bestellte sich ein georgisches Natakhtari-Bier vom Fass, eine Flasche Wasser und dazu zwei Klassiker der georgischen Küche: Pkhali und Khinkali. Erstere sind eine kalte Vorspeise aus verschiedenen Gemüsearten, die fein zerkleinert, gut gewürzt und zusammen mit reichlich Granatapfelkernen kunstvoll angerichtet werden; letztere stellen mundgroße Nudeln in Säckchenform dar, die es mit verschieden Füllungen gibt. Don Curry hatte sich für die Pilzvariante entschieden und genoss diese überaus würzige, saftige Füllung. Später entdeckte er, dass dieses Restaurant erschreckend schlecht bewertet war, doch Don Curry konnte weder über den Service noch über die Qualität der Speisen irgendetwas Negatives äußern. Er zeigte sich sehr zufrieden über sein erstes georgisches Mahl, das ihn insgesamt 18 € kostete.
Üppig gestärkt setzte er seinen Weg durch die Altstadt fort, bewunderte die mittelalterliche Zionskirche, stieg zur einzigen aktiven Moschee Georgiens auf, durchstreifte das pittoreske Gebiet der Schwefelbäder, das allerdings vielfach zur Baustelle geworden war, überquerte dann die Kura, um abermals aufzusteigen zur Metechikirche auf einem Felsen über dem Fluss. Anschließend nutzte er die Seilbahn hinauf zur mächtigen Narikala-Festung hoch über Tblisi, benannt nach seinem Mittagsrestaurant (oder umgekehrt). Weite Panoramablicke belohnten Don Curry und die zahlreichen anderen Touristen, die sich hier oben eingefunden hatten. Auf gleicher Höhe spazierte Don Curry weiter zur Mutter Georgiens, einer riesigen Metallstatue, wie sie über vielen Hauptstädten der ehemaligen Sowjetunion aufragt. Von hier aus führten zahlreiche steile Treppenstufen hinab zur oberen Betlehemkirche und dann direkt zur unteren Betlehemkirchen neben seinem Hotel. Kurz nach seiner Rückkehr setzte strömender Regen ein, während Don Curry erstmals wirklich sein wunderbares Zimmer genießen konnte.
Nach einem weiteren kurzen Erholungsdösen machte er sich gegen 20:00 Uhr nochmals auf den Weg zum Cafe Littera, um sich dort ein ausgezeichnetes Abendessen zu gönnen. Diesmal war es tatsächlich geöffnet, doch aufgrund einer literarischen Veranstaltung gab es keinen Restaurantbetrieb; auf die möglicherweise kulturell wertvolle Lesung eines georgischen Schriftstellers konnte Don Curry problemlos verzichten. Auf seinem weiteren Weg Richtung Altstadt geriet er plötzlich in die Filmaufnahmen eines Kamerateams. Er hörte gerade das Wort "Action", sah dann neben sich die Kameras und versuchte schnell und unauffällig aus der aufgenommenen Szenerie zu kommen. Ob Don Curry nun möglicherweise seinen großen Auftritt als "Passant" in einer georgischen Dokumentation oder Soap Opera hat, wird er vermutlich nie erfahren.
Ihn zog es währenddessen in das laut Tripadviser derzeit angesagteste Restaurant von Tbilisi: das Rum Roof Kitchen auf dem Dach des Ibis Hotels. Ihn erwartete dort eine komplett durchgestylte, überaus hip-jugendliche Lokalität, in der er sich fast ein wenig zu alt vorkam. Herzstück des Restaurants bildet ein VW-Bus der ersten Generation, den man komplett zu einer originellen tropisch-bunten Bar umgebaut hatte. Dementsprechend spezialisierte sich das Lokal auf tropische Cocktails und dazu passende, recht ungeorgische Gerichte. Don Curry wählte einen Barbados Burger, eine hausgemachte Lychee-Limonade und etwas Wasser, um sich eine gute Grundlage für den abschließenden Riesencocktail "Alo Cubano" zu schaffen. Als während des genussvollen Schlürfens das Regendach des Restaurants eingefahren wurde und Don Curry direkt unter dem georgischen Himmel saß, konnte er sich wirklich wie in einer tropischen Karibiknacht fühlen.
Beschwingt eilte er zurück zu seinem Hotel, ächzte abermals die zahlreichen Stufen empor und freute sich: Don Curry war angekommen. Nicht nur in Georgien, in Tbilisi, sondern auch im langersehnten Gefühl von Urlaub und Entspannung. Wer erinnert sich noch an die letzte Nacht im Flughafen Istanbul? Don Curry kamen eher Gedanken an all das, was er morgen erleben und bestaunen würde. Die Reise hatte nun wirklich begonnen...
