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Zuletzt in Schweiz

Schlafen im Stroh

Veröffentlicht: 16.09.2026

Fähre
Brunnen → Treib
Schweiz
Spaziergang
Ingenbohl → … → Oberdorf
31 km · Via Jacobi
Unterkunft
1 Nacht · Glamping · Oberdorf
Sehenswert
Via Jacobi
Schweiz, Schweiz

Tag 10: Via Jacobi 3.September 2026 Ingenbohl (SZ) – Oberdorf (NW)

Gestern legte ich mich früh ins Bett, denn ich wollte im Morgengrauen aus den Federn. Ausserdem gab es Frühstück nur von 7 bis 8 Uhr. «Um 8 Uhr möchte man gerne abräumen!» wurde mir mitgeteilt. Bei den Frauen geht es für Gäste im Kloster Ingenbohl strenger zu und her als bei den Männern in Einsiedeln. Und überhaupt fühle ich es hier nicht, obwohl die Frauen freundlich sind. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass ich miserabel geschlafen hatte. Die Pilgerunterkunft beherbergt auch Feriengäste, und zwei davon schrien ihre Gespräche förmlich durchs Gemäuer bis spät in die Nacht, so dass ich jedes Wort mithören konnte. Gar nicht «Kloster-like!» Als ich endlich eingeschlafen war, knallte die Türe um ca. 24.00Uhr auf, eine Frau knipste das Licht des Schlafsaals ganz selbstverständlich an und begann ihren Kram auszupacken und ihr Bett zu richten. Dabei fragte sie mich, wann man denn morgen draussen sein müsste und bis wann es Frühstück gäbe, sie glaube sie schaffe es am Morgen nicht früh raus. Ich brummte ihr ein «Keine Ahnung!» entgegen. Ich kriegte es aus dem Tiefschlaf einfach nicht zusammen. «Ist ja auch egal, weil schnabbel, sabbel, babbel…» Ich regte mich ob ihrer Dreistigkeit dermassen auf, dass ich in dieser Nacht kaum mehr in den Schlaf fand. So stand ich um 6.00Uhr auf und sass um 7.00Uhr pünktlich beim Frühstück, wo ich Gerhard aus Augsburg traf. Er sei mit Zelt unterwegs, habe es auch schon einige Male benutzt und mache den Weg eventuell in einem Wisch, wobei Frankreich halt schon ein riesiges Land sei, erzählte er mir am Frühstückstisch. Er mache halt öfters verrückte Sachen. Cooler Typ, und richtig auf Zack! Im Brotkörbchen lagen noch einige Stücklein Brot und ich fragte ihn, ob wir damit «Eingeklemmte» machen sollen. Er zeigte auf ein Schild, auf dem stand, dass man Reste nicht einpacken darf. Oha, als Diebin will ich im Kloster nun wirklich nicht in Erinnerung bleiben und bedauere das Brot, welches vielleicht weggeworfen wird, denn wir sind heute die einzigen Pilger in diesem Haus.

Beide wollen wir in Brunnen auf die erste Fähre. Auf dem Vierwaldstättersee nutzten Pilger die historische Fährverbindung seit Jahrhunderten, um nach Treib überzusetzen. Der Weg nach Brunnen dauerte bei zügigem Gehen 20 Minuten. Ich erinnere mich an Gerhards Worte: «Am Morgen ist es am schönsten, wenn der Tag erwacht.» und irgendwie hat er recht. Auf der Fähre treffe ich ihn wieder und wundere mich, warum er nicht mit mir ganz nach oben aufs Deck kommt. Wie die Queen sitze ich ganz allein oben im Fahrtwind und geniesse das wunderschöne Panorama und lasse mich chauffieren. In Treib angekommen meinte Gerhard «Du hast in der 1.Klasse gesessen!» Herrje schon wieder bevorteilte ich mich aus Versehen! Aber nochmal umdrehen und nachzahlen war mir dann auch zu mühsam. In meiner Erinnerung wird Gerhard immer der sein, der aufpasst, dass ich nicht im Knast lande 😉!

Beim Ausstieg lernte ich eine weitere Pilgerin kennen. Cornelia, Gerhard kannte sie schon, er hatte sie irgendwo am Bodensee an ihrem ersten Pilgertag getroffen, als ein liegender Baumstamm ihr den Weg versperrte. In unserer Fantasie hob Gerhard den Baumstamm einarmig hoch, so dass Prinzesschen Cornelia elfengleich weitergehen konnte. Wir müssen alle lachen. Schnell merken wir, dass unser aller Tempo beim Wandern unterschiedlich ist. Beim Berg hochwandern ziehe ich eine Weile mit Gerhard mit. Aber irgendwann trennen sich auch unsere Wege. 40km macht der Kerl ungefähr an einem Tag. Ich definitiv nicht! Wahrscheinlich werde ich die Rakete nie mehr wiedersehen. Bei einer Rast holt mich Cornelia ein und wir wandern längere Zeit gemeinsam diesen traumhaften Weg im Felsen und oben auf dem Kamm. Irgendwann zieht auch sie von Dannen. Bevor es abwärts wieder richtig steil bergab geht, komme ich an Emmetten vorbei und erinnere mich an glückliche Kindertage, dort verbrachte ich verschiedene Ferienlager. Beim Durchwandern hatte es aber etwas den Zauber verloren, es war weit unspektakulärer als in meiner Erinnerung. Irgendwann wunderte ich mich, warum ich Cornelia nicht mehr einholte, bis ich merkte, dass ich mich gehörig verlaufen hatte. Und zwar ausgerechnet auf einem gemütlichen, leicht bergab gehenden Teil kam ich in den Flow und hatte den Abzweiger verpasst. So musste ich einen grossen, mühsamen Umweg gehen. Nach der grossen Extraschlaufe setzte ich mich etwas müde in ein Seebistro und ass einen Toast zu Mittag. Ausserdem habe ich das alkoholfreie Bier für mich entdeckt. Ich bilde mir ein, die Elektrolyte gäben mir neuen Schub für die Weiterreise. In dieser Pause versuchte ich eine Übernachtungsmöglichkeit für mich zu finden, was sich als schwierig herausstellte. Nach dem 9.Telefonat klappte es schliesslich und ich fand ein Bauernhof, bei dem ich im Stroh nächtigen durfte. Ich war erleichtert, aber auch verwirrt. Wir sind doch in der Schweiz und nicht auf den letzten 100km vor Santiago de Compostela. Ich glaube hier wird eben vieles nicht nur explizit an Pilger vergeben, sondern auch an Schulklassen oder Wandertouristen.

Richtung Buochs zog sich der Weg dann unbarmherzig in der prallen Nachmittagsonne entlang der Hauptstrasse weiter. Vor einem Haus setzte ich mich kurz im Schatten auf eine Treppe, um in die Sandalen zu wechseln. Eine über 90-jährige Dame stieg aus dem Haus und wir kamen ins Plaudern. Vor über 60 Jahren hätte sie den Jakobsweg in Spanien gemacht. Damals ging die ganze Kirchgemeinde mit, es sei ein Erlebnis gewesen, das sie nie vergessen werde. Ich bin beeindruckt und stelle mir vor, wie sie ohne schnelltrocknende Funktionswäsche und im langen Rock, einschneidendem Rucksack und schweren Wanderschuhen bei Wind und Wetter unterwegs war. Spannend wie sie lebhaft erzählt, als wäre es gestern gewesen!

In Buochs weiss ich nicht wohin mit meiner Hitze, kaufe mir ein kaltes Getränk und setze mich kurz in ein halbwegs kühles Treppenhaus neben dem Laden, um meine Route zu checken. Ich setzte meinen Rucksack völlig verschwitzt und mit hochrotem Kopf ab und sass vielleicht eine halbe Minute da, als eine jüngere Frau kam und meinte, ich solle doch bitte gehen, es würde sonst Reklamationen geben. Es war aber kein Mensch weit und breit zu sehen! Ich fragte warum, worauf sie mit: «gehen sie jetzt bitte einfach!» antwortete! Ich sagte, ich sei in 2 Minuten weg, ich sei Wanderin und wolle nur kurz meine Route checken. Wie widerlich kann man sein, einen Menschen nicht kurz rasten zu lassen, wo kaum eine Menschenseele vorbeikommt. Erst im Nachhinein wurde mir klar, sie dachte ich sei eine Obdachlose! Durch die lange Wanderung ungepflegt wirkend, verschwitzt und heruntergekommen, mit meinem Zuhause auf dem Rücken wirkte ich wohl nach jemandem, der nicht wusste, wo er sich diese Nacht hinlegen konnte. Manchmal macht mich die Kälte der Menschen traurig. Zum Glück gibt es auch viele andere. Der Weg nach Oberdorf wurde noch einmal zäh, aber als ich auf dem Bauernhof ankam, drückte mir eines der Bauernhofmädchen bei der Begrüssung gleich eine Glace in die Hand. Ich war im Himmel angelangt. Mein Strohbett lag direkt über dem Kuhstall. Eine Kuh war an diesem Abend in Partystimmung und wollte wohl einfach nicht schlafen gehen. Irgendwann klappte es dann auch bei ihr und ich fiel endlich in einen komatösen Schlaf… bis der Hahn sich ab halb 5 Uhr die Seele aus dem Hals krähte! «Wurgeli am Gurgeli!», würde ein guter Freund von mir empfehlen und ich lachte verzweifelt in mein Strohbett. Ein herrlicher neuer Tag beginnt!

Erkenntnis des Tages:

Erstaunlich was man aus seinem Körper rauspressen kann, wenn es sein muss!

Manchmal sehe ich aus wie eine «Obdachlose»

Definitiv gelaufene Distanz ohne Fähre: 31km, 40146 Schritte, 582 HM hoch, 563 HM runter.


Auf einen Blick

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Dauer
1 Tag
Wetter
Sommer
Begleitung
Mit Freunden
AbenteuerlichAbseits der Pfade
  • Fähre über den Vierwaldstättersee von Brunnen nach Treib
  • Übernachtung im Stroh auf einem Bauernhof
  • Wanderung auf dem Via Jacobi
RucksackSandalenZelt
TransitNaturAbenteuerRoadtrip
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