Marrakesch (1)
Salam Aleikum zu meinem Reisetagebuch. Ziel dieses Jahr, Marokko. Die Reise startet in Marrakesch und endet in Tangier, dazwischen liegen 21 unbekannte Tage. Los geht es diesmal...

Veröffentlicht: 25.10.2026
Am Nachmittag geht es mit dem normalen Bus, sehr günstig, nach Amizmiz. Beim Einsteigen herrscht starkes Gedränge, egal ob Mann oder Frau. Der Bus ist voll, viel Körperkontakt. Das war eine sehr anstrengende Fahrt. Wie ich an der Bushaltestelle feststellen musste, ist der Toilettengang hier auch anders: Loch im Boden. Wenn man Glück hat, gibt es eine Popodusche, ich hatte kein Glück. Amizmiz ist eine Berberstadt, rund 1,5 Stunden von Marrakesch entfernt. Ich will Youness treffen. Ein Freund von ihm holt mich mit dem Motorrad ab und fährt mich in Youness Dorf. Weder Motorrad noch Straße waren angenehm.
Das Dorf ist klein, rund 80 Familien. Die Häuser sind fast alle neu, da 2023 ein Erdbeben sehr viele Häuser zerstört hat und der Staat beim Aufbau kräftig hilft. Es fehlt an nichts: Strom, warmes Wasser, Ofen, Waschmaschine, alles da. Er lebt mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter, die sehr aktiv ist und mich gerne in Beschlag nimmt. Seine Mutter wohnt wohl ab und an auch bei ihnen. Wir besuchen kurz seinen Vater, der in einem sehr einfachen Haus wohnt. Wir essen zusammen und trinken Tee und am Abend gehen wir in den einzigen Laden im Dorf. Ein sehr kleiner Raum, in dem es Getränke und Snacks gibt. Im Hinterzimmer treffen sich die Männer aus dem Dorf, spielen Karten und trinken Tee und heiße Milch. Gespielt wird eine Art Rommé, ich darf gleich mitspielen. Manchmal habe ich Kartenglück, aber am Ende verliere ich natürlich. Alles sehr freundliche und lustige Menschen. Viele rauchen Haschisch nebenbei.
An jedem Morgen bäckt Youness Frau frische Fladenbrote für den Tag. Sie erzählt wenig und meint, ihr Alltag sei nicht sehr abwechslungsreich. Gelegentlich gibt sie Kochkurse für Touristen. Youness und ich starten zu einer kleinen Wanderung. Er erzählt von seinem Beruf als Touristenführer, wie er Touristen zum höchsten Berg Nordafrikas führt und wie die Saison so läuft. Für mich ist die Landschaft sehr karg, er meint, im Frühjahr sei alles grün und blüht und man baut hier Weizen an. Er zeigt mir Bilder und Videos, alles voller Blumen. Und Bilder aus dem Winter mit sehr viel Schnee. Es gibt auch Skigebiete hier. Wäre ich drei Monate später nach Marokko ins Atlasgebirge gefahren, hätte ich all die Pracht sehen können.
In Amizmiz gibt es dann Mittag. Das ist ein bisschen anders, als man es kennt. Auf dem Markt kaufen wir alle Zutaten und geben es bei einem Imbiss ab. Die bereiten das gegen eine kleine Gebühr zu. Es gibt verschiedene Kebabspieße mit gegrilltem Gemüse. Nach dem Freitagsgebet füllt sich der Ort sehr schnell mit Männern, die wie wir auf ihr Essen warten. Wieder sehr lecker. Danach werden noch ein paar Dinge erledigt, Medikamente gekauft und wir besuchen einen Secondhand-Markt. Alle möglichen gebrauchten Waren aus Spanien werden angeboten. Schuhe, Kleidung, Radios, Fahrräder und Kühlschränke. Zum Schluss kaufe ich noch Obst für alle und wir machen uns auf den Rückweg am Fluss entlang.
Youness ist keiner, der sehr viel von sich aus redet, aber wir sind während der Wanderung warm miteinander geworden und er erzählt immer mehr aus seinem Alltag. Auf dem Rückweg besuchen wir noch einen Cousin von ihm in einer anderen kleinen Siedlung. Es gibt sehr süßen und leckeren Kuchen und Tee. Auch der Cousin ist Bergsteiger und spricht mehrere Sprachen. Das Talent haben viele hier. Berber und Arabisch sprechen alle, dazu kommen Französisch, Englisch und Spanisch. Als wir den Kuchen genießen, fängt es an zu regnen, darauf war ich nicht vorbereitet. Alles nass, aber warum aufregen? Es wird noch den ganzen Abend regnen und man kann dann in dem Dorf nichts machen. Wir sitzen in Youness Haus. Das Leben ist recht unkompliziert. Gibt es keine Aufträge von Touristen, gibt es nicht viel zu tun und die Zeit vergeht so. Viel Geld braucht es nicht. Nur gibt es keine Absicherung gegen Unvorhergesehenes. Eine Krankheit oder ein Unfall verursachen schwere Probleme. War schon interessant, die anderen, nicht eurozentristischen Sichtweisen zu erfahren. Stolz sind sie auf ihre Kultur und was diese hervorgebracht hat.
Es ist Samstag und Youness bringt mich nach dem Frühstück mit dem Motorrad zurück nach Amizmiz. Die Busfahrt zurück ist viel angenehmer. Ich checke im neuen Hostel ein und besuche danach die Medersa Ben Youssef. Eine alte Koranschule und Bildungseinrichtung. Sehr aufwendige Dekorationen und die Zimmer der Schüler sind sehr schlicht und klein. Man soll sich auch auf das Lernen konzentrieren. Danach schaue ich mir noch den Gewürzmarkt an. Die ganzen kleinen Händler mit den immer gleichen Waren werden schnell langweilig. Aber freundlich sind sie immer. Eine Händlerin möchte mir verschiedene Sachen zeigen. Sie hat ihre Freude daran, mich an Eukalyptuskonzentrat riechen zu lassen. Sehr, sehr scharf in der Nase. Es gibt einen größeren Platz, den Jemaa El Fna Platz, auf dem an jedem Abend hunderte Imbisse ihre Stände öffnen und man allerlei Sachen kaufen kann. Beliebt sind Granatapfelsäfte, wirklich gut. Aber auch einige Musiker, Tänzer, Henna Tattoo Frauen und Menschen, die dressierte Affen und Schlangen zeigen, gibt es auf dem Platz. Muss man nicht alles mögen. Ich muss langsam die weitere Reise planen. Ich werde wohl Casablanca auslassen, die Zeit reicht einfach nicht.
