Manchmal vergisst man Dinge. Ich vergesse zum Beispiel häufig meinen Schulschlüssel zu Hause und Felix lacht mich dann aus, wenn ich wieder klopfe. Selten vergesse ich Termine, aber auf das kommt vor. Was ich in der Zeit in
Australien aber tatsächlich vergessen habe, obwohl ich es sogar ab und an gesagt habe ist: Eigentlich wollte ich ja ursprünglich nach Neuseeland. Und eigentlich war es das, was mich so nervös gemacht hat. Als ich also nach einer knappen "Entspannungswoche" in Byron Bay, einer Busfahrt, einer Übernachtung in Brisbane und einem halben Tag am Flughafen leichtfertig in meinen Flieger nach Auckland steige, ahne ich noch nicht, was die Aussage des Piloten, dass wir in wenigen Minuten zur Landung ansetzen, mit mir macht. Plötzlich bin ich so nervös, so klein, so allein, wie ich mich noch zu keinem Reisezeitpunkt gefühlt habe. Und als ich Land unter mir sehe, wir immer tiefer fliegen und schließlich am Boden aufsetzen, heule ich mir vor Angst und Freude und Stolz fast die Augen aus dem Kopf. Die Menschen um mich denken wahrscheinlich/hoffentlich, dass ich einfach Flugangst habe. Für die Einreise nach
Neuseeland muss man allerhand deklarieren und verschiedene Sicherheitskontrollen passieren. Für einen kurzen Moment habe ich Sorge, dass mein Traum doch noch platzt, als mich der Spürhund nicht mehr loslassen will (leider nicht um zu kuscheln, er ist damn cute) und mein Rucksack intensivst gefilzt wird. Sie suchen übrigens nicht nach Drogen, sondern (für Neuseeland schlimmer) nach Obst und langsam bekomme ich Angst, dass ich doch einen Apfel in meiner Tasche vergessen habe. Habe ich aber nicht und so darf ich doch einreisen, zusammen mit meinem Schäfchen fahre ich mit dem Bus vom Flughafen in die Stadt und muss zum Glück nur zweimal umfallen, bis ich in meinem Hotel bin und schon so kurz nach der Ankunft die netteste Unterhaltung mit dem Rezeptionisten habe. Er gibt mir Tipps für das Northland und bringt mir bei, wie ich "Kia Ora" richtig aussprechen muss.
Am nächsten Tag habe ich nochmal 5 Stunden Busfahrt vor mir, bis ich endlich ankomme an meinem ersten richtigen Ziel in Neuseeland, das nicht nur kurzer Stopover ist: Kerikeri! Meine kurzfristige auf Booking gefundene Unterkunft stellt sich als Kleinod mitten in der Natur heraus. Endlich finde ich auch jemanden zum Kuscheln: Jon, der schwarze Hauskater weicht mir nach 30 Minuten auf meinem Schoß nicht mehr von der Seite. Nach so langen Herumsitzen bin ich aber doch froh, mich wieder bewegen zu können und so laufe ich am Nachmittag in etwa fünf Stunden alle Wasserfälle der Umgebung ab und bewundere die Natur. Der bekannteste Wasserfall sind die "Rainbow Falls" und als ich auf der Aussichtsplattform stehe und nach unten in die bunten Farben des Namengebers blicke, fällt mir das Lied "Rainbow Connections" von Garfunkel and Oats wieder ein. Songtexte vergesse ich nämlich fast nie, dafür würde ich gerne vergessen, was mir mein Nachrichtenpodcast über die Politik zu Hause und Abstimmungsergebnisse verkündet. Und habe plötzlich nicht mehr vor dem Reisen Angst, sondern ein wenig davor, zurückzukommen, vielleicht in ein Land, in dem doch zu viele Menschen vergessen haben, welche Vergangenheit wir haben.
Und so sind meine ersten Tage geprägt von viel Gefühls-auf-und-ab, Videotelefonaten mit Menschen, die mich noch nicht vergessen haben (und noch mehr Heimweh danach), fassungslosem Verfolgen der Nachrichten und gleichzeitig auch so viel Glück und Erleichterung im Herz. Es ist okay, manchmal Dinge zu vergessen. Und doch sollten wir uns immer wieder erinnern, was uns wichtig ist: Unsere Träume für uns im Kleinen genauso wie die Welt, in der wir leben, im Großen.
A rainbow doesn't choose to be a rainbowIt just shines in the sky
And there's nothing to debate
And there's nothing to deny
Love might be a privilege
But marriage is a right
Nicht vergessen, dass wir alles daran setzen müssen, damit das auch so bleibt.