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Berge, Schweiß und bittere Tränen - der Kampf ums Trikot


Am Fuße der Pyrenäen in Tarbes angekommen, verplempern wir kostbare Zeit bei Mc Donalds, weil wir vergeblich versuchen, noch ein Hörbuch für den langen Tour-Tag herunterzuladen, was an der langsamen Leitung der amerikanischen Frittenbude scheitert. Warum verplempern?

Durch diesen nutzlosen Versuch kommen wir erst gegen 15:00 Uhr am Berg an und die besten Plätze für den ersten Anstieg der morgigen Etappe sind natürlich schon vergeben. Wahrscheinlich stehen die ganz Verrückten schon seit ein paar Tagen hier. Dabei müssen die Radler noch drei weitere Berge erklimmen.

Bei der Tour ist fast alles erlaubt, was sonst total verboten ist. Man stellt sich in Zufahrten, baut sein Zelt auf Weiden zwischen Kühen oder Schafen auf, Familienfeste werden an der Piste abgehalten, Getränke finden sich zur Kühlung im Rinnsal am Wegesrand, man reitet Nachbars Esel, man übernachtet an der Straße. Es wird beinahe alles toleriert, außer Müll liegen lassen, Feuer machen, und vor der Straßenrandmarkierung parken. Das wird streng kontrolliert, die Gendarmerie fährt die Strecke immer wieder ab und sorgt für Ordnung.

Etwa drei Kilometer vor der Bergspitze finden wir einen Platz für den Kangoo. Das dicke Auto passt hier hinter die wichtige Demarkationslinie, wir können die Sitzecke mit Sonnendach aufbauen, wenn der Klappstuhl auch sehr schräg steht und ich bei jeder Bewegung aufpassen muss, nicht den Abhang hinab zu kippen. Hier bleiben wir.

Der Anstieg der Straße ist schön steil, die Fahrer können nicht an uns vorbeirasen. Wir haben Einsicht in die nächste Kurve, die Aussicht auf die Gipfel ist phantastisch.

Nein, die letzten Kilometer fahren wir jetzt nicht mehr weiter. Mehr und mehr Fahrzeuge schleichen den Pass auf der Suche nach einem guten Platz hinauf. Am Ende schnappt uns wer das Örtchen vor der Nase weg! Ein äußerst schmaler und zusätzlich sehr schräger Straßenrand mindert die Anzahl der Möglichkeiten, zumal wenn man dort auch übernachten will.

Also richten wir uns häuslich ein, der Cateringbereich wird vorbereitet, die Lounge gemütlich gemacht, das Sonnensegel aufgebaut. Jetzt heißt es warten.

Auf die Stars der Radrennwelt. Auf morgen.

Natürlich brauen sich die dicken Wolken der französischen Pyrenäen auch heute Abend zusammen und bescheren uns einen ordentlichen Platzregen. Das grummelnde Gewitter mit stürmischen Böen und Wolkenbrüchen zieht zum Glück knapp an uns vorbei.

Wie auch die Tour-Follower an uns vorbei ziehen, die offiziellen gelben Richtungspfeile geklaut und überall im Wohnmobil verteilt, Fähnchen in den Fenstern, gelbe Caps und große Plüschis in der Windschutzscheibe, rotgepunktete T-Shirts an den Körpern. Diese Fans ziehen teilweise drei Wochen mit der Tour, denen kann man nichts mehr vormachen.

Wolken und Nebel verdecken die Berge am Morgen. Heute leider keine wunderbare Aussicht, die Gipfel hüllen sich in grauen Dunst.

Der Stimmung tut das keinen Abbruch. Wir haben schon vor Sonnenaufgang Gesellschaft am schmalen Grünstreifen bekommen. Mehrere Fahrzeuge quetschen sich so gut es geht an den Rand, es wird gefrühstückt oder noch schnell ein Nickerchen gemacht. Fähnchen, Wimpel und Flaggen werden drapiert, da macht es heute auch nichts, dass der Wanderweg abgeflattert ist. Spanische Fans rollen hupend und jubelnd den Berg hinauf, dazu gesellen sich Holländer, Belgier, Franzosen, Briten, Deutsche, ach was: halb Europa.

Ab 10:00 Uhr ist die Strecke für Fahrzeuge gesperrt. Nun wird gelaufen, wir hören osteuropäische Klänge und eine Gruppe eines australischen Nationalteams welcher Qualifikation auch immer macht sich auf den Weg. Hobbyradler strampeln in Massen auf den Col zur ersten Bergwertung des Tages.

Zappa macht sich an sein Deko-Werk. In Ermangelung anderer Fanartikel bläst er das bisher ungenutzte knallorange Gummiboot auf. Die ganze Mitreisebande wird effektvoll darin platziert. Dazu kommen Strohhut und erste Werbegeschenke, die schon verteilt werden. Bananen sind bereits angekommen und die berühmten rotgepunkteten T-Shirts und Fahnen, von denen wir aber fast alles an vorbeiradelnde Bergspezialisten verteilen.

Der Rest kommt ins Boot. Und das Boot ist jetzt die große Attraktion auf dem Berg!

Allerlei Fotos werden gemacht, Radfahrer unterbrechen extra ihre Kletterei, Vermutungen werden geäußert, ob wir damit den Berg hinunter wollen, aus einem vorbeifahrenden Lautsprecherwagen kommt ein überraschtes: "Oh, un bateau?!" Es ist wirklich erstaunlich, welche Sensation ein Schlauchboot auf einem Pyrenäengipfel sein kann.

Dann rauscht auch schon die berühmt-berüchtigte Werbekarawane heran. Man muss sich das ähnlich einem Karnevalsumzug vorstellen. Große, bunte Wagen mit riesigen Figuren und lauter Musik rasen allerdings in einem Affenzahn vorbei und beschmeißen dich mit allerlei Zeugs. Mehr oder weniger brauchbar. Das Bateau wird aus allen Rohren bombardiert, auch hier Blickfang. Zappas am Vormittag noch fix selbstgeschnitzter Flaggenmast bekommt eine volle Breitseite aus Capt'n Jack Sparrows Bierkanone und bricht im Trommelfeuer der Dosen. 

Die Bande fliegt beinahe vom Hocker und präsentiert am Ende stolz, was alles gekapert werden konnte: Haribos, grüne Caps, blaue Hüte, gelbe Mützen, Haribos, Frühstückscerealien, Käsecräcker, Haribos, Bleistifte, Schlüsselanhänger, Minisalamis, zwei bunte Durstlöscher, Einkaufsbeutel, ein Geschirrtuch, ein Kugelschreiber und Haribos.

Einige Zeit sind wir mit Einsammeln und Verschenken beschäftigt. Und mit der Schadenregulierung backbord am Boot. Zur Belohnung gönnen wir uns das erste wirklich kalte Getränk seit Wochen und verkosten den Inhalt der zerstörerischen Bierdosen. Garantiert Null Promille, Geschmacksrichtung Zitrone und Him-bee-re! Unbeschreiblich, wir finden keine Worte! Zitrone schmeckt nach Zitrone und erinnert mit Phantasie entfernt an alkoholfreies Radler. Himbeere hingegen...lässt alle Geschmacksknopsen im Mund explodieren! Die Bierpanscher haben ganze Arbeit geleistet und dabei so was von daneben gegriffen, dass sämtliche Gesichtszüge entgleisen.

Alles mögliche haben wir uns überlegt, um die Zeit bis zur Ankunft der Radprofis zu überbrücken. Aber du kommst zu nichts. Immerzu ist irgendwas los.

Und schon ziehen die Hubschrauber am Himmel ihre Kreise und künden die Radfahrer an. Dann nähern sich Motorräder mit Kamerateams und Fotografen und letzte Einsatzwagen, sie rasen an dir vorbei und machen den Weg für die Hauptdarsteller des Tages frei.

Nun ist der Augenblick gekommen, auf den wir seit knapp 24 Stunden an dieser Stelle ausharren. Die Spannung ist zum Zerreißen, die Zuschauer starren auf die Piste. Einen Moment lang herrscht gespenstische Stille.

Jetzt kann ich sie sehen! Zwei Ausreißer nähern sich und nicht weit hinter ihnen ihre härtesten Verfolger!

Klatschen, Gucken, Fotos machen?

Da kommt schon die nächste Gruppe mit dem Bergtrikot, das heute ein deutscher Fahrer trägt, gut am Rauschebart zu erkennen. Jetzt doch ein Foto!

Und da: das Hauptfeld mit dem Maillot jaune und den ganzen Stars, die ich eigentlich gar nicht kenne. Egal!

Ich klappere auf unserem Topf herum und schon fliegt mir eine der begehrten Trinkflaschen um die Beine! Cool, das sind heißesten Fanartikel! Ich klappere weiter und zack hab ich die zweite Flasche. Die wird sich aber eines Tages in Luft aufgelöst haben, sie ist kompostierbar. Vielleicht kann ich sie ja bis dahin als sich selbst vernichtendendes schlechtes Beispiel der kapitalistischen Konsumgesellschaft zu Geld machen?

Und dann: ratz-fatz, ist die Show vorbei.

Der allerletzte Nachzügler wird vom geneigten Publikum gar nicht mehr wahrgenommen und einsam vom Last-Minute-Reisen Sponsorenfahrzeug den Berg hochgeschoben.

Und dann: ratz-fatz ist die Straße wie leergefegt. Alle Weggefährten des Vormittags sind in Nullkommanichts verschwunden, Picknicktische, Fahnenstangen, Campingstühle und Berge an Werbegeschenken - alles in Minuten einfach weg.

Wir haben noch zu tun, die Bande muss an ihren Reiseplatz, die Strohhüte ebenso, das Bateau muss Luft ablassen, der Catering-Bereich, die Lounge, das Sonnendach, alles muss an seinen Platz. Dann noch die bergabrasenden Hobbyradler vorbeilassen und nun können auch wir unserer Wege fahren.

Leider ist der Pass nach Spanien noch bis in den Abend gesperrt. Deshalb gibt Zappa der leeren Batterie des VWs eines französischen Pärchens noch Starthilfe, nehmen wir ein Bad in der Neste und finden ein beschauliches Schlafplätzchen abseits vom Trubel.

Was für ein aufregender Tag! Morgen geht unsere Tour dann weiter.


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