Jodhpur - Indien
Nun war ich das erste Mal bewusst unhöflich zu Jemanden. Zu meiner Verteidigung haben mehrere Faktoren dazu beigetragen. 1. Die Nachtbusse werfen einem immer mitten in der Nacht...

Veröffentlicht: 09.11.2023
Die Wüste. Ein Habitat, dass normaler Weise durch seine harschen Lebensbedingungen das Leben selber schwierig bis unmöglich macht. Der Ursprung jedes Lebens, das Wasser, findet man lediglich durch Brunnen die mindestens 20 Meter tief in den Sand und das Gestein ziehen. Während die Sonne mit ihren im Sommer bis zu 45°C brennend heiß auf die weite Landschaft niederscheint und man vergeblich eine schattenspendene Möglichkeit sucht, muss man sich doch die Frage stellen: Welcher Bekloppte Mensch dachte sich, dass es eine gute Idee wäre hier eine Zivilisation zu starten? So etwas ist doch zum scheitern verdammt. Der einzige Grund den ich für realistisch halte, solch eine Idee zu haben, ist dass dem Neunmalklugen zum Zeitpunkt seines wahnsinnigen Geistesblitz die Sonne schon jegliche Flüssigkeit aus seinem Gehirn durch die Ohren verdunstet hat lassen und er die Fata Morgana eines allmächtigen Sultanats als Prophezeiung sah.
Aber jetzt Mal ernsthaft. Nicht ohne Grund haben sich ersten Zivilisationen der Menschheitsgeschichte schon vor 4000 Jahren v. Chr. an Flüssen niedergelassen. Erst durch die Existenz von Flüssen wie dem Euphrat oder Tigris konnten sich die Sumerer in Mesopotanien niederlassen, die Inder am Indus ihre Veden niederschreiben oder die Ägypter am Nildelta eine Hochkultur aufbauen. In der Nähe der Dörfer der Tharwüste ist jedoch jegliche Form von Agrarwirtschaft unmöglich. In den Dörfern gibt es meistens einen Brunnen, doch ist der auch nicht der heilige Gral. Die Hitze macht es fast unmöglich sich langfristig zu konzentrieren und ein gescheites Bildungssystem zu schaffen. Abgesehen davon, dass jegliche körperliche Arbeit so anstrengend ist und somit der Bau einer halbswegs guten Infrastruktur schwierig ist, fehlen auch die Ressourcen, welche von weit weg herantransportiert werden müssen. Also was zog und zieht die Menschen immer noch in diese menschenfeindliche Umgebung?
Oder liegt der Grund meiner Unverständlichkeit vielleicht doch aus meiner eurozentristischen Weltanschauung, in der man beigebracht bekommt, dass das Wohlergehen des Menschen von der Qualität der Asphaltstraßen, dem Bildungsgrad und der Vielfältigkeit der Obstauswahl im Supermarkt abhängig ist? Die Dorfeinwohner dort haben ja in vielen Aspekten mehr als ich Aachener. Sie besitzen eine uralte Kultur und Spiritualität, ein Naturverständnis und Gemeinschaftsgefühl von dem wir so unfassbar weit entfernt sind. Ich kann von außen natürlich unmöglich sagen, ob sie ein erfülltes Leben führen oder nicht. Aber vielleicht braucht es ja gar nicht all die Sachen die ich mit einer fortgeschritten Zivilisation verbinde, vielleicht liegt der Weg zum Glück ja doch woanders drinnen. Dazu aber später mehr Gedanken.
In Jaisalmer kam ich um drei Uhr Nachts am Bahnhof an und traf zu meiner Verblüffung drei Deutsche an dem verlassenen Bahnhof mit denen ich dann noch herunschländerte. Einer von ihnen lebte ein Jahr in Jaisalmer und machte hier sein freiwilliges soziales Jahr an einer Schule. Lean erinnerte mich stark an meinen besten Freund Malte. Er ging mit einer Leichtigkeit, Eleganz, Neugier, Gutmütigkeit und Energie durch die Welt wie ich sie nur von meinem besten Freund kenne. Als sein breites Grinsen dann auch noch dem von Malte ähnelte fühlte ich eine mehr als angenehme Vertrautheit. Wir tranken ein Nachtchai, kletterten heimlich auf der Festung herum und ließen uns zum Sonnenaufgang auf der Stadtmauer nieder und aßen mein Dhal mit Paratha vom Vortag. Nachdem ich wegen meinen Hostels und der bevorstehenden Kamelsafari meine Unterkünfte kurzfristig ändern musste traf ich noch drei deutsche, wobei ich eine von ihnen schon einmal in Sri Lanka kennengelernt hatte. Somit verbrachte ich dann den Tag mit den drei Hippies und wir schlenderten zum skurrilsten Musikinstrumentengeschäft und durch die riesige und verwinkelte Festung. Abends saßen wir auf einem der hunderten Dächer der Stadt, aßen nepalesisch und sangen alle im Hostel zu der Guitartenmusik einer Backpackerin. Mit einem der Mädchen, Malwi, kreuzworträtzelte ich dann auch noch, obwohl man doch mehr blödsinn machte als nachdachte.
Ich habe länger darüber nachgedacht ob ich dieses Thema hier in diesem Blog erwähnen soll oder nicht, da meine Eltern, Geschwister, Freunde, ein Mensch der mehr als nur eine Freundin für mich ist und letz endlich die gesamte Öffenlichkeit das hier lesen kann. Doch bin ich auch nicht mehr in der Pupertät und mir ist es ziemlich schnuppe was andere von mir denken. Ich muss mich nur vor mir selber rechtfertigen und sonst vor niemanden und außerdem kann ich mir vorstellen, dass vielleicht der ein oder andere ähnlich denkt und es nachvollziehen kann.
Vor der Reise hörte ich immer von verschiedenen Menschen was sie für Reiseromanzen oder One-night Stands als Backpacker*in hatten und ich selber erinnere mich auch noch auf meine Begegnung mit der Berlinerin auf dem Jakobsweg. Somit baute ich mir unterbewusst eine Erwartung auf, die mit viel leidenschaftlichen Begegnungen mit anderen Reisenden verbunden war. Das die Realität anders aussah und das man so etwas vorallem nicht planen kann oder herbeiwünschen kann merkte ich dann ziemlich schnell. Ich machte mir zu Beginn der Reise selber Stress etwas mit jemanden zu haben und der selbsterzeuger Druck schlug ziemlich gut auf meine Laune, vorallem wenn man von anderen Reisenden kürzlich erlebte 'liebes'abenteur erzählt bekam. Ein, zwei Mal glaubte ich auch das es kurz davor war mit jemanden intimer zu werden, wobei dann doch immer noch irgendwas dazwischen kam. Am Ende meiner Sri Lanka Reise wurde mir bei einem Telefonat mit Eva bewusst, dass ich doch in keiner Weise hier bin um mich durch die Back packer Szene zu schlafen oder die Liebe meines Lebens oder so etwas kennen zu lernen. Ich bin diese Reise angetreten um zu lernen. Um Kulturen zu entdecken, andere Lebensweisen kennzulernen, die Natur zu erforschen, mir ein gescheites historisches- und geographisches Verständniss aufzubauen, um neue Fähigkeit wie surfen, Tauchen, Reiten, Yoga und Meditation zu erlernen, mich selbst zu verstehen und zu ergründen wonach ich strebe, Freundschaften zu schließen, Abenteuer zu erleben, Erfahrungen zu machen die mich prägen werden und um mein Leben zu genießen. Mir wurde klar, dass mir all diese Sachen so viel wichtiger sind als irgendwelche phantasiebasierten Romanzen, die vergänglicher sind als mein Vorhaben alle drei Tage meine Klamotten zu waschen. Pustekuchen! Wenn ich (bzw. meine Mitmenschen) Glück habe(n) komme ich alle zwei Wochen Mal dazu eine halbherzige Handwäsche zu machen).
So reiste ich dann also vollkommen losgelöst von diesem Wunsch durch Indien und ich bemerkte wie viel besser es mir dadurch ging, denn ab diesem Moment konnte ich mich vollkommen auf die Sachen konzentrieren die mir wirklich wichtig waren. Mein Libido verabschiedete sich ziemlich zeitgleich und ich vermisse ihn momentan auch so wenig wie noch nie. Nach einem Monat ohne jeglichem Gefühl der körperlichen Zuneigung zu jemanden, traf ich dann also Malwi, mit der ich zusammensitzend an dem Kreutzworträtselbuch verzweifelte. Zum ersten Mal traf ich Mal wieder eine Person zu der ich mich körperlich hingezogen fühlte und die ich einfach super lustig und sympatisch fande. Und zum ersten Mal seit mehreren Monaten traf ich mit ihr auch wieder einen Menschen bei dem ich nervös wurde, sobald er in meiner Nähe war. Da ich aber wusste das sie am nächsten Tag abreiste und ich sie sicherlich nie mehr wieder sehen werde versuchte ich erst gar nicht herauszufinden ob die Zuneigung vielleicht beidseitig war. Einerseits weil ich zu nervös war, andererseits weil ich mich vielmehr danach sehnte sie besser kennen zu lernen, als nur einen Abend mit ihr zu verbringen. Drum sagte ich ihr lediglich bei unserer Verabschiedung, dass sie hübsch sei und sagte tschüss. Es war eine nette Begegnung, dem ich keinen großen Stellenwert zuschreibe, der mir aber doch noch einmal das schöne Gefühl der Unsicherheit durch stärkere Zuneigung schenkte.
Ich machte mich dann also mit einem Polen, Philippiner, Briten, Franzosen und Inder auf die Kamelsafari. Wir fuhren mit einem Jeep, in dem wir hinten auf der Ablage standen, zwei Stunden richtung Pakistan und machten in einer verlassenen Wüstenstadt halt um sie zu erkunden. Die Bewohner der Stadt wurden vor vielen Jahrhunderten von jahrelangen Dürren aus der Stadt vertrieben wurden und die Erosion durch die Sandstürme zerlegte die Häuser in immer kleinere Einzelteile, sodass am Ende nur noch mysteriös aussehende Ruinen übrig blieben. Von da aus ritten wir dann auf den Kamelen weiter Richtung Westen. Und Kamele, bzw. waren es eigentlich Dromedare, sind so viel größer als ich dachte. Im stehen messen sie bestimmt 3½ Meter und nach stundenlanger Sonneneinwirkung erinnerten sie mich an Gemälde von Salvador Dali. Auf den Dünen angekommen tollten wir 20-30 jährigen wie kleine Kinder herum, machten Saltos, Flick-Flacks und Wettrennen im nachgiebigen Sand. Erschöpft bereiteten wir den Teig für die Parathas und das Gemüse für das Chutney, Dahl und Curry vor, entfachten ein Lagerfeuer aus trockenem Gestrüpp und fingen an uns das Abendessen zu kochen. Nachdem wir mehr Sand, als Gemüse verputzen, holte Marlon, der Franzose, eine riesige Tüte Hasch raus und wir machten uns einen lustigen Abend, bei dem wir philosphiernd und breit die Milchstraße anschauten und ich etwas über Sternenbilder erzählte.
Am nächsten Tag ritten wir in der viel zu heißen Sonne vier Stunden zu einem Dorf und zurück und wiederholten unser abendliches Ritual, mit der Ausnahme das wir noch ein viel größeres Lagerfeuer entzündeten und darüber hin und her sprangen. Oh ja! Und wir machten eine Nacht'safari' bei der wir im Jeep durch die Wüste nachts düsten und über die Dünen drifteten. Einen Wüstenfuchs haben wir auch dabei gesehen :) Die Gruppe von Jungs redete andauernd über die heißesten Backpackerinen die sie getroffen hatten und das auf so einem pupertäten Niveau, dass ich mich kurzerhand mit der Aussage, dass ich schwul sei aus der Konversation ausklinken konnte. Jetzt fingen sie nur an mir Löcher in die Brust zu fragen und ich erzählte ihnen mein bisheriges Datingleben, nur dass ich alle Frauen mit Männern austauschte und eine überrzeugende Geschichte zu den Problemen meines Outings erzählte. Als ich dann am letzten Tag in Jaisalmer noch mit dem Pole und dem Philippiner herumlief, stellten sie mir immer mehr fragen zu dem Thema und sie fingen an langsam Schritt für Schritt anzudeuten, dass sie vielleicht auch Bisexuell sind, aber nicht wissen, damit umzugehen. Es ist immer wieder interessant wie sich Männer verhalten wenn sie nur unter seines gleichen sind und sich dann aber langsam öffnen können wenn jemand den ersten Schritt macht. War schon eine verdammt lustige Truppe.
