Frisch erwacht aus dem Dornröschenschlaf
Es geht wieder los. Nachdem dieses Blog sehr lange im Dornröschenschlaf lag, gibt es für mich jetzt einen Grund es wieder aufzuwecken. Nach vielen anderen Touren in den l

Veröffentlicht: 03.09.2025
Es dauert tatsächlich schon eine ganze Weile um mit den Öffis nach Cuneo zu gelangen. Zuerst der Start mit dem Regionalzug bis zum Bodensee. Dort Mittagspause mit Seeblick auf der Insel Lindau. Dann mit einigen Umstiegen bis Zürich. Der erste Spritz in der hippen Strandbar an der Limmat. Dann mit dem EC flugs durch den Gotthardtunnel in den Süden. Übernachtung in Turin und kurzer Bike-Stadtbummel in der Morgensonne vor der letzten, kurzen Fahrt im Regionalexpress bis nach Cuneo. Eigentlich ein ganz entspannter Einstieg ins große Abenteuer.
Ab Cuneo hieß es dann selbst in die Pedale treten. Vor mir hatte ich ein Zeitfenster von zwei Tagen Traumwetter. Und einen Höhenunterschied von beinahe 2000 Metern um auf die Gardetta Hochebene zu gelangen. Beim Start in der Po-Ebene erschien das Relief der Berge am Horizont noch unendlich weit weg. Die Vorstellung eines alpinen Nachtlagers heute irgendwo da oben wirkte irgendwie grotesk.
Schöne Radwege führten abseits der Hauptverkehrsadern durch Obstplantagen und kleine, verschlafene Dörfer zu den ersten sanften Hügeln rund um das Valle Stura. Ab Demonte, dank leckerer Konditorei der gefühlt letzte Außenposten der Zivilisation, führte dann eine durchgehend geteerte Straße durch das Seitental Vallone dell´Arma bis zur Passhöhe am Colle Valcavera auf 2416 m. So angenehm der Aufstieg auf Asphalt auch war, wirkte sich das natürlich dadurch nachteilig aus, dass da eine ganze Reihe weiterer motorisierter Verkehrsteilnehmer mit unterwegs waren. Einer davon, mit fettem Expeditionsjeep wohl auf dem Weg zu den Militärstrassen auf dem Hochplateau, schied beim Überholen eine riesige Rußwolke über mir aus. So viel zum Thema unberührtes Naturerlebnis. Irgendwie schon peinlich mit solchen Abgas-Dinosauriern anno 2025 immer noch die Umwelt und seine Mitmenschen zu verpesten, zum Fremdschämen einfach.
Davon abgesehen ließ ich die letzen kleinen Weiler hinter mir, während sich schon die ersten spitzen Felsnadeln über mir erhoben. Nach einer kurzen Pause in einem Rifugio stand ich dann vor einem wohlbekannten Dilemma. Ich wollte oben am Pass übernachten, und es stellte sich die Frage - hat es da oben denn Wasser? Beziehungsweise wo ist die letzte Gelegenheit den Wasservorrat aufzufrischen um genug für Abendessen und Frühstück dabei zu haben? Am Rifugio gab es einen Brunnen. Die auf der Karte eingezeichneten Flüsse oberhalb sahen hingegen ziemlich vertrocknet aus. Es half also alles nichts - im Zweifel lieber mal auffüllen. Also weitere 4 Liter bzw. Kilo sollten mir die letzen 500 Höhenmeter versüßen. Man gönnt sich ja sonst nix.
Oben angekommen erstrahlte die Gardetta Hochebene in voller Pracht vor mir. Ich war ja schonmal hier, aber im sanft glühenden Abendlicht hatten die Felsriesen um mich herum nochmal einen ganz besonderen Zauber. Ich war auch nicht der einzige Bewunderer der sein Zelt aufschlagen wollte. Doch mein Vorteil war, dass ich ohne Fahrzeug am Bein einem Wanderweg auf einen grasigen Bergrücken folgen konnte, der hoch über dem Pass thronte. Ein grandioser Platz für ein Nachtlager, den ich ganz exklusiv für mich allein hatte. Der Blick reichte über den halben Alpenbogen bis runter in die Po-Ebene, da wo ich gerade vor einigen Stunden noch selbst gestartet war.
Die sternenklare Nacht auf 2500 Meter war dann doch etwas frostig. Mein dünner Sommerschlafsack überzeugt zwar durch Gewicht und Packmaß, aber in der Höhe kommt er dann schon an seine Grenzen. Aber wer braucht schon Wohlfühltemperatur wenn die Alternative ein überwältigend grandioser Sonnenaufgang ist? Nach dem gestrigen Aufstieg pur sollten heute die Trails im Mittelpunkt stehen. Erst eine Runde um die Hochebene und anschließend ein epischer Ritt runter nach Sambuco im Valle Stura.
Vorbei an den Gerippen der Militäranlagen längst vergangener Tage suchte ich mir ein Gepäckdepot um die Runde unbeschwert genießen zu können. Ein erster flüssiger, aber viel zu kurzer S2 Trail machte Appetit auf mehr. Aber davor kam erst noch ein Abstecher im mitten auf der Hochebene liegenden Rifugio Gardetta. Wie eine Poststation im Wilden Westen verlor sich dieses in der weiten Ebene, überragt von dem ikonischen Felsturm Rocca la Meja. Ein Pferd wäre jetzt wohl stimmiger gewesen, aber zur Not tat es mein treuer Drahtesel natürlich auch.
Eine kühn in den Fels gehauene Militärstrasse führte weiter zum Passo di Rocca Brancia. Und hier begann der Megatrail Richtung Valle Stura. Vorbei an einigen hochalpinen Seen surfte ich dem Tal entgegen. Leider nur die halbe Strecke, denn schließlich wartete oben noch mein Gepäck. Also auf zum nächsten Gegenanstieg, einige saftige Wiesen mit Schaf, Schäfern und Hirtenhunden passierend zurück zum Ausgangspunkt. Mit aufgesatteltem Gepäck war dann noch eine letzte knackig-steile Schiebepassage auf den Monte Besaio zu meistern. Doch ab jetzt ging es dann nur noch bergab. Und wie. Eine Passage der legendären Stone King Rallye stand auf dem Programm, und das war ein wahres Kunstwerk. Knapp neben den senkrecht abfallenden Felswänden einer Schlucht schlängelte sich der Pfad in unzähligen Serpentinen bergab. Trotz der relativen Ausgesetztheit war der Weg breit genug so dass man den ohne in akute Schnappatmung zu verfallen flüssig fahren konnte. Irgendwann kam ich dann ganz euphorisiert im kleinen Bergdorf Sambuco an. Das Valle Stura war erreicht.
