Tag 5: Überraschung
Gut gelaunt und ohne jegliche Schmerzen bin ich heute in den Tag gestartet, hab ein paar organisatorische Dinge erledigt und Französisch geübt. Mein Highlight war folgendes...

Veröffentlicht: 01.10.2020
Der Dienstag hat damit gestartet, einige organisatorische Dinge zu klären. Ich hatte einigen Mailkontakt mit den (sehr netten) Deutschlehrer*innen der Schulen, in dem festgelegt wurde dass mein erster Tag am Freitag am Collège sein wird, weil keine*r der Kolleg*innen des Lycées am Donnerstag anwesend sein wird. Ich werde an zwei verschiedenen Schulen insgesamt 12h in der Woche arbeiten. Dabei kann es so aussehen, dass ich im Unterricht der Lehrperson als Unterstützung dabei bin, dass die Klasse geteilt wird und wir parallel in kleineren Gruppen unterrichten oder dass immer jeweils eine kleine Gruppe von Schüler*innen von mir begleitet wird. So zumindest war es bei meiner Vorgängerin, die mir in ihrem Erfahrungsbericht viel darüber erzählt hat.
Am Nachmittag bin ich im strömenden Regen nochmal nach Paris gefahren, ich wollte zur Basilika Sacre-Coeur, diesmal ohne Gummibärchen und bis ganz nach oben. Kurz vor der Basilika gibt es viele Treppen, die man überwinden muss um ans Ziel zu kommen. Da stehen immer Männer, die versuchen ihre Ware (Armbänder o.ä.) an Touristen zu verkaufen. So musste ich auch an ihnen vorbei, natürlich wurde ich angequatscht, ich habe mit einem knappen "Non, merci" geantwortet und bin mit meinem Regenschirm weitergegangen. Der Mann hat sich damit nicht zufrieden gegeben und kam einfach zu mir, hat meine Hand genommen und mir ein Armband ungefragt um mein Handgelenk gelegt! Da war ich richtig schockiert und hab ihn angefahren dass er mich nicht berühren soll. Das war ein sehr unangenehmer Moment. Trotzdem hat es sich gelohnt die Treppen hochzulaufen, denn Sacre-Coeur, das Symbol des Stadtteils Montmarte sieht nicht nur von außen schön aus. Auch um vor dem Regen zu fliehen habe ich die Zeit in der Basilika ausführlich genutzt und habe das 425qm (!) große Mosaik über dem Altarraum bewundert.
Danach bin ich dem Tipp für ein indisches Restaurant aus einem Stadtführer gefolgt, aber das Restaurant war leider zu dem Zeitpunkt geschlossen. Direkt nebenan war aber auch ein Inder, und da habe ich dann ein vegetarischen Thali gegessen und eine richtig leckere französische Orangina dazu getrunken.
Am Mittwochvormittag war ich wieder organisatorisch beschäftigt, weil ich zum ERSTEN Mal eine E-Mail meines Arbeitgebers, der Académie Créteil, erhalten habe. Aber vermutlich auch nur, weil ein Typ auf "antworten an alle" geklickt hat und ich deshalb die E-Mail noch einmal bekommen habe. Anscheinend gab/gibt es irgendein Problem in meinem E-Mail-Center, da ich offensichtlich im Verteiler bin, aber bisher keine Mails erhalten habe. Auch mein Spam-Ordner war leer. Da ich nicht wusste, ob ich bereits andere wichtige Infos verpasst hatte, habe ich mir aus dem öffentlichen Verteiler einen weiblichen Namen ausgesucht, der nach einer Deutschen aussah, und habe an diese Lea eine Mail geschickt, mir der bitte um Weiterleitung aller anderen wichtigen Mails. Sie hat super schnell geantwortet, organisatorisches geklärt, dann sind wir auf WhatsApp umgestiegen und haben festgestellt, dass wir beide in Köln studieren! Lustiger Zufall. Wir werden uns am Wochenende mal auf einen Kaffee treffen.
Nachmittags war ich mit Conni, einer Frau die aus Idenheim kommt aber schon sehr lange in Paris lebt, getroffen. Wir sind im jüdischen Viertel rumflaniert und sie hat mir ihren Lieblingsladen für "Pastel de nata", einer portugiesischen Nachspeise, gezeigt. Ich kenne (und liebe) natürlich Pastel de nata und weiß jetzt, wovon ich definitiv in der nächsten Zeit viele essen werde. Das ist einfach das perfekte Teilchen: Blätterteig, Puddig, warm, handlich. Mh!
Abends habe ich noch eine Flasche Wein für Antoine und Maeva gekauft und mich bei den beiden für die sehr angenehme Woche bedankt. Sie haben mich eingeladen, doch einfach nochmal vorbeizukommen wenn ich in Le Raincy bin.
Heute (Donnerstag) musste ich ja glücklicherweise noch nicht in die Schule, und konnte ganz entspannt von Le Raincy nach Paris ziehen. Mit Florence aus der neuen Wohnung hatte ich 12 Uhr als Zeitpunkt ausgemacht. Im Vormittag habe ich dann also entspannt meine Sachen zusammengepackt und bin mit der ersten Hälfte, dem schweren Koffer und einem Rucksack rüber gefahren. Ich war selten so froh, einen Aufzug in einem Haus gesehen zu haben!
In Wohnung 154 habe ich dann Florence kennengelernt, die mit ihren Töchtern Victoria und Gloria hier wohnt. Sie war noch netter als ich sie im Videocall eingeschätzt hatte und die Wohnung ist tatsächlich noch schöner, als ich erwartet hatte. Maisonette-Wohnung mit Terassen auf beiden Etagen, zwei Badezimmer, ein Flügel (!!) und eine eigene Terasse von meinem Zimmer aus. Von der "Gemeinschafts"-Terasse der Wohnung hat man übrigens Blick auf den Eiffelturm UND Sacre-Coeur. Das ist so verrückt! Wir haben kurz über Musik geredet, und weil Florence Gesangslehrerin ist hat sie kurzerhand bei Freunden von ihr nachgefragt, ob ihr Chor gerade probt, ob sie noch einen Sopran 2 gebrauchen könnten, und ob ich denn ein Stück fertig vorbereitet hätte um damit einem Ensemble vorzusingen. What? Das ganze ist innerhalb von nicht mal 5 Minuten passiert, mal sehen was passiert wenn ich jetzt komplette 6 Monate hier lebe. Bin wieder zurück nach Le Raincy gefahren, habe die zweite Ladung Gepäck geladen, mich von Antoine verabschiedet und bin schließlich in der Wohnung in Paris angekommen. Ganz in Ruhe konnte ich dann meine Koffer in den Schrank räumen (endlich nicht mehr aus dem Koffer leben!) und ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Im Laufe des Nachmittags kurz Gloria und Victoria kennengelernt und ein bisschen gequatscht. So, und jetzt sitz ich hier und für den Zeitraum des nächsten halben Jahres darf ich sagen: Ich wohne in Paris!