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Tag 44: Bei Muttern

Veröffentlicht: 26.08.2023

Vor dem heutigen Tag hatte ich Bammel. Der Wetterbericht spricht von Unwettern, Starkregen, Gewitter, Dauerregen. komoot sagt 100 km mit 1.000 Höhenmetern bis Esslingen am Neckar. Dort bin ich aufgewachsen, meine Mutter lebt dort, meine Schwester. komoot empfiehlt eine Mehrtagestour. Ich mache es so wie immer gemäß unserer bayerischen "Lichtgestalt": schaun mer mal.
Zunächst schaue ich aus dem Fenster: Sonne. Beim Frühstück schaut die Servicekraft intensiv aus dem Fenster, ich schaue mit: Von Westen kommt es schwarz. Grübel grübel und studier (die Jüngeren mögen "EAV" googeln, um den Sinn zu verstehen): Keine Eile beim Packen, aber trotzdem fertig werden. Kurz nach halb neun bin ich fertig: leichter Regen, also los! nach 500 m ziehe ich doch den Anorak an, nach etwa 2 km auch die Regenhose. Gamaschen hätte ich dabei, aber aus den Sandalen kann das Wasser ablaufen...
Durlach, Singen, Stein fahre ich im Regen, strikt nach komoot. Es geht merklich bergauf, der Enz entlang, aber noch machbar. Göbrichen erreiche nach einer ersten wirklichen Prüfung, bei Enzberg muss ich mal schieben, dafür hat es aufgehört zu regnen. Es wird dämpfig. Die Abfahrten, die es immer wieder gibt, tun richtig gut. Ich nähere mich Mühlacker, Kandidat für eine Übernachtung, falls das Wetter es nicht gut mit mir meint. Aber alles gut bisher. Die Landschaft ändert sich. Die Äcker sind kleiner, den Höhen angepasst. Streuobstwiesen, dazwischen ein paar Reben, teils abgeerntete Felder, Waldstücke, die Dörfer am Hang, geduckt der Landschaft angepasst, die Neubaugebiete wachsen den Hang hinauf. Das kann ich in Riet gut studieren, den dort muss ich länger schieben. So geht es bergauf bergab, die Steigungen tun nicht weh, die Abfahrten entlasten.
Nach Vaihingen an der Enz komme ich gar nicht, habe wohl nicht genau genug geschaut. In Ditzingen wollte ich nach einem Cafe Ausschau halten, finde keines. Eine Tankstelle muss herhalten. Als ich auf den Tacho schaue, denke ich mir: Jetzt kannst Du auch voll durchfahren. Als dann noch ein Schild "Stuttgart 12 km" auftaucht, rufe ich meine Mutter an und berichte von der Planänderung: Statt morgen komme ich schon heute. "Kein Problem, ich freue mich" war die Antwort. Also los. Weilimdorf, Feuerbach - ich bin in Stuttgart. Den Pragsattel hoch - was hat sich da alles verändert, als ich das letzte Mal hier war. Unglaublich.
Auf einer Fahrradbrücke schaue ich hinüber zum Robert-Bosch-Krankenhaus, das unterhalb eines Weinberges liegt. Da bricht es aus mir heraus, ich kann nicht weiterfahren. Vor fast 50 Jahren habe ich mit meinem Mofa meinen Lieblingsonkel in diesem Krankenhaus besucht, kurze Zeit später hat er den Kampf gegen den Krebs verloren. Weitere Bilder tauchen in meinem Kopf auf: der Großvater, wie er auf seiner Couch liegt, die Zigarre im Mund. Die Großmutter, wie sie meinen Sohn ganz vorsichtig hält. Die andere Großmutter, die mir als kleiner Bub immer die Geschichte vom verlorenen Schaf aus der Bibel erzählen musste. Ich denke an den anderen Großvater, der Jahre vor meiner Geburt schon gestorben ist, und der dank einer Familienaufstellung seinen Platz in mir gefunden hat. Mein Vater, vor 2 Jahren verstorben. Meine Mutter, die sich riesig freuen wird, wenn ich wohlbehalten vor ihr stehe. Danach kann ich trotz feuchter Augen weiter fahren. Der Fahrrad-Besuch ist - wohl wegen des intensiven "Kontaktes" mit der vertrauten Gegend - eine Reise in die Vergangenheit.
Weiter geht's, teilweise am Neckar entlang, in Richtung Esslingen. Kurzer Stopp an meinem Gymnasium, eine letzte Steigung zum heimatlichen Haus. Geschafft nach 100 km und 1.000 Höhenmetern. Ich habe mir geröstete Maultaschen gewünscht, und mein Wunsch geht in Erfüllung. Heute morgen hätte ich noch nicht gedacht, dass der Tag so endet. Ein guter Tag!

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