27.01.2017 Kapstadt
Nun kommt es tatsächlich bereits zu einer kleinen Premiere auf unserem Blog: Endlich kann ich etwas über Geschichte schreiben. Wir haben uns mehr oder weniger bewusst für...

Veröffentlicht: 13.02.2017











Von Anfang an war uns klar, dass wir in Kapstadt gerne eine Township-Tour machen würden. Die Meinungen dazu sind ziemlich unterschiedlich, oft wird im selben Atemzug über "dark tourism" gesprochen, da das Unheil anderer Leute als Attraktion vermarktet wird. Natürlich muss jeder für sich selbst entscheiden, ob das moralisch vertretbar ist, wir empfanden es als sehr eindrücklich und betrachten es als wichtiger Teil Südafrikas. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass man Südafrika, ohne die Townships zu erleben, gar nicht richtig gesehen hat.
Wir hatten das Glück, dass wir in einem Informationscenter für Touristen richtig gut beraten wurden und so eine Tour mit Mzu gebucht haben. Er ist im Township Khayelitsha aufgewachsen und lebt auch heute noch da. Er unternimmt ganz kleine Führungen mit höchstens vier Personen, was natürlich einen sehr viel intimeren und besseren Einblick ermöglicht, als eine 20-köpfige Touristengruppe. Angefangen haben wir in Langa (isiXhosa für "Sonne"), dem ältesten Township in Südafrika. Nach einem Besuch im Touristen- und Kulturcenter konnten wir eine "Wohnung" besichtigen. In Langa teilen sich zwei 5-6-köpfige Familien einen Container. Das muss man sich mal vorstellen....
Der Container wird in der Mitte durch eine dünne Wand unterteilt und so hat auf einer Seite genau ein Bett und eine kleine Kochnische platz. Die Kinder schlafen meistens auf dem Boden und da es nicht genügend Platz für einen Schrank gibt, lagern die Kleider der gesamten Familie auf einem Stuhl. Normal kochen, lernen, spielen oder entspannen ist natürlich gar nicht möglich. Mehrere Familien teilen sich ein Badezimmer, was sehr weit entfernt sein kann. Häufig ist es aber auch so, dass keine sanitären Anlagen zur Verfügung stehen. Leider geht es aber noch schlimmer: Viele Menschen müssen in Blechhütten leben, die völlig instabil und hochgefährlich sind, da die Brandgefahr akut ist und sich Feuer in nur kurzer Zeit unglaublich weit verbreiten kann, denn die Hütten werden wegen Platzmangel alle aneinander gebaut. Vor unserem Besuch ist ein grosser Teil von Khayelitsha einem Feuer zum Opfer gefallen, als ein Mann vergessen hatte, die Herdplatte auszumachen. Man nimmt an, dass er betrunken war. Alkohol- und Drogenmissbrauch sind grosse Probleme in den Townships. So verlieren jährlich unzählige Menschen ihr Leben.
(kleine Anmerkung zu den beschriebenen Wohnverhältnissen: In den Townships gibt es wie überall Under- Middle- und Upperclass. Die beiden oben genannten Wohnstätten gehören in die Underclass, was einen Grossteil der Townships ausmacht. Die Middleclass hat schon kleine Häuser mit Wasser und Strom, allerdings leben oftmals 2-3 Familien auf engstem Raum. Upperclass sind Familien mit sehr gutem Einkommen, die nur nicht wegziehen, damit sie sich ein besseres und angenehmeres Haus leisten können)
Allgemein ist ein Leben in den Townships gefährlich. Das fängt bei naheliegenden Problemen an, zum Beispiel Bandenrivalitäten, Kriminalität allgemein und die hohe HIV-Rate. Allerdings gibt es auch weitaus "banalere" Sachen. Zum Beispiel zapfen viele Menschen die Verkehrsampeln rund um die Townships an, um an Strom zu kommen. Das verursacht unglaublich viele Todesfälle. Dabei ist das nicht einmal eine besonders praktische Stromquelle, denn nur wenn die Ampeln grün sind, liefern sie auch Strom (keine Ahnung, wie das funktioniert...).
Nach unserem Besuch in den Wohnstätten durften wir eine traditionelle Taverne sehen. Das selbstgebraute Bier wird dort in Eimern serviert und man reicht ihn immer im Kreis, bis er leer ist. Wir haben uns dazugesetzt und durften kosten. Es schmeckte gar nicht mal so schlecht! Die Taverne an sich war eine der oben beschriebenen Blechhütten und hat einen sehr tristen Eindruck gemacht. Der Boden war schlammig und aufgeweicht vom Regen, während der Rauch von einem nahen Feuer in den Raum gezogen ist. Es ist auch jetzt immer noch schwer vorstellbar, dass dies ein Ort des Vergnügens ist...
Nach Langa konnten wir Khayelitsha ("neue Heimat") besuchen. Es wurde 1985 während der Apartheid errichtet und ist das flächenmässig grösste Township in Südafrika. Glücklicherweise hat Mzu unseren schweren Herzen eine kleine Pause gegönnt und uns eine Schule gezeigt, von der wir sehr angenehm überrascht waren!
Gestartet hat seine Führung in der Schulküche, wo mehrere Menschen ehrenamtlich dreimal pro Tag kochen und abwaschen. Die Organisation Peninsula School Feeding Association (www.psfa.org.za) sammelt Spendengelder, um den Kindern drei Mahlzeiten zu ermöglichen, da es sich mit leerem Magen logischerweise schlecht lernen lässt.
Wir haben versucht, wie die afrikanischen Frauen Wasserkanister auf unseren Köpfen zu balancieren, das hat natürlich nicht wirklich geklappt, obwohl sie uns extra einen kleineren Eimer gefüllt hatten.
Anschliessend durften wir einen Kindergarten besuchen. Die Klassen sind zwar sehr gross, die Einrichtungen haben aber einen sehr guten Eindruck gemacht. Bereits im Alter von vier Jahren werden die Kinder spielerisch mit dem Alphabet bekannt gemacht und es wird viel gesungen und gelacht. Wahrscheinlich war das eine Klasse, die noch nicht allzu oft Besuch von weissen Touristen hatte, die Kinder waren sehr neugierig und anhänglich, sie haben uns immer wieder angefasst und ganz erstaunt angesehen.
Nach dem Besuch in der Schule war uns etwas wohler. Der Optimus und die Hoffnung, die in die Bildung gesetzt wird, hat uns sehr aufgestellt und sogar etwas erleichtert. Es tut gut, zu wissen, dass diese Situation in den Townships nicht völlig aussichtslos ist!
Momentan wird damit gerechnet, dass es noch über hundert Jahre dauern wird, bis sich die Ungleichheit zwischen den Weissen und Schwarzen ausgeglichen hat. Es ist wirklich tragisch, der schwarze Mittelstand und abwärts lebt in Townships - während kein einziger Weisser dort wohnhaft ist. Obwohl die Apartheid seit 1994 beendet wurde, sind die Townships das beste Beispiel dafür, wie ungleich Südafrika immer noch ist und viele Schwarze eigentlich nur auf dem Papier frei sind.
Allgemein haben uns die Menschen hier unglaublich beeindruckt. Diese Leute haben nichts und waren trotzdem bereit, ihr Bier mit uns zu teilen. Sie sind freundlich, offen und freuen sich über Touristen, da sie so auch etwas zur Verständigung beitragen können, was einfach eine wunderbare Einstellung ist!
Glücklicherweise war die Township-Tour mit Mzu grösstenteils zu Fuss, viele Firmen bieten Bustouren an. Das können wir so gar nicht empfehlen, das Interagieren mit den Leuten macht das Ausmass des Township-Problems erst richtig erkenntlich.
Alles in allem war das die wahrscheinlich eindrücklichste Erfahrung, die ich bis jetzt gemacht habe und habe wirklich das Gefühl, dass ich auch für mich selbst und meine Einstellung zu vielerlei Dingen eine Menge gelernt habe.