Giudecca
Eigentlich dachte ich, diese Reise würde ganz geruhsam und ohne große Neuigkeiten oder Abenteuer verlaufen, ich würde selig lächelnd durch die altbekannten Gassen streichen, gut...


Veröffentlicht: 15.03.2026


























Am Sonnabend morgen ist das Bild plötzlich völlig anders: Viele Menschen, augenscheinlich Einheimische, sind unterwegs und gehen einkaufen. Man plaudert mit den Nachbarn, bewundert die Kinder und die Hunde und ist guter Laune. Viele Läden an der Uferstraße, die sonst verrammelt sind, haben die Rollläden hochgezogen, es gibt Fischgeschäfte, Obst und Gemüse werden vor der Tür aufgebaut, Fleischer, Drogerien, kleine Feinkosthändler haben geöffnet. Vielleicht geht man in Giudecca nur am Sonnabend Vormittag einkaufen und überlässt ansonsten den Boulevard den im Moment ja nur vereinzelt vorkommenden Touristen. Ich hatte gedacht, hier gäbe es nur einen kleinen Supermarkt und eine Apotheke….
Auch das öffentliche Schwimmbad ganz am Ende der Insel ist am Sonnabend Vormittag gut besucht. Kinder lernen unter strenger Anleitung älterer Bademeisterinnen den Kopfsprung, vier Damen plagen sich eifrig mit Wassergymnastik (in einem kleinen Teil des Beckens ist eine Plattform angebracht worden, auf der einige Menschen stehen können, es ist ziemlich eng), es gibt eine Bahn für schnelle Schwimmer, zwei für gemächliche, die anderen drei sind heute für Schülergruppen reserviert. Vom Becken aus hat man einen weiten Blick über die ganze Lagune, das Wasser ist sehr angenehm warm.
Wie beim letzten Mal amüsiere ich mich über die unterschiedlichen Sitten in den verschiedenen Ländern: Hier gibt es keine Schließfächer oder Schränke. Man gibt seine Wertsachen an der Kasse ab, wo sie in einer Schublade verstaut werden. Seine Sachen hängt man in einem großen Umkleideraum an den Haken, anscheinend wird hier nicht geklaut. Zum Duschen muss man seinen Badeanzug anziehen, nackt ist verboten. Alle haben Badekappen auf, auch die Männer, und man bewegt sich in der Halle mit Slippern, viele haben auch Bademäntel mitgebracht für den Gang zum Becken. Es gibt weder eine Sauna noch ein Kinderbecken mit Rutsche oder Wassermassagedüsen. Alles ist einfach, zweckmäßig, freundlich und schön warm. Die jüngsten Kinder sind vielleicht im Grundschulalter. Wahrscheinlich geht man in Italien nicht mit Kleinkindern ins Schwimmbad.
Statt des angekündigten Dauerregens währen des Tages bleibt alles sonnig und trocken und so nehme ich einen letzten Aperitif am Wasser und setze dann über zum „Haupt-Venedig“ und begebe mich zu meiner nächsten Herberge, dem Frauenkloster „Casa Caburlotto“, das auch als Hotelpension fungiert, einen kleinen Innengarten besitzt und wo einem das Frühstück von den Nonnen serviert wird. Ich darf schon eine Stunde zu früh einchecken und bekomme wieder, wie schon viele Male zuvor, das Zimmer mit Aussicht. Spartanisch, aber zweckmäßig und völlig ausreichend ausgestattet, nur diesmal haben sie das Kruzifix über dem Bett durch eine freundlich dreinblickende Madonna ersetzt. Wahrscheinlich werde ich so besser schlafen. Das einzige, was hier anders ist, ist der Curfew: Das Haus ist von 24 Uhr bis 6 Uhr morgens geschlossen, kein rein und kein raus. Das fand ich so komisch vor einigen Jahren, dass ich das mal ausprobieren wollte, und so bin ich hier gelandet und dabei geblieben. Nachtleben in Venedig ist ja sowieso nicht, selbst der Jazzclub beendet sein Programm um 23 Uhr.
Dann bin ich endlich bereit für meine endlosen Spaziergänge und das Verlaufen in dieser Stadt, in der ich seit knapp 70 Jahren immer wieder gewesen bin. Trotzdem verliere ich mich noch immer entzückt im Gassengewirr. Schließlich findet man aber immer zuletzt irgendeine Vaporetto-Haltestelle und kann sicher wieder in vertraute Gegenden zurückschippern. Es gibt an jeder Ecke interessante, auch verrückte Geschäfte mit Kunst, Krempel und Krimskrams zu entdecken, kleine, versteckte Bars und Cafés, Treppen und Brücken zum Verweilen und komische Typen zum Beobachten. Hier hört man nun etwas mehr ausländische Sprachen, aber die Italiener sind jedenfalls zu dieser Zeit des Jahres klar in der Überzahl und von Menschenmassen kann man noch nicht wirklich sprechen.
Am Nachmittag begehe ich einen furchtbaren Fauxpas und gehe um 4Uhr in ein Straßenrestaurant am Campo Santa Margherita, um zu essen. Kein Mensch isst um diese Zeit in Italien, aber ich habe die lunch-Zeit knapp versäumt und musste bei Bacareto di Lele leider umkehren, weil sie um Punkt 2 Uhr Schluss machen, und hatte so furchtbaren Hunger, dass ich mich nun leider schlecht benehmen musste und nicht bis zum Abend warten konnte. Glücklicherweise ist man aber in Venedig tolerant auf solche irren Touristen eingestellt und ich bekam köstliche heiße Spaghetti con Cozze🍝 (was für ein Name!) und knusprige Calamari.
Nach weiteren Gängen durch die krummen Gassen und einem abendlichen farbenfrohen Campari in einem schön von oben angewärmten versteckten Café leiste ich mir noch abschließend eine Schiffsfahrt auf dem Canale Grande, vorbei an von antiken Lampen in prächtigen Innenräumen erhellten Palazzi (wer mag da wohl wohnen?),die etwa dreimal so lange dauert als wenn ich gelaufen wäre, aber das muss nun einmal sein jeden Tag.