Indien ist, wenn sie dir erzählen, dass ein Freund uns eingeladen hat und du plötzlich mit nassen Haaren im Chiller-Look zu einer fancy Veranstaltung voller Ärzte mit 70 Leuten gebracht wirst, wo sie dich dann noch spontan um eine Rede bitten und du um 23 Uhr ablieferst, obwohl du unvorbereitet warst. (Das macht ein Monat Indien mit dir.)🕺🏽
Woche 6: 9.-15. Februar
Montag, 9. Februar:
Nachdem wir etwas ausschlafen durften, beglücken uns endlich Tinas Eltern mit ihrer Anwesenheit. Leider war deren Flug am Freitag gecancelt worden, weswegen sie umbuchen mussten und deswegen nur zwei Tage mit uns verbringen konnten. Aber an jenem Morgen kamen sie an und wurden von Yashoda und Raghunath vom Flughafen geholt, während wir uns bereit für die Schule machten, bis wir sie begrüßen konnten. Danach fuhren Tina, Raghunath und ich schon mal vor zur alten Delhi Public School, denn die Zeremonie zur Verabschiedung der zwölften Kasse stand an. Dafür mussten die Mädchen Saris (Indische Kleider) und die Jungs Anzüge tragen, weswegen auch wir uns in Schale warfen und jeweils einen Sari trugen. Da diese jedoch aus einer Bluse, einem Unterrock und einem Tuch, was eben zum Sari wird, bestanden, mussten uns die Didis dabei helfen, jenes Tuch richtig und ordentlich zu spannen und anzuziehen. Alle waren hellauf begeistert von unserem Aussehen. Dann schauten wir noch eine von Harishs Tanzstunden mit einer Grundschulklasse, bevor wir Tinas Eltern sowie Yashoda (Ma'am) in der Schule empfingen, da auch sie der Veranstaltung beiwohnen sollten. Nach einigen Fotos, welche von uns allen gemacht wurden, schauten wir uns also die Zeremonie an. Dabei wurden einige Reden gehalten und Preise vergeben, bevor alle Zwölfklässler*innen jeweils eine Kerze vor der Göttin der Bildung anzünden durften. Anschließend gab es ein riesiges Buffet für alle, an welchem auch wir uns bedienten, nachdem wir Tinas Eltern ein wenig in der Schule herumgeführt hatten. Danach erledigten Yashoda und Raghunath noch ein paar administrative Aufgaben und wir anderen saßen nebenan im Konferenzraum und unterhielten uns. Anschließend fuhren wir los, um Adapter zu kaufen, erwarben Früchte und schauten nach Schols, also so eine Art Tuch. Da Tinas Eltern nachts nicht geschlafen hatten, weil sie ja im Flieger saßen, gab es eine ausgiebige Ruhezeit für alle, bevor wir uns später zum Chai-Trinken wieder trafen. Als nächstes stand ein kurzer Ausflug zu einem Flohmarkt an, bei dem vorwiegend Stoffe, Tücher und Kleidung verkauft wurden. Zudem fand dort ein kleines Programm statt. Zurück zu Hause aßen wir zu Abend. Zusätzlich kamen noch ein Familienfreund und seine Frau zu Besuch, die auch Tinas Vater kennt, und der liebe Dharmendra, mit dem wir vor einigen Wochen in Jagdalpur gewesen waren. Nach einem langen Tag ging es dann für uns alle ins Bett.👫
Dienstag, 10 Februar:
Am Morgen gingen wir unserer alltäglichen Routine nach. Die einzige Besonderheit war, dass wir nicht nur Yashoda, Raghunath und Anita (unserer Köchin) einen guten Morgen wünschten, sondern auch Tinas Eltern, die später in die Schule nachkommen würden. Wie immer wurden wir (netterweise) von Neelu Ma'am (der Direktorin) abgeholt und zur Schule gefahren. Dort gab es Frühstück und eine Menge Wiederholungsstunden sowie -Tests. Das ist aktuell der Hauptinhalt der Schultage der Kinder, da es bald Zeit für ihre Endexamen wird. Im Gegensatz zu uns in Deutschland, wo es nach jedem eingeführten und neu gelernten Thema eine Arbeit gibt, hat die Delhi Public School (sowie andere indische Schulen soweit ich das vom Hören beurteilen kann) Endexamen. Das bedeutet, alle Themen werden nach und nach wiederholt und am Ende wird das komplette Wissen des Schuljahres abgefragt. Nach dem Mittagessen fuhren wir nach Hause, um uns dort alle auszuruhen. Tinas Eltern mussten sich schließlich erstmal vom Jetlag erholen. Anschließend tranken wir alle gemeinsam Chai und nahmen ein paar Snacks zu uns. Da es noch eine Weile dauerte bis wir zum Abendessen ins Restaurant fahren würden und sich alle irgendwie vertun konnten, beschloss ich, mein Buch fertig zu lesen, denn ins Gym ging es an jenem Tag natürlich nicht, weil die Zeit mit Tinas Familie voll ausgenutzt werden musste. Im Indian Coffee House, wo man alles Mögliche bestellen kann, aßen wir dann Dosa, eine südindische Köstlichkeit, die uns meist etwas an Crepes erinnert. Als Nachtisch gab es ein leckeres Eis, für mich natürlich Schokolade.🍦
Mittwoch, 11. Februar:
Leider wurde es schon Zeit, Tinas Eltern zu verabschieden und so machten wir dies, bevor sie von Yashoda und Raghunath zum Flughafen gebracht wurden. In Nava Raipur gab es Frühstück, wie es die Routine eben vorhersieht, und dann mal wieder viele Wiederholungsstunden sowie -Tests. Allerdings baten mich die dritten Klassen in ihrer Mittagspause darum, mit ihnen zur Sportstunde nach draußen zu gehen und genau das machte ich auch (aber nur solange ich es aushielt, weil dann die Sonne knallte und ich trotz Sonnencreme vorsichtig sein muss). Kurz vor dem Mittagessen hat Tina sogar eine Kleinigkeit getöpfert, nämlich ein Kännchen. Nach dem Essen fuhren wir nach Hause und fielen zurück in unsere eigentliche Routine, welche aus einem Schläfchen, dem Chai, dem Gym und Abendessen sowie Cricket besteht.🥅
Donnerstag, 12. Februar:
In der DPS Nava Raipur frühstückten wir und teilten uns dann auf die beiden Vorschulgruppen (KG 2) auf, wo bis 11:30 Uhr gerechnet wurde, um die Schulbücher zu vervollständigen, sowie Hindi geübt worden war. Es handelte sich um schriftliche Addition, aber auch schon mit zweistelligen Zahlen, was für uns in Deutschland vom Lehrplan her ja undenkbar wäre. Tatsächlich hatte ich auch den Eindruck, dass einige Schüler*innen noch nicht genau wussten, wie sie die Aufgaben lösen sollten, aber das kann man nach einer so kurzen Zeit in einer fremden Klasse meist schlecht sagen. Die 4b beschäftige sich in der letzten Stunde, die wir mitbekamen, mit abstrakter Kunst. Das sah ganz spaßig aus, aber leider fiel uns auf, dass die Kinder, welche keine Sachsen dabei hatten, einfach nicht mitmachen durften. Nun muss man kurz dazu sagen, dass wir nicht wissen, wie oft das schon passiert ist und welche Konsequenzen sonst gezogen worden sind. Aber wir fanden es recht schade, da es ja mehrere Gründe dafür geben kann, warum Sachen vergessen oder nicht mitgebracht werden und von unseren eigenen Erfahrungen an Schulen kennen wir es einfach anders. Dort hat die Lehrkraft dann nämlich meist etwas Material dabei, damit letztendlich alle mitmachen können. Aber wie gesagt, es ist wieder mal nur eine Momentaufnahme und wir möchten auch keine voreiligen Schlüsse ziehen. Nach dem Mittagessen traten wir den Heimweg an und schliefen und danach ging's Tina leider gar nicht gut. Was mich einst ereilt hatte, war nun ihr Schicksal und es ging ihr sehr schlecht. Ansonsten blieb die Abendroutine für uns andere gleich und natürlich kümmerten wir uns um die Tina.😖
Freitag, 13. Februar:
Tina ging es noch immer sehr elend, weshalb sie zuhause bleiben durfte und auch ich auf ihren Wunsch hin bei ihr blieb. Ihr müsst euch das so vorstellen wie ein Elternteil, das mit seinem kranken Kind daheim bleibt. Während sie fast den ganzen Vormittag und Nachmittag schlief, saß ich im Nebenzimmer, also im Wohnzimmer, und tat dies und jenes. Unter anderem kümmerte ich mich um die restlichen Referendariatsbewerbungen, schaute Serien, las ein wenig und aß mein Mittagessen. Zwischendurch kümmerte ich mich hier und da um Tina und legte mich zeitweise dazu, um auch zu schlafen. Aber vor allem snackte ich den ganzen Tag über (was Tina nicht erfahren darf, weil sie konnte ja nichts essen). Während des Schlürfens des alltäglichen Chais, schauten wir Cricket. Danach gingen wir ins Gym und ich duschte, anständig wie ich bin. Nach dem Abendessen würden wir einen Familienfreund besuchen sagte man mir, doch dieser von mir als entspannter Besuch erwartete Ausflug stellte sich als eine Großveranstaltung des Familienfreundes mit all seinen Doktorkolleg*innen heraus (siehe Einleitung). Es gab viel zu viel Essen (ich nahm mir nur etwas Nachtisch und ein Spaßgetränk, denn ich hatte ja schon zu Abend gegessen) und viele Reden, darunter eine spontane von mir, weil man mich darum gebeten hatte. Zurück zuhause berichtete ich Tina von den Vorkommnissen und ließ sie wissen, dass es gut war, dass sie im Bett geblieben war, denn der ganze Essensgeruch hätte nur Schaden angerichtet. Ich war wirklich müde an diesem Abend und fiel danach ins Bett.📁
Samstag, 14. Februar:
Am Samstag fuhren wir auch morgens mit dem Bus zur Schule (anders als sonst). Hier möchte ich kurz anfügen, dass uns Jasmit dann abfing und begrüßte und folgende Konversation (auf Deutsch übersetzt) stattfand:
Jasmit: "Wie seid ihr hergekommen?"
Wir: "Mit dem Bus."
Jasmit: "Was?"
Wir: "Mit dem Bus."
Jasmit: "Das hab ich schon verstanden, aber warum? Ich hätte euch doch geholt!"
Ihr müsst wissen, Gespräche mit Inder*innen sind IMMER sehr höflich und so auch die Konversationen mit Jasmit. Dieses Gespräch war natürlich auch nett, aber halt auch einfach lustig. Stellt euch vor, eine normalerweise sehr gefasste Person ist plötzlich ganz schockiert und redet so. Wir lieben unsere Jasmit Ma'am sehr. Jedenfalls gab's danach Frühstück, wie immer. Da Samstag war, hätten theoretisch die Clubs und Wettbewerbe angestanden, allerdings ist das Schuljahr ja fast vorbei und deswegen gab es eine Art Abschlussprogramm, wo die Kinder vorzeigen konnten, was sie dieses Jahr im Club gemacht hatten. Dies war entweder durch eine Teilnahme an der Vorstellung oder durch eine Ausstellung möglich (es kam sehr auf den Club an). Das System mit den Clubs gefällt mir wirklich sehr gut. Es gibt den Schüler*innen die Chance, sich auch in der Schulzeit mit ihren Interessen auseinanderzusetzen. Jedes Jahr dürfen sie sich für einen Club entscheiden. Ich denke, man kann das ganz gut mit unseren Ganztagsangeboten vergleichen. Ein Kind muss sich für 3-4 Clubs von 20 entscheiden. Einen davon bekommt es definitiv. Damit werden alle verteilt und im nächsten Jahr kann man sehen, wer vielleicht beim letzten Mal nicht seine Erstwahl bekommen konnte, sodass dieses Kind dann Glück hat. Generell darf auch immer derselbe Club gewählt werden, aber um Fairness zu bewahren, kann es eben sein, dass man nicht immer seine erste Wahl bekommt. Der Samstag stand jedenfalls unter dem Motto "Enthusia", was von dem englischen Wort "Enthusiasm" kommt und für Enthusiasmus steht. Man hat den Kindern ihren Stolz förmlich angesehen und es hat mir wirklich viel Spaß gemacht, sie in ihrem Element zu sehen. Als der Tag dann vorbei war, verbrachten wir unsere Zeit mit Lesen, bis es Zeit für das Mittagessen wurde. Zurück daheim schliefen wir mal richtig lang, denn es war Samstag und Sonntag würde frei sein. Das Abendprogramm war ziemlich ähnlich zu sonst, also ganz entspannt und mausig.🧮
Sonntag, 15. Februar:
Sonntag ist unser Lieblingstag der Woche, da, ich hab's gesagt. Ist es, weil wir frei haben? Natürlich. Ist es außerdem, weil wir ausschlafen können? Aber sicherlich! Mit Me-Time und einem langem Frühstück starteten wir in den Tag. Ich persönlich las, machte Sudokus und andere Rätsel, während ich Musik hörte, und Yashoda schmierte mir die wöchentliche Maske ins Gesicht. Später aßen wir zu Mittag und fuhren anschließend ins Einkaufszentrum. Dort fand ich natürlich nicht, wofür ich eigentlich gekommen war, aber dafür zwei tolle Oberteile. Machste nichts. Auch Tina kaufte sich ein total schönes Oberteil. Dann tranken wir Chai und aßen Snacks, während wir alle gemeinsam Cricket schauten. Ansonsten war es eben ein freier entspannter Tag, an dem nicht so viel passierte. Nicht mal den Blog hab ich mit einem Update beglückt, wie ihr sicherlich gemerkt habt, weswegen ich in der darauffolgenden Woche über beide Wochen schreiben musste (selbst Schuld, wenn man so faul ist wie ich).📝
➡️ Soll reichen. Bis morgen, wenn ich wahrscheinlich das Update der letzten Woche poste.🤓