Sch ... ! Schwindel.
Die Nacht auf Freitag war miserabel. Eigentlich geht es ja jetzt gut mit schlafen, aber wenn nachts um eins ein Hund im Haus bellt, so wacht man halt auf. Dass er nun...

Veröffentlicht: 23.04.2017
Man fühlt sich ein wenig in eine andere Zeit versetzt. Das Taxi hält vor dem Bahnhof, man steigt aus, geht die Treppen hoch. Leute hat es kaum, es ist ja auch erst 7 Uhr morgens. Kaum betrittst du den Perronbereich, sind zwei Männer am Sauberwischen des weiss gefliesten Gehsteigs. Sie sind uniformiert und tragen ein schwarzes Käppi. Es würde mich nicht wundern, käme jetzt Hercule Poirot um die Ecke, um - in weissem Leinenanzug mit perfekt sitzendem Schnurrbart - die Ermittlungen aufzunehmen in Sachen "Wer hat den Orientexpress nach Quito gebracht?"
Also, zurück nach Quito.
Alessandra, eine Studentin derselben Sprachschule, hatte sich am Mittwoch ein Ticket für diesen Tren besorgt, ich mich kurzentschlossen angehängt. So sind wir auf diesem Perron gelandet und freuen uns auf den Ausflug. Die Freude ist deshalb so gross, weil das Wetter endlich schön ist, nachdem es eine Woche lang nur bewölkt und kalt war und dazu noch meistens geregnet hat.
Nach der Information in einer Bahnhofshalle geht es in den Zug. Im selben Abteil sitzen eine Studentengruppe aus den Staaten und viele andere Touristen. Wie ich später erfahre, sind die nur wenige aus Ecuador, obwohl sie für mich so aussehen und sich anhören mögen.
Die Fahrt ist für mich zuerst erschreckend. Langsam, fast im Schritttempo, geht es durch Quitos Süden. Alles ist armselig, provisorisch, schmutzig, improvisiert, baufällig bevor erstellt. Graffitis hat's phantastische entlang der Eisenbahn. Und alle Gesichter die zum Zug blicken strahlen, sind fröhlich, winken. Auch das fällt auf. Einige Minuten nachdem ich den Hügel ausgemacht habe, auf welchem ich später bei den Minadores de Suenos meinen Volontärseinsatz leisten werde, lockern sich die bebauten Gebiete auf. Es wird ländlicher. Vegetation kommt auf. Wir überqueren kleine Täler, bewachsen mit Eukalyptusbäumen, tuckern entlang von kleinen Flüsschen und immer in der Ferne lässt sich einer der Vulkane sehen, der dem Zug den Namen gab. Diese werden auch fleissig kommentiert. Die Ansage erfolgt in Spanisch und in Englisch. Unnötig zu sagen, dass ich es in Englisch besser verstehe. Erstaunlich für mich, die amerikanischen Studenten, geführt von einem spanischsprechenden Leiter, kümmern sich kaum um die Landschaft. Sie spiele Karten oder, unglaublich, gucken während der ganzen Reise auf dem Smartphone einen Film. Dabei sind sie auf der schöneren Seite. Dort, wo auch immer wieder der Cotopaxi in voller Grösse zu erkennen ist. Ich hoffe, dass für die Rückreise der Zug gedreht wird.
An einer kleinen Station gibt's eine Verpflegungspause. Dann geht es weiter. Jetzt ist die Landschaft genau so, wie ich es aus Filmen, von Fotos kenne. Ich bin in den Anden. Besiedeltes Gebiet mit Äckern von Mais und Kartoffeln, auch andere Pflanzen sind dabei, die ioch nicht kenne. Umrandet von Hügeln, bzw. Vulkanen. Es sind meist erloschene Vulkane, sehen also aus wie zackige Berge. Die schönen geformten Vulkane mit weisser Kuppe, die sind eher weiter weg, hinter den Hügeln. Allen voran der Cotopaxi, dem wir uns langsam nähern.
Am Ende der Reise sind wir in El Boliche, am Fusse des Cotopaxi. Es sieht fast aus wie in einem Bergwald bei uns. Vom Vulkan ist hier deshalb nichts zu sehen. In Gruppen macht man sich auf einen Weg durch den Wald. Highlight ist der Baum Quishuar. Er ist ein heiliger Baum. Völker aus Amazonien kamen hoch, um ihn aufzusuchen, die Inkas haben unter seinem Dach wichtige Zeremonien gefeiert.
Alessandra, meine Begleiterin (bzw. umgekeht), hat inzwischen Bekanntschaft geschlossen mit einem ecuadorianischen Jungen namens Luis. Wir habe gegenseitig Fotos gemacht und schliesslich sitzen wir alle zusammen im Zug. Tatsächlich sind wir diesmal auf der Cotopaxiseite, nur ist dieser jetzt in Wolken gehüllt und hat keine Lust, sich nochmals zu zeigen. Es ist eine abwechslungsreiche Reise zurück. In Machachi ist Zwischenhalt. Eine Gruppe Indios macht Musik und tanzt. Folklore gehört zum Programm des Tren de los Volcanos. Die Mitreisenden werden zum mittanzen aufgefordert. Ich zum Glück nicht. Einige Americanos steigen spontan mit ein und setzen sich in Szene. Jubel allseits und die machen es gut und haben wirklich Spass dabei. Danach gibt es Mittagessen. Wir sitzen zu viert. Die Ecuadorianerin ist Polizistin in Quito, ihr Sohn ist dreizehn und studiert in Guayaquil. Markenzeichen: Er ist die ganze Zeit am Essen, ist aber ein absolut netter, spontaner, hilfsbereiter und offener Kerl. Hilft überall, wo er kann. Auf der Rückreise wird viel gesprochen, nicht von mir, aber ich versuche, der Konversation zu folgen. Gelingt bisweilen. Zurück im Bahnhof von Chimbacalle verabschiden wir uns noch nicht. Im Zug schon hatte Alessandra die Idee, des schönen Wetters Willen den Panecillo zu besuchen.
Die Ecuadoriana (Ich muss sie so nennen, denn ich weiss ihren Namen nicht) schlägt vor, per Bus zur Plaza Santo Domingo zu fahren und von dort ein Taxi zu nehmen. Wird gemacht. Sie kommen mit, denn sie haben Zeit.
Auf der Plaza nehmen wir ein Taxi. Der Taxista fährt los und schon bei der ersten Verzweigung macht la Ecuadoriana klar, dass sie den nächsten Weg kennt. Schliesslich sind wir auf dem Panecillo und die Aussicht im Moment der Dämmerung ist atemberaubend. Ich kann das gar nicht alles fotografieren. Versuchs einfach und geniesse den Ausblick.
Danach geht es runter per Bus. Da kommt einer, welcher den Panecillo mit der Mitad del Mundo verbindet. Ich möchte gerne wissen, wo der Bus durchfährt, denn dahin will ich ja auch einmal. Aber das System, welcher Bus fährt wohin, das ist mir völlig unklar. Ich weiss auch jetzt noch nicht genau wo der zu erwischen ist, glaube aber, dass man sich an eine der westlichen Busrouten von Nord nach Süd und umgekehrt halten muss, also entlang der Avenuda America. Nach dem Tunnel an der Haltestelle Tejar steigen wir aus. Es ist das erste Mal, dass ich in einem Bus sitzen konnte. Von dort gehen wir zu Fuss hinunter zur Plaza Marin. Luis sagt mir, dass ich mir den Rucksack unbedingt vorschnallen muss. Es sei gefährlich hier. Der übliche Trick sei, mit dem Messer einen Schnitt in den Rucksack oder die Tasche zu machen. Und ich solle nicht zurückfallen. Zu viert gehen sei viel sicherer. Auf dem Weg erzählen Luis und seine Mutter etliche Räubergeschichten von Überfällen, von denen ich nicht einen Drittel verstehe. Vielleicht besser so.
An der Marin Central verabschieden wir uns. Ganz herzlich, mit fester Umarmung und drei-,viermal "Muchas gracias" meinerseits. Für Luis habe ich eine spezielle üBerraschung. Den ganzen Tag habe ich eine Tafel Schokolade mitgeschleppt. Da es aber immer viel zu essen gab, nicht gebraucht. Die gebe ich ihm nun. Mann, das Gesicht hat gestrahlt!
Alessandra versichert sich beim Sicherheitsbeamten auf dem Buseinstieg, dass wir den richtigen Bus nehmen. Wir zwängen uns da hinein. Wieso hat es in diesen Bussen immer nur Leute, welche einsteigen und nie solche, welche aussteigen? Auch diesmal ist wieder ein Gedränge ... Bis zum Ende unserer Fahrt wird es immer schlimmer. Die Stationen sind nicht zu erkennen, Ich würde sie ja sowieso nicht erkennen. Irgendwann kreuzt der Bus die Strasse, welche vom Flughafen herauf kommt. Dank meinem Garmin, welches ich aus dem vorgeschnallten Rucksack herausnehmen kann, steigen wir an der richtigen Stelle aus.
Nach den bewältigten Höhenmetern hinauf ins Heimquartier und der Verabschiedung von Alessandra gibt es nur noch einen Ort. Nein zwei: Zuerst die Dusche.
Keine Energie übrig für den Blog.