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Aristocats

Veröffentlicht: 10.09.2026

Attraktion
Nas
Ikaria, Griechenland
Sehenswert
Taverne oberhalb der Bucht in Nas
Nas, Ikaria, Griechenland
Essen
Taverne oberhalb der Bucht in Nas
$ · Abendessen

Bei der Castingshow Popstars trieb Anfang des Jahrtausends ein weiblicher Gesangscoach namens Artemis ihr Unwesen. In einer Werbepause wurde als Gewinnspiel die Frage gestellt, ob sie a) Artemis oder b) Aristocats heiße. Nach „Was lieben Koalas? Eukalyptus oder Mechanismus?“ meine Lieblingsfrage aus dieser seltsamen Phase des Fernsehens. 

Nas (Νάς) liegt ein paar Kilometer westlich von Armenistis. Im 6. Jahrhundert wurde hier von den Ikarianern ein Tempel zu Ehren der Artemis errichtet, genauer der Artemis Tavropolos, was in etwa „Stierbändigerin“ heißt. An der Stelle macht sich erneut ein Rabbithole auf, denn es gibt zwei verschiedene Interpretationen dieses Beinamens. 

Die eine besagt, dass der Stier für das Befruchtende und Zerstörerische der Natur steht. Das ist an diesem Ort absolut nachvollziehbar. 

Der Wellengang in der Bucht ist dramatisch. Starke Nordwinde (Meltemi) und eine starke Strömung machen den Strand zu einem der Gefährlichsten auf Ikaria. Dies muss auch für frühe Seeleute eine riesige Herausforderung gewesen sein. Also Zerstörung  

Hinter dem Strand aber mündet ein Gebirgsbach in die Ägais und es ist durch eine subtropisch anmutende grün bewachsene Lagune entstanden, die angesichts der zerstörerischen Bucht einen surrealen Gegensatz bildet. Also Fruchtbarkeit. 

Bei der anderen Interpretation landet man wie bei der Legende des Ikaros wieder auf Kreta. Dort bildete sich etwa 3.000 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung eine der ersten Hochkulturen des heutigen Europas. Diese Kultur wird abgeleitet vom Mythischen König Minos, dem Chef des Dädalus aus der Ikaros-Legende, als Minoische Kultur bezeichnet.

Die Minoer waren lange vor den klassischen Griechen, die wir aus dem Geschichtsunterricht kennen, aktiv. Sie entwickelten sogar eine eigene Schrift, die bis heute nicht entschlüsselt ist. Man weiß nicht, welche Sprache sie gesprochen haben, es war aber definitiv kein Griechisch. 

Die Minoer bauten riesige, hochentwickelte Palastanlagen, die Labyrinthartig angelegt wurden. Der berühmteste und größte davon ist der Palast von Knossos auf Kreta. Diese Paläste waren keine Festungen, sondern offene, Zentren für Verwaltung, Religion, Wirtschaft und Kunst. Sie besaßen bereits fortschrittliche Abwassersysteme und fließendes Wasser. 

Sie waren außerdem waren friedliche Händler und exzellente Seefahrer. Da sie keine Stadtmauern bauten, geht man davon aus, dass sie eine so mächtige Flotte besaßen, dass sie keine Angriffe fürchten mussten. Sie kontrollierten den Handel im gesamten Mittelmeerraum und hatten engen Kontakt zu Ägypten und dem Nahen Osten. Dadurch gelangte ihr kultureller Einfluss auch auf Inseln wie Ikaria.  

Das wichtigste heilige Symbol der Minoer war der Stier. Die Sage vom Minotaurus, dem Halbwesen aus Mensch und Tier, dass das Labyrinth bewachte, aus dem Dädalus und Ikaros flohen, hat hier ihren Ursprung. Und diese Sage hat es wirklich in sich. Ungegoogelt hat sich ein Halbgott aus irgendeinem Grund als Stier verkleidet und das Ungeheuer mit einer menschlichen (oder ebenfalls göttlichen) Partnerin gezeugt. Oder umgekehrt. Die Geschichte hat mir mal ein fröhlicher Kellner im Geesthachter Restaurant Mykonos zu später Stunde am Tresen erzählt, und ich habe mich entschieden, das für mich so stehen zu lassen.

Etwa 1450 Jahre vor unserer Zeitrechnung gab es  auf Santorin einen gigantischen Vulkanausbruch. Es folgten Tsunamis und Erdbeben und riesige Aschewolken bedeckten den Himmel. Vermutlich wurde dabei die Minoische Flotte, sowie die Ernte der Minoer zerstört, und kurz darauf eroberten die Mykener, die ersten Festlandgriechen, das einst mächtige Reich. 

Nun liegen zwischen diesem Untergang und dem Bau des Tempel in Nas knapp 2000 Jahre, aber es wird nicht ausgeschlossen, dass sich gerade auf abgelegenen Inseln ein auf den alten Überlieferungen basierender Kult gehalten haben könnte. 

Der Tempel wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts abgetragen, um aus den Steinen eine Kirche in Christos Raches (auf diesen besonderen Ort komme ich ein andermal zurück) zu errichten. Unter den Einheimischen soll sich das Gerücht halten, vor der Bucht seien etliche Marmorstatuen versenkt- und bis heute nicht geborgen worden. Außerdem soll die hölzerne Artemis Statue, die der Legende nach vom Himmel fiel und das zentrale Heiligtum des Tempels war, im Bereich der Lagune vergraben worden sein.  

Danach wurde die Gegend (aus Furcht vor Rache der Götter?) lange gemieden und erst mit der Ankunft der Hippies siedelten sich hier wieder knapp 50 dauerhafte Einwohner an. Der Name Nas leitet sich wohl vom griechischen Wort für Tempel (ναός, Naos) ab  

Ok. Ich hoffe die Geschichtsstunde langweilt nicht zu sehr, ich finde es jedenfalls voll spannend, weil sich so viel von dieser Mythologie eben auch dadurch erklärt, mit was für offensichtlichen Herausforderungen die Menschen damals umgehen mussten. 

Jetzt sitze ich in einer zum heulen schönen Taverne oberhalb der Bucht, habe das mindestens zweitbeste Moussaka meines Lebens gegessen und warte auf den Sonnenuntergang, der nirgends auf der Insel so spektakulär sein soll wie hier. 

Auf einen Blick

Automatisch aus dem Beitrag extrahiert
Wetter
Sommer
KulturellEntspannend
  • Tempel von Artemis in Nas auf Ikaria
  • Moussaka in einer Taverne oberhalb der Bucht
  • Sonnenuntergang über der Bucht
  • Blick auf die Küste und das Meer
GeschichteKulturEssenStrandNatur
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Antworten (3)

Sabinevor etwa 16 Stunden
Wunderbar! Danke für den Geschichts und Sagen-Unterricht-

ikaria-2026von ikaria-2026vor etwa 16 Stunden
Danke 😊 Freut mich wenn es gefällt und das alles nicht nur mich interessiert 😊

Sabinevor etwa 16 Stunden
Nee au contraire, sehr schön und spannend! Auf Aristocats ist die Antwort, die zu allem passt- Ägypten! Schönen Abend und ich freue mich schon auf weitere interessante blogeinträge