Bukittinggi
Nachdem wir uns von der Busfahrt erholt hatten, ging es also los Bukttinggi zu erkunden. Hier merkte man sofort, dass wir die christlich geprägte Gegend verlassen hatten und die...


Veröffentlicht: 19.03.2026


































Es ging weiter Richtung Süden, ans Meer in das zwei Stunden entfernte Padang. Die Stadt an sich hat nicht viel zu bieten, das eigentliche Ziel sollten aber auch die Mentawai sein, eine Inselgruppe gute hundert Kilometer südwestlich von Sumatra. Hier gab es die Möglichkeit, für ein paar Tage bei den dort ansässigen gleichnamigen Naturvölkern zu leben. Leider großer Mist, Freddys On-Off-Gekränkel schlug wieder richtig zu. Wir hatten zwar in Bukttingi schon abklären lassen, dass er sich keine Dschungelparasiten geholt hatte, trotzdem lag er mit Fieber und Erkältungssymptomen flach. Daher brach Marike schweren Herzens alleine zu den Mentawais auf, während Freddy in Padang blieb und sich auskurierte.
Also ging es los in einer kleinen Gruppe mit insgesamt vier Touristen für fünf Tage nach Siberut, der Hauptinsel der Mentawai. Auf der Fähre fanden sich relativ viele Touristen - auf den Inseln gibt es wohl ein paar Luxusresorts und einige der weltweit besten Surfsports, daher verschlägt es auch viele Profisportler hierher. Nichts davon sollte in den nächsten Tagen eine Rolle spielen. Nach mehreren Stunden erreichten wir Siberut, den wichtigsten Ort und Hafen der Inseln - ein überschaubares Fischerdörfchen. Es herrschte ein unglaubliches Gedränge am Hafen - die Fähren brachten auch Post und Päckchen mit, die abgeholt und aufgegeben werden wollten, und auch die einheimischen Reisenden hatten reichlichst Einkäufe vom Festland dabei. Es wurde sehr schnell viel ruhiger, als es per Auto weiter über "Straßen" weiter ins Inselinnere ging - Matschkraterinferno. Diverse Male mussten wir aussteigen und das festgefahrene Auto wieder aus Kuhlen schieben, ein paar Tage und ein paar ordentliche Regengüsse später am Rückweg sollte es noch schwieriger werden. Irgendwann hielten wir in einer kleinen Siedlung an, wurden alle mit viel zu großen Gummistiefeln ausgestattet und stiegen in Kanus um, beschaulich ging es weiter übers Wasser, umgeben von dichtem Grün. Irgendwo im Nirgendwo klettern wir mehr oder weniger elegant aus den Booten, um uns eine Weile im hüfthohen Wasser watend und die Rucksäcke auf dem Kopf balancierend fortzubewegen - dass es irgendwann anfing zu regnen war dann auch egal. Weiter ging es über matschige Pfade, über deren kritischte Stellen Baumpfähle gelegt waren, und nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir ein paar lose verteilte Häuser auf Stelzen. Eines dieser sogenannten Umas sollte unser Zuhause für die nächsten Tage werden. Hier lebte ein Schamane, ein sogenannter Sikerei, mit seiner Frau, die wir nur Mama und Papa nannten. Wer sonst noch alles regulär in dem Haus wohnte, war nicht so einfach festzustellen, ein ständiges Kommen und Gehen! Die 5 erwachsenen Kinder waren wohl ausgezogen und teilweise zum Studium nach Java gegangen, dafür wohnte eine Schwester der Frau noch hier und der Bruder des Mannes mit Frau und drei Kindern, eine Katze und ein großes Rudel Hunde gab es auch. Die Grundfläche des Umas war großzügig ausgelegt - es gab zwei Räume mit hoher Deckenhöhe, einer mit der Kochstelle und einen, in dem die Schlafstätten von uns Gästen aufgebaut waren (dünne Matratzen auf dem Boden mit Moskitonetzen, die Mentawai scheinen regulär einfach auf dem Boden zu schlafen, ggf mit einem kleinen dünnen Tuch als Decke), und eine große überdachte Terasse mit langen Sitzbänken rundherum, wo das ganze soziale Leben stattfand. Badezimmer gab es nicht, fürs Klo ging es in den Dschungel, und zum Waschen an einen nahegelegenen Fluss. Unsere zwei Guides - junge Männer, die beide aus dem Fischerdörfchen Siberut stammten und durch Besuche bei den Mentawais deren Sprache gelernt hatten - dolmetschten und erklärten - wir versuchten uns ein paar Mentawai-Worte einzuprägen, ansonsten kommunizierten wir non-verbal. Außerdem hatten wir eine Köchin mitgebracht, die aus einem der Fischerdörfchen der Insel stammte, und ein paar unbekannte Helfer im Hintergrund hatten Flaschen mit Trinkwasser für uns angeschleppt, damit wir das Flusswasser nicht trinken mussten. Es wurde also für ein paar Annehmlichkeiten für uns Touristen gesorgt, das heißt nicht, dass es immer einfach werden sollte.
Erschöpft und dreckig zerrten wir die wassergefüllten Gummistiefel von unseren Füßen - und dann tauchten wir einfach ein in dieses Leben. Ohne Handyempfang, ohne Zeitgefühl, ohne irgendeinen spezifischen Plan, was wir tun würden. Für die Mentawai spielt Zeit keine Rolle und ihre Aktivitäten richten sich danach, was gerade ansteht, wie man sich fühlt und wie das Wetter gerade ist, und daran passten wir uns an. Als Gastgeschenke hatten wir vor allem Kaffee, Tee und Tabak dabei - insbesondere letzterer erfreute sich großer Beliebtheit. In Indonesien wird ja sowieso extrem viel geraucht, aber was die Mentawai veranstalteten, war wirklich next level, alles passierte unter einer riesigen blauen Wolke. Rauchen ist tief in der Kultur verankert und auch wichtig um in animistischen Zeremonien mit den Vorfahren zu kommunizieren, aber was zu beobachten war, wirkte einfach nur wie eine maßlose Nikotinabhängikeit ohne irgendeine Rücksicht auf gesundheitliche Konsequenzen. Papa - definitiv lungenkrank und ununterbrochen vor sich hinröchelnd und schleimigen Auswurf in der Gegend herumspuckend - wickelte sich den Tabak (ube) in getrocknete Bananen- oder Nipahblätter und baute sich Riesenlunten, Mama bevorzugte schmaler zu drehen, und der Rest freute sich auch über ganz normale Zigaretten. Hauptsache es qualmt und stinkt! Und so saßen wir zum Kennenlernen und wie so oft in den nächsten Tagen auf der überdachten Terasse, tranken Tee und Kaffee und rauchten aktiv und/oder passiv. Und immer war jemand zu Besuch. Die Häuser der Mentawai sind mit größerem Abstand zueinander gebaut, aber wenn jemand in der Nähe vorbeikam, schaute er oder sie auf ein paar Zigaretten und einen Kaffee vorbei und machte sich ein wenig (auf freundliche Art und Weise) über uns Touris lustig.
Dieses entspannte Socialising ist sehr wichtig für die Mentawai und nahm viel Zeit in Anspruch, aber natürlich gab es auch einiges zu tun. So begleiteten wir Papa und seinen Bruder ein paar Mal in den Dschungel. Während die beiden mühelos barfuß durch die Gegend flitzten, versuchten wir quer durch die Botanik und Matsch in unserem schwappenden Gummistiefeln, schwitzend, triefend, an Dornen hängend bleibend, über Baumstämme balancierend mitzuhalten. Gnädig wartete Papa immer wieder auf uns, und drehte sich währenddessen die ein oder andere Fluppe. So wurde Holz für Fallen gesucht und mit gutem Augenmaß zurechtgeschnitzt und zusammengebaut, schon vorhandene Fallen überprüft. Im Vorbeigehen wurde Rattan geschnitten. Ein paar Mal nahmen die Hunde die Fährte nach Wildschweinen oder Affen auf, aber mit uns Trampeltouristen wurde das nichts mit dem Jagen. Aus am Boden liegenden verottenden Sagobäumen wurden dicke Maden gepult. Marike brachte es nicht übers Herz, sie roh und lebendig zu essen, später zuhause probierte sie sie dann über dem Feuer geröstet (eigentlich ok, aber diese cremige Konsistenz... naja). Am Fluss gab es auch eine von mehreren Familien genutzte Sagomehl-Produktionsstätte. Das Holz wird hier klein gehexelt, die Späne dann eine Weile luftdicht im Wasser gelagert, daduch fermentiert und sind anschließend zu Teig verarbeitbar, der sich wunderbar über dem Feuer rösten lässt (mit ein bisschen Salz ganz lecker), auch die Hühner kriegen Sagomehl als Futter. Das Mehl ist im Wasser bis zu einem Jahr haltbar und es gibt immer eine Notreserve, wenn andere Essensquellen ausbleiben sollten. Wenn wir Pause machten, sang Papa Schamane Lieder, um eine Verbindung mit dem Dschungel herzustellen. Mit den Frauen der Familie ging es zum Fischen mit kleinen Käschern (der einzige männliche Tourist musste zuhause bleiben). Ganz schön mühsame Angelegenheit, wir mussten barfuß durch den Fluss waten, die Steine umdrehen und die aufgeschreckten Shrimps einfangen und in einen Bambusköcher werfen, mit Glück gab es auch ein Fischlein. Am Ende eher eine magere Ausbeute, die aber zum Abendessen serviert wurden. Das Essen war übrigens sehr lecker, zum Glück hatten wir unsere Köchin dabei, die gut indonesisch kochte. Als typisches Essen der Mentawai gab es dazu mal Affenfleisch (nicht selber erlegt, aber einer der Nachbarn hatte ihn vorbeigebracht), Wildschwein, die erwähnten Sagowürmer und das Brot, sowie einiges im Dschungel gesammeltes Gemüse. Auch zum Essen tauchten immer einige Menschen aus dem Nichts auf, die dann unsere Reste aufaßen. Erst nach ein paar Tagen begriffen wir, dass die Mentawai wohl sonst weit weniger Essen auf dem Tisch haben und sich alle freuten, dass es mal ein bisschen mehr gab.
So plätscherten die Tage dahin, es war sehr schön, auch wenn man nicht immer alles verstand und sich auch in manchen Momenten ein wenig fehl am Platz fühlte. Zum Teil war sehr anstrengend, aber auch toll zu merken, wie anpassungsfähig man selber ist und dass man schnell dazulernt. Hatte man in ersten Nacht auf dem harten Holzboden, der vibrierte weil sich die flohverseuchten Hunde ununterbrochen kratzen mussten, kaum ein Auge zugetan, schlief man am Ende wunderbar durch. Der Klogang, am ersten Abend ein gruseliges und aufregendes Abenteuer, in voller Montur, mit Gummistiefeln, Desinfektionstüchern bewaffnet- war kein Problem mehr - irgendwann ging es einfach barfuß hinter die Bäume und Blätter sind eigentlich auch ganz gutes Klopapier. War man anfangs noch peinlich berührt, als man am Fluss beim Waschen etwas Privatspähre vermutete, und dann plötzlich eine Horde fremder Männer in Kanus und Lendenschurzen an einem vorbeirauschte, war einem das irgendwann alles egal. Suchte man sich zu Beginn panisch nach Blutegeln und anderem Getier ab, kratze man sich irgendwann nur noch und verwischte das Blut, ohne genau hinzusehen. War es am Anfang schwierig, auf den nassen und feuchten Baumstämmen oder den schlammigen Pfaden nicht das Gleichgewicht zu verlieren und hatte man ständig Angst hinzufallen,bewegte man sich immer selbstbewusster und geschickter, in der Nähe der Hütte auch problemlos barfuß. Die anfangs von Steinen und stacheligen Pflanzen schmerzenden Füße wurden auch immer unempfindlicher. Und auch wenn wir nicht richtig mitarbeiteten, sondern eher zuschauten bei dem was anstand - hatte man das Gefühl, dass man die Sachen erlernen könnte, auch als verwöhnte westliche Couch-Potato. Ob man das möchte, ist natürlich eine andere Sache, und einige Errungenschaften wie die Erfindung der Zahnbürste und andere Annehmlichkeiten haben auf jeden Fall ihre Daseinsberechtigung.
Am vorletzten Tag kam noch der örtliche Tätowierer vorbei und verpasste den zwei anderen Mädels der Gruppe auf unserer Terrasse ein traditionelles Tattoo, und da man schon mal ne frische Nadel ausgepackt hatte tätowierten sich ein paar Jungs noch gegenseitig. Marike guckte lieber zu, trank Kaffee und spielte mit Nora, einer der Töchter des Bruders. Nach der Verabschiedung am letzten Tag fuhren wir übrigens nicht mehr Kanu, sondern wanderten ca. 1.5 h durch Matsch, Flüsse, bergauf und bergab zu dem Ort, wo uns der Jeep vor ein paar Tagen rausgelassen hatte. Schon wieder ganz schön anstrengend und dann erfuhren wir, dass das der reguläre Schulweg von Nora war, die den mit ihren 7 Jahren jeden Tag hin und zurück ging.
Es war wirklich schön, diese Mentawai-Familie und ihr Umfeld kennenzulernen, die sehr aufgeschlossen nach außen sind, aber trotzdem an ihren Traditionen festhalten. Sehr authentisch, außer dem Bananenröckchen, was wir zum Fischen angezogen bekamen, wurde wohl nichts uns Touristen zuliebe gemacht. Und dennoch scheinen sie verstanden zu haben, dass sich für ihre Kinder mehr Chancen im Leben auftun, wenn sie eine Schulbidlung genießen und ihnen die Tür für eine Ausbildung und ein Leben außerhalb dieser Welt offensteht. Eine unglaubliche Erfahrung und eines der prägendsten Erlebnisse für Marike, und es ist wirklich ein Jammer dass Freddy nicht dabei sein konnte (auch wenn die Entscheidung richtig war, man musste im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte sein). Ein weiterer Grund, irgendwann wieder nach Sumatra zurückzukehren.
Nach 5 langen Tagen ohne jeglichen Kontakt waren wir jedenfalls wieder zu zweit vereint und sehr glücklich darüber. Nach einer heißen Dusche, Behandlung von Flohstichen und Kratzern und frischen Klamotten ging es dann erst mal Pizza essen und ein Bier trinken - und dann in einem weichen Bett schlafen!
