Go East - Mit dem Fahrrad zu Ev. Gemeinden in Osteuropa
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5. Tag 13. Juli Interessanter Gemeindebesuch in Melnik

Der fünfte Tag meiner Tour startete ganz entspannt, weil der Besuchstermin mit dem Ev. Pfarrer von Melnik erst für 13 Uhr vereinbart war. Deshalb nutzte ich den Vormittag für eine kleine Stadtbesichtigung. Also, wieder die 80 Höhenmeter rauf geradelt. Mittlerweile war ich etwas geübt. Von der Schlossterasse hatte ich einen herrlichen Ausblick auf den Zusammenfluss von Moldau und Elbe (Foto). In Melnik wird der an den Hängen Weinanbau betrieben (Foto) und im nahen Schloss gibt es regelmäßig Weinverkostungen. Gleich gegenüber befindet sich die katholische Peter und Paul-Kirche, die zu bedeutensten von Böhmen zählt. Sehenswert ist das Zinntauschbecken aus dem 15. Jh. (Foto). Dann fuhr ich zum Ev. Gemeindehaus. Schlag 13 Uhr kam der Pfarrer heraus und leitete mich zuerst in sein Amtszimmer. Er war sehr erfreut, dass sich jemand aus Deutschland für seine Kirchengemeinde interessiert. Eigentlich könnte er mit seinen 68 Jahren schon in Rente gehen, aber die Nachfolge wäre schwierig. Deshalb bleibt er noch 2 Jahre freiwillig im Dienst. Er berichtete das seine Gemeinde aus ca. 450 Gemeindegliedern in Melnik und Umgebung besteht. Jeden Sonntag ist 9 Uhr Gottesdienst zu dem rund 40 Besucher im Durchschnitt kommen. Musikalisch wird der Gottesdienst durch vier ehrenamtliche Kantoren begleitet, die sich mit dem Orgelspielen abwechseln. Das sei ein Segen für die Gemeinde. Jeden Sonntag wird im Pfarrhaus auch ein Kindergottesdienst angeboten. Er hat noch zwei weitere Predigtstellen in der Umgebung. Im nahen Steti ist einmal im Monat Gottesdienst, wo aber meistens nur 5-6 Gemeindeglieder kommen. Im zeiten Ort kommt fast niemand, weshalb immer Gemeindeglieder aus Melnik dazukommen. Jeden Mittwoch gibt er eine Bibelstunde für die überschaubare Anzahl von Kindern. Weitere Hauptamtliche Mitarbeiter gibt es nicht.

Fast im Nebensatz erwähnte er, dass er zugleich auch ausgebildeter Psychotherapeut sei. Deshalb suchen ihn zahlreiche Menschen auf. Er sagte: "Die Leute fragen nicht nach der Kirche, sondern nach den Grundlagen des Lebens“. Praktische Lebenshilfe, ist für ihn zugleich Nähstenliebe, die sich für ihn aus dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter ergibt, wie er seine Gemeindearbeit  versteht. Diese Lebensberatung sieht er auch als Missionsarbeit.

Die größte Herausforderung sei gegenwärtig die Flüchtlingshilfe, auf meine Frage nach den gegenwärtigen Herausforderungen in der Gemeindearbeit. So hat er zwei ukrainische Familien im Pfarrhaus aufgenommen und mit Ehrenamtlichen betreibt seine Gemeinde einen Kindergarten für ukrainische Kinder. Die zweite große Herausforderung ist die Koordinierungsarbeit mit dem kommunalen Bürgermeister. So finden im schlichten, aber großen Pfarrhaus auch kommunale Konzerte und ähnliche Veranstaltungen statt. Durch die vielfältigen und unterschiedlichen Aufgaben, sei seine letzte Pfarrstelle ein „Geschenk des Himmels“, weshalb er noch bis zu seinem 70. Lebensjahr freiwillig weiterarbeiten möchte.

Nach dem intensiven Gespräch gewährte er noch ein Blick in den Kindergarten für die ukrainischen Flüchtlingskinder, die gerade Mittagsschlaf machten und öffnete zum Schluss "seine" schlichte Ev. Pfarrkirche. Prunkvolle Kirchen, wie er sie in Bayern bei seinem Deutschlandaufenthalt gesehen hat, entsprechen nicht seiner Vorstellung von gelebten und praktischen Glauben. Zum Anschluss verdankte er sich für den überraschenden Besuch und vermittelte noch einen Kontakt zu seinem Pfarrkollegen im nahen Libis. Danach machte bei den Schlossterassen Mittag und schaute mir noch das Regionalmuseum an. Am späten Nachmittag radelte ich gemütlich bis kurz vor Libis. Unterwegs konnte ich den heiligen und sagenumwobenen Berg der Tschechen - Berg Rip - noch einmal aus der Ferne bestaunen (Foto). An dieser Stelle begann die Nationalgeschichte des tschehischen Volkes. Nach einer Stunde radeln schlug ich mein Zelt auf der schönen Elbuferwiese von Obristvi auf. Zahlreiche Angler und die Kinder vom nahen Kinderspielplatz beäugten mein seltsames Handeln.

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