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Der Schrei

Veröffentlicht: 05.09.2018

Mittwoch, 05.09.2018

Ein Schrei ist ein Ausdruck von Emotionen. Die Ursache dafür kann sehr unterschiedlich sein, wie auch der Schrei selbst.

Ein Schrei kann etwas wunderbares sein, ein Ausbruch von purer Freude, nach einem siegreichen Wettkampf eventuell.

Es kann vor Wut aus einem herausbrechen oder Zeichen von Angst sein, um damit andere um Hilfe zu bitten. (Wie ich heute bei einer Riesenspinne in meiner Tasche)

In meinem Beruf hat ein Schrei noch andere Bedeutungen.

‚Der erste Schrei‘ - immer wieder ein atemberaubender Glücksmoment für die werdenden Eltern und mich als Hebamme.

Und dann gibt es die Zeit davor, wo die Frauen schreien vor Überwältigung. Es ist natürlich ein Ausdruck von Leid, aber für mich spiegelt sich in diesen Schreien wahre Kraft und Stärke wieder. Und jede Frau bewundere ich für diese Stärke unter Geburt.

Doch manchmal gibt es Schreie, die fahren einem so tief unter die Haut, dass man sie eine Weile nicht vergisst.

Und das sind Schreie auf Grund von purem Schmerz.

Heute hörte ich zuerst den letzten dieser beschriebenen Schreie. Ich half meiner entbundenen Frau von gestern beim Stillen (erfolgt hier von den Schwestern leider nicht) und mich durchfuhr es am ganzen Körper. Ich eilte in den labour- ward (Kreißsaal) und konnte genau hören, dass diese Frau nicht unter Geburt steht. Klar jeder Mensch ist anders, aber mit etwas Erfahrung, lernt man Schreie einzuordnen. Etwas anderes schlimmes musste los sein.

Ich kam zu ihrem Bett, der Arzt vor ihr, die Frau (bzw. vermutlich noch Mädchen, ich schätze auf 16Jahre) weinend und aus tiefstem Herzen vor Schmerz schreiend. Überall Blut. Eine Schwester, die sie anschrie. Und ich erkannte.. Es handelt sich um einen Schwangerschaftsabbruch.

In Tansania streng verboten und dadurch illegal, ohne Betäubung/ Narkose oder Einfühlungsvermögen. Ich hatte das Gefühl, dass der Arzt und die Schwester mit Absicht brutal vorgehen, damit es eine ‚Lehre‘ wird.

Ich konnte nicht anders und hielt zumindest ihre Hand und sagte zu ihr ‚Pole sana‘ ( Es tut mir sehr leid)

Zum Schwangerschaftsabbruch an sich darf jeder Mensch einer anderen Meinung sein, das kann auch jeder einzelne nur selbst für sich entscheiden.

Ich hab mich daraufhin etwas belesen dazu und die Ausmaße einer ungewollten Schwangerschaft als unverheiratetes Mädchen sind wirklich unvorstellbar. Teilweise werden monatlich Tests gemacht in Schulen, wobei es Pflicht ist sich testen zu lassen. Fällt dieser positiv aus, werden die Menschen sofort von der Schule verbannt und es droht ihnen Gefängnis. Die Hoffnung etwas zu lernen und auf ein gutes Leben sind damit natürlich hin.

Doch ob dieses Mädchen nach dieser traumatischen Situation je wieder lachen kann, bezweifelte ich in diesem Moment stark.

Der Arzt war fertig, das Mädchen musste aufstehen (immernoch blutend) und nach Hause gehen. Denn schließlich soll niemand davon erfahren.

Es wechselte noch etwas Geld den Besitzer. Heftig!

Einfach nur furchtbar!

Daneben lag eine Frau in den Wehen. Ich kannte sie von gestern und ihre Schreie waren einfach nur pure Verzweiflung. Ich hatte das Gefühl, sie war mittlerweile zu schwach um laut zu schreien.

Seit 36h hatte die Frau nun annähernd den selben Befund, die Geburt war noch lange nicht absehbar und die Kraft dieser Frau logischerweise völlig aufgebraucht. Wo man in Deutschland die Möglichkeit von Schmerzlinderung durch eine PDA hat, gibt es hier einfach nichts- gar nichts. Sie war so taff, wechselte ständig ihre Position, bewegte sich und ruhte sich aus. Ich versuchte sie zu motivieren: mit Blicken, Berührungen und etwas Aufmerksamkeit. Sie verstand (wie die meisten Frauen hier) kein Wort englisch.

Doch als nach weiteren 7h keine Veränderung in Sicht war, wurde sie nach meinem Dienstende mit einem Kaiserschnitt erlöst.

In Deutschland hatte ich schon sehr oft das Gefühl, dass wir zu voreilig handeln. Manchmal den Frauen mehr Zeit geben sollten ohne zu intervenieren und in dieser Situation war ich der Meinung, dass der Frau zu lang diese Schmerzen zugemutet wurden.

Gibt es nicht eine gute Zwischenlösung?

Wir haben keinen ersichtlichen Grund gefunden, weshalb diese Frau nicht spontan entbinden konnte, aber Geburt ist viel Kopfsache. Und auch, wenn ich keine Ahnung habe, wie es ist selbst diese Schmerzen zu haben. Ich wüsste: in diesem Hospital, mit diesen Menschen, unter den Bedingungen, nach dem Hören von brutalen Schreien anderer Frauen, würde ich mich definitiv nicht fallen lassen können, um schön zu entbinden.

Wo ist nur das Einfühlungsvermögen der hier arbeitenden Personen?

Warum muss hier fast jede Frau traumatisiert den Kreißsaal verlassen?

Ja, annähernd an jedem Tag hier in der Klinik erlebe ich eine neue Situation, die mich sprachlos macht, aber auch wütend und man grübelt, wodurch man hier etwas verbessern kann. Ich hab keine Ahnung, von wem sie etwas lernen wollen und sich Ratschläge annehmen. Von mir eher ungern.

Aber ich versuche morgen wieder mit neuer Zuversicht in den Tag zu starten. 

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