Erste Übernachtung
Heute startete ich ausnahmsweise nicht in aller Herrgottsfrühe. Der Morgen war noch mit Terminen gefüllt, bevor ich mich endlich in den Zug Richtung Pfäffikon ZH setzen konnte....


Veröffentlicht: 04.08.2026












Tag 7 / 21.Juli 2026: Schaffhauser-Zürcherweg: Rapperswil SG nach Einsiedeln SZ
«Wohhhhow, Augen auf!» Ich fühlte mich beim Aufwachen heute prächtig und stark! Es gab keine Schnarcher diese Nacht. Kein Wunder, meine Mitbewohner in der Pilgerunterkunft schienen durchs Band Sportskanonen zu sein. «Wenn ich dann irgendwann einmal wochenlang unterwegs sein werde, bin ich einer von ihnen!» kicher ich in mich hinein. Eine noch absurde Vorstellung, bin ich doch eigentlich so unsportlich! Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Heute freue ich mich besonders auf den Tag. Zwar stecken mir die Kilometer von gestern noch in den Knochen, aber meine Hitzekopfschmerzen sind weg. In weiser Voraussicht habe ich am Abend vorher alles schon eingepackt und zurechtgelegt, damit ich um 6.00Uhr nur noch lautlos aus dem Zimmer huschen, und mich im Gemeinschaftszimmer fertig machen kann. Es gibt nämlich nichts schlimmeres als raschelnde Nachbarn, wenn man schlafen möchte und ich war heute die Erste, die loswollte.
Nach einem obligatorischen Kaffee ging es um 7.00Uhr «ufd Löitsch». Ein paar Nüsse mussten her. Der Tag würde heute anspruchsvoll werden, hiess es überall, also war Proviant unverzichtbar. Auf den 841 Meter langen Holzsteg von Rapperswil (SG) nach Hurden (SZ) freute ich mich besonders. Gut bin ich früh los, denn um 7.00Uhr zeigte das Thermometer bereits wieder 23 Grad an und die ersten Kilometer waren komplett Schattenfrei. Vorbei an der Kapelle Heilig Hüsli genoss ich also den Weg auf dem längsten Holzsteg der Schweiz. Ich war sogar vor den Schwänen wach, freute ich mich. Ihre Köpfe steckten allesamt noch im eigenen Federkleid.
Vor Pfäffikon (SZ) wurde es ziemlich öde. Es ging gefühlt ewig in brütender Hitze den Bahngeleisen entlang und nach dem Bahnhof mühsam und schwer «obsi». Gott war das heiss! Der Stolz wollte es nicht zulassen, beim Ortsausgang die vielen steilen Treppenstufen mit dem Bus zu überspringen. Endlich oben angekommen setzte ich mich neben eine Bikerin, die ebenso fertig auf einem Bänkli bei der Aussichtsplattform «Luegeten» im Schatten sass und wir kamen ins Plaudern und Lachen, als wir unterm Bänkli einen ausgelegten liebestollen Brief vorfanden, in dem es um unerwiderte Liebe und Sehnsucht ging. An uns war der Brief jedenfalls nicht gerichtet.
Vor mir lag wohl der anstrengendste Teil des Tages. Der steile Aufstieg führte stetig weiter bergauf über Wiesen und Waldwege bis zum Etzelpass auf 947 m ü M, dem höchsten Punkt der Wanderung. Tatsächlich brauchte es eine gewisse Kondition, aber es fiel mir so viel leichter im Schattenwald nach oben zu kraxeln. Mir dämmerte langsam, dass gar nicht meine vermeintlich schlechte Kondition das Problem ist, denn die scheint ganz in Ordnung zu sein. Oben auf dem Etzelpass lud das historische Berggasthaus und die Kapelle St.Meinrad zu einer Rast ein. Dort traf ich zum ersten Mal die Frau, der ich fortan auf meinem Weg in den nächsten zwei Tagen immer wieder still begegne. Die erste echte Pilgerin! Nach der Passhöhe ging es über die historische Tüfelsbrugg und dem Geburtsort von Paracelsus gemütlich bergab. Vorbei am Galgenchappeli öffnete sich bald das Panorama auf das Hochtal von Einsiedeln. Von da an war die Wanderung nur noch purer Genuss. Was für eine Aussicht, was ein Panorama! Ich freute mich so darauf, das Kloster Einsiedeln wieder einmal zu sehen. Das letzte Mal war ich mit der katholischen Schule vor über 35 Jahren hier und ich liebe solch schönen, geschichtsträchtigen Bauten einfach.
Und dann stand ich plötzlich um 14.00Uhr davor. Nach der Ruhe auf dem Jakobsweg wirkte der Eintritt auf diesen riesigen, gepflasterten Platz so majestätisch und feierlich! In der Mitte des Platzes steht der markante barocke Pilgerbrunnen von 1747 mit einer vergoldeten Statue der Jungfrau Maria. Es ist Tradition, dass jeder ankommende Pilger aus allen 14 Düsen des Brunnens einen Schluck Wasser trinkt. Jeder Wasserhahn steht für eine andere heiligende Wirkung und besonderen Schutz. Ich liebe sowas ja abgöttisch, aber da ich die einzige Pilgerin weit und breit war, war es auch ein bisschen seltsam, um den Brunnen zu kreisen und sich die verschiedenen Heilungen und Schutze einzuverleiben. Egal, ich lächelte vor mich hin und fühle mich gleich wie neu geboren. Bei der Hofpforte fühlte ich mich dann noch einmal superwichtig, als mir Einlass ins Kloster gewährt wurde. Ich war heute die einzige Pilgerin und hatte freie Bettenwahl im kargen 8-er Schlafsaal. Überhaupt war es ein eigenartiges Gefühl, zwischen den wandelnden Mönchen und den verwaisten Klostergängen.
Um 16.30Uhr begann in der Klosterkirche die feierliche Vesper mit dem weltberühmten Gesang des «Salve Regina». Dies wollte ich unbedingt miterleben. Und weil ich all die geschichtsträchtigen Dinge in mir aufsaugen wollte, schwebte ich schon vorher die ganze Zeit durchs Kloster, durch die Kirche und das ganze Areal. Die Klosterkirche faszinierte mich extrem. Trotz hunderten von Besuchern war es mucksmäuschenstill im heiligen Gebäude. Man hätte eine fallengelassene Stecknadel hören können. Diese Aura in diesem Gebäude… unbeschreiblich! Nachdem ich mir alles angesehen hatte, setzte ich mich für längere Zeit einfach nur in eine Bank und sog die Stimmung auf. Jedes kleinste Detail in dieser Kirche und auch im Kloster haben eine tiefere Bedeutung. Ich war glücklich und zufrieden und total bei mir.
Plötzlich entdeckte ich einen kleinen Altar. Dort konnte man kleine Zettelchen beschriften und einwerfen. Die Mönche würden die Zettel lesen und für die jeweiligen Anliegen beten. «Wie schön!» dachte ich, und legte sofort los. Ich schrieb für meine Kinder und ein wenig auch für mich. Dass wir eine unheilbare, chronische Krankheit und dazugehörige Existenzängste endlich in den Griff bekommen, dass wir zuversichtlich und mutig bleiben, dass alle ein glückliches Leben führen können und Schwierigkeiten fernbleiben oder gut bewältigbar sein werden usw. Ich warf das Zettelchen, wie alle anderen auch zufrieden in die Trommel, drehte mich um und wollte wieder Platz nehmen, da passierte es!
Tränen brachen urplötzlich sturzflutartig aus mir heraus. (Man erinnert sich? Ich weine so gut wie nie und schon gar nicht öffentlich!). Ich setzte mich in die Bank und schloss die Augen, konnte aber die Tränen nicht zurückhalten. Es war für mich eigenartigerweise okay, und ich fühlte mich, als sässe ich allein in dieser riesigen Kirche. Unsere Familie hat über Generationen so vieles getragen. Es war, als bräche die ganze Last aller, und vor allem auch die Meine mit einer gewaltigen Wucht durch mich nach draussen. Ich erinnerte mich an den Satz: «Irgendwann erwischt es jeden, jeder Pilger weint einmal auf seiner Pilgerreise!» Bei mir war es also scheinbar an Tag 7 so weit.
Kurz später begannen die Mönche gregorianisch zu singen. Ein magischer Moment! Das Kloster blickt auf eine über 1000-jährige Tradition des gregorianischen Chorals zurück. Die ganze Vesper hindurch flossen die Tränen weiterhin ausnahmslos. Im Anschluss formierten sich die Mönche zur feierlichen Prozession und schritten gemeinsam durch den Mittelgang und stellen sich im Kreis um die Gnadenkapelle herum, wo sie die vierstimmige Salve Regina mit Blick auf die schwarze Madonna sangen. Auch ich setzte mich vor die schwarze Madonna und lauschte den besonderen Klängen. Meine Tränen wichen einer tiefen Zufriedenheit. Und der Strahlenkranz der Sonne um die Madonna symbolisierte für mich Neuanfang und Zuversicht genau im richtigen Moment. Eine tiefe innerliche Sicherheit und Zufriedenheit ergriffen mich und ich schwebte nach diesen Ereignissen mental und körperlich völlig ausgelaugt auf mein Zimmer zurück. Ich war in einem völlig wertfreien IST-Zustand. Das Leben ist!
Eigentlich freute ich mich beim Nachtessen auf ein Glas Klosterwein. Aber Pustekuchen, gab es natürlich nicht. Es gab hauseigenes Quellwasser. Auch nett. Beim Abendessen im Gemeinschaftsraum (dort befanden sich auch Tagesgäste) sprach ich einen Mönch an, ob man denn im Kloster auch einen Pilgersegen erhalte? Der Mönch war gar nicht so, wie ich mir einen Mönch halt so vorstellte. Er war eher etwas ruppig unterwegs, aber er bot mir an, später zum Sigismundaltar in der Klosterkirche vorbeizuschauen. Ich hatte keine Ahnung welches der Sigismundaltar war, aber scheinbar erwischte ich den richtigen Ort, als er auf mich zuschritt. Ich wollte wohl lustig erscheinen, als ich in meiner Unbedarftheit sagte « Sie müssen entschuldigen, ich hätte mich für diesen feierlichen Anlass gerne etwas schicker gemacht, aber leider habe ich nur die Kleider dabei, die ich eben am Leib trage!» Oha! Alarm! Fettnäpfchen! Er fand es wohl überhaupt nicht witzig und verzog keine Miene. Später erfuhr ich, dass es vielleicht auch als Flirtspruch hätte gewertet werden können. Ich musste innerlich grinsen, der Mönch war ungefähr 90 Jahre alt, aber nun gut, daneben ist daneben!
Er wechselte auf die andere Seite einer Absperrung und ich musste mein Gesicht ganz nah an das vorhandene Gitter halten. Er vergewisserte sich nochmal, ob ich Pilgerin sei und wo ich hinwolle. Dann sprach er für mich allein und ganz persönlich einen wirklich sehr schönen Pilgersegen. Die wichtigsten Elemente des Segens beinhalteten den Reisesegen, den inneren Segen und die Heimkehr. Plötzlich stoppte er abrupt und erklärte: «Moment, jetzt gibt’s noch Wasser!» Er drehte sich um, schnappte sich sein Aspergill, tauchte es grosszügig und mehrmals ins Weihwasser und wedelte mich durch die Absperrung hindurch mehrmals klatschnass. Leute schauten amüsiert zu und verstanden kein Wort. Auch ich musste innerlich lachen. Na, wenn das nichts hilft! Vielleicht hatte ich die Segnung ja auch besonders nötig, deswegen die Schwemme!? Oder er rächte sich damit womöglich für meinen blöden Spruch? Jedenfalls war die Zeremonie hiermit feierlich beendet und ich fühlte mich wie nach einer russischen Banja. Der Mönch verabschiedete sich knapp und verschwand in sekundenschnelle im Nirgendwo.
Triefend nass tappte ich durch die Klosterkirche nach draussen und gönnte mir in der «Gartenbeiz» nebenan «pflotschnass» und verwirrt mein Glas Klosterwein, wo ich meinem «Pilgergspänli» wieder wortlos begegnete. Sie wollte wohl nicht reden, ich sah momentan ja auch nicht wie ein seriöser Gesprächspartner aus! Aber das war mir gerade recht, Ich hatte heute nebst meiner körperlichen Reise eine zutiefst spirituelle innerliche Reise erlebt, die man eigentlich gar nicht angemessen beschreiben kann, weil einem dafür die Worte fehlen. Auch diesen Abend legte ich mich wieder ausgesprochen früh schlafen und dachte dabei voller Dankbarkeit einmal mehr: Das Leben ist!
Erkenntnis des Tages:
Das Leben ist! Punkt!
In Klöstern gibt es keine Spiegel, dafür umso mehr Weihwasser!
Ich bin nicht unfit, die Hitze ist schuld!
Distanz: 17km, Höhenmeter Aufstieg: 790hm, Höhenmeter Abstieg: 315hm
