Die deftige Küche der Kreolen
Auf La Réunion kann man in diversen Restaurants die französische Küche geniessen. Spannender ist es, kreolisch zu essen - in einem Koch-Atelier habe ich einen Einblick bekommen.

Veröffentlicht: 12.06.2026




















Von der französischen Insel La Réunion im Indischen Ozean bin ich am 10. Dezember 2025 in 50 Minuten nach Mauritius geflogen – aus Faulheit, denn die rund 42 Stunden, welche die Autofähre von Saint Denis (Réunion) nach Port Louis (Mauritius) laut der Reise-App «Rome2Rio» braucht, wa-ren mir dann doch zu mühsam. Nur von Mauritius, nicht aber von Réunion ha-be ich später Direktflüge nach Südostasien, wohin ich noch vor Weih-nachten gelangen will.
Mit rund 2000 Quadratkilometern ist Mauritius gut halb so gross wie Mal-lorca, hat aber 1,3 Millionen Einwohner, das heisst sie ist ebenso dicht be-siedelt wie Réunion. Das merkt man spätestens, wenn man irgendwo rund um die Hauptstadt Port Louis (150.000 Einwohner) im Verkehrsstau ste-cken bleibt.
Komplizierte Geschichte
Verglichen mit La Réunion, welches seit 1638 französisch ist und seit 1947 ein vollwertiges Departement Frankreichs, ist die Geschichte von Mauritius komplizierter: Die Insel wurde 1505 von den Portugiesen entdeckt und ab 1638 von den Niederländern besiedelt. Ab 1715 nahmen sie die Franzosen in Besitz. 1810, während der Napoleonischen Kriege, eroberten die Briten die Insel. Am 12. März 1968 wurde Mauritius vom Vereinigten Königreich unabhängig, blieb aber Mitglied des Commonwealth.
Die bewegte Vergangenheit hat bis heute kuriose Folgen: Umgangs-sprachen sind Kreolisch und Französisch wie auf Réunion, die Amts-sprache hingegen ist Englisch, und es herrscht Linksverkehr. Bekannt ist die Insel auch wegen der «Blauen Mauritius», einer der berühmtesten, sel-tensten und wertvollsten Briefmarken der Welt. Sie wurde 1847 von der britischen Kronkolonie Mauritius herausgegeben und zeigt das jugendliche Porträt der damals 28-jährigen Queen Victoria.
Aufregende Vielfalt
Wegen der ereignisreichen Geschichte ist auch das Leben auf Mauritius von aufregender Vielfalt. Rund zwei Drittel der Mauritier stammen vom in-dischen Subkontinent; ihre Vorfahren wurden einst von den Briten als Kulis und Hausangestellte ins Land gebracht, während auf den Zucker-rohrplantagen Sklaven aus Afrika schufteten.
Hindu-Tempel finden sich über die ganze Insel verstreut, der grösste von ihnen an einem See namens Le Grand Bassin. Er ist Shiva und seiner Fa-milie geweiht, deren Mitglieder in zahlreichen, farbenfrohen Statuen reprä-sentiert sind. Gläubige legen Blumen nieder, stecken Kerzen an und trinken Wasser aus dem See; dieses sei so heilig wie jenes im Ganges, beteuert mein indischstämmiger Fahrer (mit dem ich französisch rede).
Kehrseite ist allerdings, dass die ethnischen Inder auch das politische Le-ben diktieren und in der Wirtschaft eine überproportionale Rolle spielen, während die Kreolen, afrikanisch-europäische Mischlinge, die ein knappes Drittel der Bevölkerung ausmachen, untervertreten sind. Und nicht nur das: Zwar sind die Inder seit Jahrhunderten hier ansässig und reden Kre-olisch wie alle andern auch. Aber das unselige Kastenwesen haben sie, so erzählt mir eine Lehrerin, eins zu eins importiert.
Fünfsterne-Luxus…
Vor einigen Jahren habe ich Mauritius auf die luxuriöse Tour mit Über-nachtungen in Fünfsterne-Resorts und einem Privatwagen mit Chauffeur bereist. Zuerst nächtigte ich im Trou aux Biches Beachcomber Golf Resort & Spa, versteckt in einem Palmenhain im äussersten Nordwesten der Insel, mit einem Sandstrand bis zum Horizont.
Das Resort verkauft sich als «romantischstes Hotel auf Mauritius» und hat eine treue deutsche und schweizerische Kundschaft. Bei booking.com ist das günstigste Zimmer für zwei Gäste mit Frühstück ab etwa 500 Euro pro Nacht buchbar, auf der Webseite des Hotels mit Frühbucherrabatt für ca. 450 Euro in der Neben- und mehr als 700 in der Hochsaison.
Das kleine, feine Constance le Prince Maurice Resort wird von der Constance-Gruppe als «Flaggschiff» bezeichnet und ist ähnlich teuer: In der Hochsaison ab etwa 700, in der Nebensaison ab etwa 450 Euro pro Nacht ist man als Paar dabei, Frühstück inklusive. Das Prince Maurice liegt in einer Lagune im Osten der Insel in der Nähe der Ortschaft Poste de Flacq, hat unter anderem Villen, die auf Stelzen im Wasser stehen, und am Abend kann man sich, sanft schaukelnd, in einem Restaurant auf Pontons unter weissen Segeln verpflegen.
Das Shanti Maurice Resort and Spa schliesslich, im Süden der Insel bei Saint-Felix, war früher ein reines Ayurveda-Hotel. Die Therapien im gross-zügigen Spa-Bereich spielen immer noch eine wichtige Rolle. Man kann im Shanti aber auch ganz normale Ferien verbringen, am Strand, an den Pools, in den Bars und Restaurants. Ein Doppelzimmer mit Frühstück für zwei kostet in der Nebensaison etwa 380, in der Hochsaison rund 700 Euro pro Nacht.
…oder schlichtere Freuden
Diesmal bin ich mit einem deutlich bescheideneren Rentner-Budget unter-wegs und könnte mir solch opulente Refugien nicht leisten, auch wenn Mauritius keineswegs eine günstige Destination ist. Statt eines Edelresorts für ein paar tausend Franken in der Woche habe ich ein Gästehaus direkt am Wasser für einen Bruchteil des Preises gewählt. Die «Auberge Sea-Fever» liegt auch nicht in einem schicken Ferienort, sondern im verschlafenen, vom Tourismus fast gänzlich unberührten Städtchen Mahé-bourg in der Nähe des Internationalen Flughafens.
Hier gibt man sich den schlichten Freuden hin: Baden an der Blue Bay oder der Pointe d’Esny, beide mit dem Bus in wenigen Minuten erreichbar. Das Wasser ist ebenso klar und türkisfarben, der Sand ebenso fein wie in den Fünfsterne-Resorts. Zum abendlichen Apéro trifft man sich am ehemaligen Hafen bei «Les Copains d’abord», und statt in einem überteuerten Schicki-micki-Lokal zu tafeln, lässt man sich «Chez Marilyn» simple, aber ausge-sprochen wohlschmeckende kreolische Speisen auftischen.
Gerettete Natur
Ob im Gästehaus oder im Resort: Es lohnt sich auf jeden Fall, die Insel aus-giebig zu bereisen. Mitten in den Zuckerrohrfeldern von Beau Plan, in der Gemeinde Pamplemousse, befindet sich ein spektakuläres Museum, L’Aventure du Sucre. Es erzählt in allgemein verständlicher Sprache nicht nur von der Entwicklung der Zuckerproduktion, einst das wichtigste Ex-portgut von Mauritius, sondern auch die wechselvolle Geschichte der Insel selber. Zudem widmet sich das Museum ausgiebig der Tragödie der Skla-verei und wird damit zu einem wichtigen Zeugen einer düsteren histo-rischen Epoche.
Zeitgenössische Geschichte lässt sich im Vallée de Ferney im Südosten der Insel, nördlich von Mahébourg, erleben. Hier soll ein Wald in seinen ur-sprünglichen Zustand versetzt, das heisst im Lauf der nächsten Jahrzehnte von allen invasiven Pflanzen befreit werden. Dass dieser malerische Natur-park überhaupt noch existiert, ist zivilem Widerstand zu verdanken, «viel-leicht der ersten mauritischen Bürgerinitiative überhaupt», wie unser Füh-rer erzählt.
Mitten durch das lauschige Tal mit Fernsicht aufs Meer wollte eine frühere Regierung eine Autobahn bauen, geplant und finanziert von Chinesen. «Dann wären die Gäste vom Flughafen aus eine halbe Stunde früher in ihren Hotels im Nordosten gewesen», sagt der Führer - und für diesen marginalen Zeitgewinn sollte eine der letzten intakten Kulturlandschaften auf Mauritius unwiederbringlich zerstört werden. Die Proteste hatten Er-folg: Kurz vor Baubeginn gab es Wahlen, und die Regierung, die den Stras-senbau gegen den Willen der Bevölkerung hatte durchpeitschen wollen, wurde abgewählt.
Ein Ausflug, den man nicht verpassen sollte, führt nach Chamarel in den Bergen im Südwesten. Dort gibt es ein einmaliges Naturphänomen zu be-sichtigen, die Terres des Sept Couleurs («siebenfarbige Erden»), eine völlig vegetationslose Hügellandschaft mit einem farbigen Streifenmuster, das von oxidierten Metallen wie Eisen und Aluminium stammt. Selfie-tauglich sind auch die Riesenschildkröten in einem Gehege bei den siebenfarbigen Erden.
Und wenn man schon in dieser lieblichen Gegend ist, besucht man die Rhumerie de Chamarel, eine moderne Destillerie, wo Zuckerrohrschnäpse hergestellt werden, die internationale Preise eingeheimst haben. Wer von Dienstag bis Freitag kommt, kann den Arbeitsprozess vom Auspressen der Zuckerrohre bis zur Destillation mitverfolgen. Am Schluss der Führung wird man zur Degustation der Schnäpse geladen.
So gestärkt (oder auch diskret umnebelt) lässt man sich zurückfahren ins Resort, um dort, am Strand unter strohgedecktem Sonnenschutz, den hochprozentigen Alkohol auszudünsten. Oder in meinem Fall: zurück ins Gästehaus, um mich auf einem Liegestuhl auf der Terrasse vom leisen Plätschern des Meeres in eine sanfte Siesta einlullen zu lassen.
